Im Menü von „Seven Paintings“ taucht auch Andy Warhols berühmte Suppendose auf, beim Kriminaldinner sorgen echte Schauspieler für die Unterhaltung der Gäste. Foto:  

Im Arcotel Camino hat eine neue Menü-Show ihre Premiere gefeiert: Bei „Seven Paintings“ bekommen die Gäste Kunst serviert. Krimis, Musicals oder Varieté als Unterhaltung zum Essen sind seit Langem ein Hit. Nun werden die Dinner-Events digital.

Mona Lisa schimpft mit ihrem Erschaffer: Leonardo da Vinci habe ihr Leben ruiniert, sagt sie. Auch im Arcotel Camino wird sie von allen Gästen angestarrt. Beim neuen Dinner-Event „Seven Paintings“ kann das legendäre Porträt schließlich sprechen. Es ist die erste digitalisierte Menü-Show in dem stetig wachsenden Markt, seit vor mehr als 20 Jahren zum Abendessen erstmals ein Krimi serviert wurde. Für die sieben Gänge quer durch die Kunstgeschichte sind Schauspieler nicht mehr notwendig, die gesamte Vorstellung wird von an der Decke hängenden Projektoren auf den Tisch gebeamt. Alle Menschen sollen zu Künstlern werden, erklärt ein ebenfalls zum Leben erweckter Leonardo da Vinci zum Ziel des Abends. Und tatsächlich darf mit dem Essen gespielt und gemalt werden. Die Idee stammt vom Düsseldorfer Start-up Interdine. Ein Platzhirsch der Branche hat seinen Sitz in der Region Stuttgart – und arbeitet ebenfalls an einem mit Computer animiertem Abendprogramm.

 
Bei „Seven Paintings“ sprcht Mona Lisa mit den Gästen. Der Tisch wird zur Projektionsfläche der Show rund ums Abendessen. Foto: Arcotel Camino

Der erste Gang von Seven Paintings ist eine Tomatenpraline mit Basilikumgel – als Hommage an Michelangelo in eine Hand gebettet. Banksy hat die Vorlage gegeben für das folgende Kalbscarpaccio, auf dem mit Olivenerde sein Mädchen mit dem Luftballon nachempfunden wurde. Gezeigt wird dazu ein Einspieler von der berühmten Auktion, bei der das Bild von ihm geschreddert wurde. „Haben Sie schon einmal einen Picasso gegessen?“, fragt der digitale Küchenchef, als andalusisches Barbenfilet mit Zitronen-Sellerie-Salat serviert wird. Seine „Weinende Frau“ liegt als Bild über dem Gericht, ihre in ein Fläschchen abgefüllten Tränen dienen als Soße. Beim Thema Jackson Pollock gibt es zu Gemüsesticks und Dips auch Pinsel, auf einer weißen Unterlage können die Gäste damit expressionistisch experimentieren. Zu Andy Warhol bekommen sie Rinderfilet mit Süßkartoffelstampf und „Insiderwissen für die Staatsgalerie“. Das Dessert ist Salvador Dalí gewidmet mit Trockeneisnebel und einer Crema Catalana, die surreal aus einer Kartoffel gegessen wird.

Aufmerksamkeit für die Hotels durch das Dinner-Event

Mit ihrer ersten Show ist die Firma Interdine bereits in einem Dutzend Städte vertreten sowie in Dubai und Kanada. In München läuft „The Art of Dining“ seit einem Jahr an sechs Abenden die Woche, 129 Euro kostet die zweieinhalbstündige Show pro Person, in Stuttgart sind viele Termine bereits ausgebucht. „Die Menschen möchten entertaint werden“, sagt Berkay Okan von dem Start-up. Mit Kunst „als universeller Sprache“ wollen er und seine Kollegen „eine breite Masse ansprechen“ sowie „Erlebnisse, Emotionen und Erinnerungen schaffen“. Zu den Themen Film und Musik arbeitet das Team schon an neuen digitalen Konzepten. Für den Hoteldirektor  Norbert Schneider ist „Seven Paintings“ ein Mittel, um „die Schwellenangst in der lokalen Community vor dem Hotel“ zu senken und den Bekanntheitsgrad zu steigern. So mancher Gast komme dabei vielleicht auf Idee, das Hotel für Familienfeiern zu buchen oder den Verwandtschaftsbesuch dort unterzubringen. Auch die Dinner-Events vom Marktführer Harald Engesser laufen im Arcotel Camino.

Mit „Mord am Hochzeitsabend“ startete Deutschlands größter Krimidinner-Anbieter im Februar 2010 im Gemeindehaus von Weil der Stadt. In dem Jahr organisierte er 15 der Abendessen, mittlerweile kommt er auf 2000 Veranstaltungen im Jahr an 450 Orten. Er hat 50 verschiedene Stücke im Angebot und 200 Künstler unter Vertrag. „Zeit- und Erlebnisgeschenke boomen“, erklärt seine Assistentin Pauline  Möhler  den  Erfolg. Nach der Corona-Pandemie gab es einen weiteren Schub, „weil die Menschen gemerkt haben, wie wichtig gemeinsame Veranstaltungen sind“. Zwischen den drei Gängen führen die Schauspieler das Stück auf, geben den Gästen kleine Rollen und lösen gemeinsam mit ihnen den Mordfall. „Blutbad im Gemeinderat“ und „Sherlock Holmes und die vergiftete Maultäschlesupp’“ sind Dauerbrenner. Im Kulinarium an der Glems, im Hotel Graf Zeppelin und im Restaurant Amazonica in der Wilhelma laufen die Events noch, zwischen 70 und 130 Euro kosten die Tickets. „Wenn es draußen dunkel ist, kommen die Leute gerne zu uns“, sagt Pauline Möhler über die Hauptsaison von Oktober bis Ostern. Ein Kriminal-Dinner mit Animationstechnik bringt die Agentur Anfang 2025 auf den Markt. Längst im Angebot hat sie ein Musical- und ein Varieté-Dinner, auch Grusel gibt es zum Menü oder ein Abendessen in Dunkelheit.

Das Dunkelrestaurant in der Rosenau seit Jahren

Stuttgarts ältestes Event-Dinner soll dagegen gar kein Event sein: Eigentlich als einmalige Veranstaltung organisierte Barbara Antonin vor 21 Jahren das erste Dunkelrestaurant in Zusammenarbeit mit der Nikolauspflege. „Zur Integration und zur Wahrnehmung von sehbehinderten Menschen“ sollte das Abendessen dienen. Es war so erfolgreich, dass daraus im Stuttgarter Lokal Rosenau eine Dauereinrichtung wurde, die fast immer ausgebucht ist, berichtet das Vorstandsmitglied vom Verein Aussicht. Im Restaurant ist es dann „wirklich stockfinster“, nur blinde oder fast blinde Menschen arbeiten im Service. „Wir machen das Original“, sagt Barbara Antonin, „unsere Gäste gehen mit einem neuen Bewusstsein nach Hause.“