Volker Kefer hat bei der Bahn das Handtuch geworfen. Foto: dpa

Die Stuttgart-21-Kritiker frohlocken. Ausgerechnet ihr jahrelanger Widersacher, Bahn-Vorstand Volker Kefer, wirft das Handtuch. Sie schöpfen neue Hoffnung, dass Alternativen zum Tiefbahnhofprojekt doch noch zum Zuge kommen.

Stuttgart - Die Kritiker des Bahnprojektes Stuttgart 21 werten den Rückzug von Volker Kefer aus der Spitze des Bahnkonzerns als „Eingeständnis des Scheiterns“ des Milliardenvorhabens und Chance für einen Ausstieg. „Der für Stuttgart 21 verantwortliche oberste Bahnmanager zieht nun offenbar seine persönliche Notbremse vor dem sicheren Aufprall auf dem Prellbock eines baulich, finanziell und kommunikativ völlig unkontrolliert taumelnden Projekts“, teilte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 am Mittwoch mit. Die Aktivistengruppe Parkschützer sieht sich in der Forderung nach einem Umstieg vom geplanten Tiefbahnhof auf die Modernisierung des bestehenden Kopfbahnhofs bestärkt.

Vorstand Kefer hatte dem Aufsichtsrat überraschend den Rückzug aus der Spitze der Deutschen Bahn bekannt gegeben. Der Stellvertreter von Vorstandschef Rüdiger Grube reagiert damit auf Kritik an seiner Amtsführung. Ihm wurde angelastet, den Aufsichtsrat zu spät über mögliche Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen bei Stuttgart 21 informiert zu haben. Die Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens wird nun voraussichtlich 2023 fertig werden, zwei Jahre später als zuletzt geplant. Außerdem sind die Finanzpuffer des 6,5 Milliarden Euro teuren Vorhabens fast restlos aufgebraucht.

Kefer informierte am Mittwoch den Aufsichtsrat unter anderem über die Situation des Projektes. Zuvor hatte der stellvertretende Aufsichtsratschef und Vorsitzende der Bahngewerkschaft EVG, Alexander Kirchner, betont, unabhängig von Kefers Entscheidung bleibe „die Frage, warum der Aufsichtsrat zu spät über Kostensteigerungen und Bauverzögerungen informiert wurde“. Es müsse „geklärt werden, ob die vorhandenen Kontrollmechanismen ausreichen und wie gegebenenfalls nachgesteuert werden muss“. Auch die Stuttgart-21-Projektpartner Land und Stadt Stuttgart hatten die Informationspolitik der Bahn heftig kritisiert.

Pro Bahn hält den Rückzug Kefers für überfällig

Der Stuttgarter Flughafengeschäftsführer Walter Schoefer mahnte: „Für den Flughafen ist von größtem Interesse, dass ein Personalwechsel zu keiner weiteren Zeitverzögerung im Projekt führt.“ Der Airport als Projektpartner steuert rund 360 Millionen Euro zu dem Projekt bei, zu dem auch eine schnelle Anbindung der City an den Flughafen gehört. Schoefer lobte Bahnvorstand Kefer als „versierten Techniker mit ausgeprägtem Verhandlungsgeschick“.

Der Fahrgastverband Pro Bahn hält den Rückzug Kefers für überfällig, bezeichnete dessen Position aber auch als einen „Schleudersitz“. Stuttgart 21 sei ein Fass ohne Boden, das Mittel für wichtige Aufgaben wie die Sanierung von Bahnhofsanlagen und des Streckennetzes binde. Außerdem sei der geplante Tiefbahnhof zu klein bemessen, sagte Alexander Drewes vom Verband. Er prognostizierte, dass am Ende die von S-21-Schlichter Heiner Geißler favorisierte Kombi-Lösung aus einem Tiefbahnhof für den Fernverkehr und dem bestehenden Kopfbahnhof für den Nahverkehr entsteht.

Kefer ist nicht der erste Manager, der sich an Stuttgart 21 die Zähne ausbeißt. Im Jahr 2011 gab der durch den Bau des Berliner Hauptbahnhofs bekannt gewordene Hany Azer nach drei Jahren als Stuttgart-21-Projektleiter entnervt auf. Er hatte eine interne Liste mit 121 Risiken in Höhe von 1,2 Milliarden Euro erstellt. Auch sein Nachfolger, das spätere Mitglied der Geschäftsführung der 2013 gegründeten Projektgesellschaft, Stefan Penn, schied Anfang 2015 aus dem Projekt aus.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Wahlkreis Nürtingen) forderte einen Vergabestopp bis zur Klärung von Kosten und Finanzierung. Die Bahn hat nach eigenen Angaben bereits 70 Prozent der Aufträge vergeben.

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