Nach ICE-Brand in Montabaur S-21-Kritiker nehmen Brandschutz ins Visier

Von Thomas Durchdenwald 

Der brennende ICE bei Montabaur Mitte Oktober wirft auch Fragen bezüglich S 21 auf. Foto: dpa
Der brennende ICE bei Montabaur Mitte Oktober wirft auch Fragen bezüglich S 21 auf. Foto: dpa

Mitte Oktober ist ein ICE bei Montabaur ausgebrannt. Was ist, wenn so etwas im Tiefbahnhof oder in den Tunneln von S 21 passiert? Die Bahn verweist auf ihr Brandschutzkonzept, Projektgegner üben daran heftige Kritik und prophezeien „Hunderte Opfer“.

Stuttgart - Nach dem ICE-Brand bei Montabaur, bei dem Mitte Oktober zwei ICE-Wagen komplett ausbrannten, die 510 Fahrgäste den Zug auf freiem Gelände aber rechtzeitig verlassen konnten, rückt für das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 der Brandschutz beim Tiefbahnhofund den rund 60 Kilometer langen Tunneln wieder in den Blickpunkt. Gestützt auf eine Studie der beiden ausgewiesenen S-21-Kritiker Hans Heydemann und Christoph Engelhardt, die zahlreiche Mängel beim Brandschutzkonzept entdeckt haben wollen, fordern sie, dass die im Planfeststellungsbeschluss verankerte Genehmigung vom Eisenbahn-Bundesamt (Eba) zurückgenommen wird.

Thema auf Montagsdemonstration

Der Brandschutz war auch Thema der Montagsdemonstration auf dem Schlossplatz und einer Abendveranstaltung von Aktionsbündnis und SÖS/Linke-plus im Rathaus, auf der der Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim sprach, der Gutachter bei der Gletscherbahnkatastrophe in Kaprun mit 155 Toten war und das S-21-Brandschutzkonzept kennt. Keim erklärte am Vormittag auf einer Pressekonferenz des Aktionsbündnisses, dass er für mobilitätseingeschränkte Personen keine Chancen sehe, den Großbrand eines Zugs im Tunnel- und Tiefbahnhofbereich zu überleben: „Die Chance, lebend herauszukommen, geht nicht gegen null, sie ist gleich null.“

Dabei bezieht sich Keim aufMängel, die Heydemann und Engelhardt in ihrer 170-seitigen Arbeit akribisch auflisten. In der Tiefbahnsteighalle seien die Fluchtwege zu eng, die Fluchttreppen zu steil und mit nur 26 Zentimeter Stufentiefe ohne ausreichende Trittfläche, die Rauchabdrängung über die Luftaugen funktioniere nicht wie geplant, und es müssten mehr Menschen gerettet werden als unterstellt. Die Folge, so die Autoren: „Hunderte Passagiere werden vom Rauch eingeholt und ersticken.“ Nicht besser sehe es bei einem Brand im Tunnel aus. Auch hier seien die Fluchtwege für die Masse von Fahrgästen zu eng, der Abstand zu den Rettungsstollen entspreche nur dem Mindeststandard. Dies führt dazu, dass Heydemann und Engelhardt bei einem Vergleich von Tunnelbauten in Europa zu dem Ergebnis kommen, dass „S 21 die mit Abstand größten Sicherheitsdefizite beim Brandschutz aufweist“.

Bahnsprecher weist Kritik zurück

Ein Sprecher der S-21-Projektgesellschaft will sich „zu dem uns unbekannten Papier nicht äußern“. Er betont aber, dass „die vom Eba genehmigte Planung für den künftigen Hauptbahnhof ein Maximum an Sicherheit für die Reisenden bietet. Diese Planung findet auch die Zustimmung der Branddirektion der Stadt Stuttgart.“ Die Evakuierungspläne seien mit dem Dachverband Integratives Planen und Bauen abgestimmt „und werden ausdrücklich begrüßt“.

Die Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke-plus hat am Montag einen Antrag mit elf Fragen zum Szenario eines ICE-Brands bei Stuttgart 21 eingereicht. „Die Stadt ist S-21-Projektpartner und muss diese Fragen klären“, forderte Fraktionschef Thomas Adler. Werner Sauerborn vom Aktionsbündnis forderte OB Kuhn und die Stadträte zu einer offenen Diskussion über das Brandschutzkonzept und der Kritik daran auf: „Bisher herrscht Ignoranz und Leichtgläubigkeit.“

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