Neben finanziellen Sorgen treiben die Brandopfer auch psychische Belastungen um. Depressionen und Angstträume zählen dazu. Sie suchen außerdem dringend nach einer Wohnung.
Nürtingen - „Die reden alle nur und keiner tut was“, sagt Oliver Greiner über seine Lage. Der 49-Jährige zählt zu den Opfern des Brandes, der am 1. und 2. November zwei Todesopfer gefordert und zwei Gebäude in der Nürtinger Schafstraße zerstört hat. Die dort lebenden Menschen leiden weiterhin an den Folgen der Brände und reagieren entsprechend frustriert. Der 49-Jährige befürchtet, an Weihnachten „ohne Essen da zu sitzen“, denn jeden Monat sei nach zwei Wochen das Geld vom Jobcenter bereits aufgebraucht.
„Ich habe fast alles verloren“
Viel Geld gehe jeden Monat allein für den Bus drauf, wenn er von seiner Unterkunft im Ortsteil Reudern zu seiner Arbeitsstelle im Nürtinger Tafelladen fahre. Pro Tag koste das 5 Euro, eine Rückfahrkart zum Jobcenter Esslingen fast 13 Euro. Besonders bitter sei die Geldknappheit jetzt im Dezember, denn die 100 Euro Soforthilfe, die das Jobcenter den Brandopfern im November ausbezahlt hatte, sei ihm wieder abgezogen worden. Das bestätigt auch das Jobcenter Esslingen: „Die vorzeitig erbrachte Zahlung ist von der Auszahlung für den nächsten Monat einzubehalten. Eine ,Soforthilfe’ als Beihilfe in Form von zusätzlicher Auszahlung der Regelleistung ist im SGB II, (gemeint ist das Sozialgesetzbuch), nicht vorgesehen.“
„Ich habe fast alles verloren. Meine Kleidung, Fotos, eben viele meiner persönlichen Dinge“, sagt eine Frau. Auch Laptop, Flachbildschirm, Föhn, Hygieneartikel und „alles, was eine Frau so braucht“ seien in ihrem Zimmer bei dem Feuer zerstört worden. Die Frau war nach der Trennung von ihrem Mann in der Nürtinger Schafstraße untergekommen, hielt sich in der Brandnacht aber bei Freunden auf. Heute sagt sie: „Zum Glück, sonst wäre ich auch verbrannt“. Die Frau spielt damit auf die beiden Opfer der Brandkatastrophe an. Bei dem Feuer am 1. November in der Schafstraße 2 kamen ein 53-jähriger und ein 37 Jahre alter Bewohner ums Leben. Insgesamt wurden 41 Menschen obdachlos. Strittig ist, ob in dem Haus Zimmer ohne Fenster vermietet wurden, wie eine Angehörige und eine ehemalige Bewohnerin erklärten.
Nicht nur finanzielle Sorgen
Die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt, sie habe in der Schafstraße 2, ein Zimmer ohne Fenster für 500 Euro gemietet. Das sei eigentlich nur ein Abstellraum. Ihr Vermieter habe ihr den Raum übergangsweise angeboten, bis etwas anderes im Gebäude frei werden würde. Und da sie sich von ihrem Partner getrennt hatte und dringend ein Dach über dem Kopf suchte, habe sie sich auf die Unterkunft eingelassen. Der Vermieter sagte auf Anfrage, dazu wolle er keine Stellungnahme abgeben.
Es sind nicht nur die unmittelbaren finanziellen Sorgen, die die ehemaligen Bewohner drücken. Die Erlebnisse und die Folgen der Brandkatastrophe belasten beispielsweise auch die Witwe des 53-Jährigen, der dort ums Leben kam. Sie leide sehr unter den schrecklichen Erinnerungen. Erst durch Schreie seien sie und ihr Mann an dem Abend aufgewacht und auf das Feuer aufmerksam geworden. Die beiden Eheleute hätten versucht, gemeinsam zu flüchten, doch nur die Frau habe das brennende Haus noch rechtzeitig verlassen können, berichtet ihr Anwalt. Dazu kämen nun die wirtschaftlichen Nöte, denn der Ehemann sei der Hauptverdiener der kleinen Familie gewesen. Ihre eigene Arbeit habe die Frau, die momentan nicht in der Lage sei, erwerbstätig zu sein, inzwischen verloren.
Appell der Stadt Nürtingen
Von schweren psychischen Belastungen erzählt auch ein 39-jähriger ehemaliger Mitbewohner. Er schrecke immer wieder aus Angstträumen auf und sei „völlig durch den Wind“, das Erlebte lasse sich nicht einfach abschütteln, berichtet er. Eine weitere ehemalige Mitbewohnerin erzählt von Depressionen, „weil mich die Situation so sehr belastet“.
Die Verantwortlichen der Stadt Nürtingen stehen vor der Herausforderung, Wohnraum für die 41 Menschen zu finden, die nach den Bränden in Notunterkünften untergebracht wurden. „Derzeit verfügen wir leider über keinen Wohnraum“, heißt es. In der jüngsten Sitzung des städtischen Eigenbetriebs Gebäudewirtschaft Nürtingen sei immerhin über die Schaffung von zwei Objekten für Wohnraum gesprochen worden, erklärte die Pressestelle der Stadt auf Anfrage unserer Zeitung. In ihrer Not hat sich die Kommune an die Öffentlichkeit gewandt. In dem Aufruf heißt es, die Stadt Nürtingen rufe Vermieter mit entsprechenden Möglichkeiten auf, sich solidarisch zu zeigen und wenn möglich, Wohnraum anzubieten. „Deshalb appelliere ich an alle Eigentümer: Stellen Sie Ihren Wohnraum denjenigen zur Verfügung, die ihn am dringendsten brauchen“, sagt die Bürgermeisterin Annette Bürkner. Als Vermittler werde der Soziale Dienst der Kommune fungieren, der im Kontakt zu den Brandopfern stehe.
Barauszahlung wird vorbereitet
Die Vorstellung, dass er noch länger in der Obdachlosenunterkunft in Nürtingen-Reudern ausharren soll, bereitet Oliver Greiner indes handfeste Sorgen. Er müsse sich zügig einer weiteren Operation am Gehirn unterziehen, berichtet der 49-Jährige. Solange er keine eigene Wohnung habe, wolle er diesen Eingriff aber lieber hinauszögern – auch wenn das sein Leben gefährde.
Um die unmittelbare wirtschaftliche Not etwas zu lindern, haben die Verantwortlichen der Stadt Einkaufsgutscheine über einen Hilfsfonds organisiert. Über Spenden, die das Konto des Vereins Gemeinsinn erreichten, wurden in einem ersten Schritt insgesamt 1040 Euro in Form von Lebensmittel-Gutscheinen an alle Betroffenen verteilt. Dabei hätten Einzelpersonen Gutscheine im Wert von je 40 Euro erhalten, die beiden Familien jeweils zwischen 100 und 200 Euro, teilte die Kommune mit. Nun werde eine Barauszahlung von insgesamt 4000 Euro vorbereitet, die gleichmäßig verteilt werden sollen. „Selbstverständlich reichen die Spendengelder nicht aus, um sämtliche Ausgaben der Bewohner zu decken. Sie sind aber eine zusätzliche Unterstützung, die durch die Spendenbereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht wurde und stellen keine originäre Leistung der Stadt dar“, erklärt ein Stadtsprecher.
Die Stadt Nürtingen hat einen Spendenfonds eingerichtet: Der Hilfsfonds läuft auf ein Spendenkonto des Vereins Gemeinsinn bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen.