Foto: Max Kovalenko/PPF

Dieter Reicherter hat dem Staat 34 Jahre lang gedient. Jetzt kämpft er gegen die Justiz – wegen Stuttgart 21.

Stuttgart - Kaum ein Örtchen könnte die Vorstellung vom idyllischen Landleben besser ausfüllen als Fautspach. Der kleine Teilort von Althütte im Schwäbischen Wald liegt mitten im Grünen, Bauernhöfe säumen die Sträßchen. Doch ein Tag im Juni hat in dem Hundert-Seelen-Flecken fürs Erste einiges verändert. Seither geben sich hier die Fernsehteams ein Stelldichein.

Der Hauptdarsteller des Krimis ist an jenem 27. Juni gar nicht zu Hause. Als die Polizei anrückt, befindet sich Dieter Reicherter im Ausland. Auf einer Reise, die er nicht verschieben kann, obwohl kurz zuvor seine Mutter gestorben ist. Die Beerdigung soll am Tag nach der Rückkehr sein. Der 64-jährige pensionierte Richter fällt aus allen Wolken, als man ihm per Handy mitteilt, man durchsuche sein Haus. Den Schlüssel besorgen sich die Einsatzkräfte in der Nachbarschaft. Sie nehmen zwei Computer und zahlreiche Unterlagen mit. Im Dorf herrscht Aufruhr. Kurzzeitig geht das Gerücht, Reicherter stehe unter Korruptionsverdacht.

Doch darum geht es nicht. Reicherter ist noch nicht einmal Verdächtiger, sondern lediglich Zeuge. Im Februar hat der Jurist Unterlagen öffentlich gemacht, die in seinen Augen belegen, dass die Grün-Rote Landesregierung Gegner wie Befürworter des Bahnprojekts Stuttgart 21 gleichermaßen bespitzelt – genauso wie angeblich zuvor Schwarz-Gelb. Er nennt das „Gesinnungsschnüffelei“. Die Information über diesen Rahmenbefehl muss aus Sicherheitskreisen stammen. Die Staatsanwaltschaft vermutet deshalb Verletzung des Dienstgeheimnisses und erwirkt einen Durchsuchungsbefehl für Reicherters Haus.

Die Staatsanwaltschaft bezeichnet das Vorgehen als normal

Diese Tatsache an sich stört den zurückhaltenden Mann nicht. Aber die Umstände. „Am schlimmsten ist für mich, dass niemand dabei gewesen ist“, sagt er. „Das macht man normalerweise nicht und ist für mich, der aus der Justiz kommt, unglaublich.“ Zudem wisse er bis heute nicht genau, welche Unterlagen mitgenommen worden sind. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und lässt den Blick durch die Wohnung schweifen. Eine kleine Theke, ein solider Esstisch, eine Sofaecke mit Blick ins Grüne. Alles ist wieder ordentlich. Vor ein paar Tagen hat die Polizei diese Räume auf den Kopf gestellt.

Reicherter spricht ohne Bitterkeit in der Stimme. Ruhig und sachlich arbeitet er die Vorkommnisse auf. „Unterbrechen Sie mich, wenn ich zu weit aushole“, sagt er immer wieder fast entschuldigend. Die Computer hat er inzwischen zurückbekommen. Doch was mit all den Daten geschieht, weiß er nicht.Von den familiären Ereignissen habe man nichts geahnt, heißt es bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Und eine frühzeitige Ankündigung sei bei Hausdurchsuchungen weder üblich noch sinnvoll.

Als Richter war er selten zimperlich

Wie es sich anfühlt, ins Visier der Justiz zu geraten, weiß der 64-Jährige genau. Allerdings aus der anderen Perspektive. 34 Jahre lang hat Reicherter dem Staat gedient. Erst bei der Staatsanwaltschaft, dann als Richter an diversen Amtsgerichten, am Landgericht, am Oberlandesgericht. Selten zimperlich, sagen Weggefährten. Zuletzt war er Vorsitzender einer Strafkammer am Stuttgarter Landgericht. „Ich habe selbst im Laufe der Zeit tausende Durchsuchungsbeschlüsse erlassen“, sagt er, „aber so etwas wie bei mir jetzt war für mich nicht vorstellbar.“

Eher zufällig landet er am 30. September 2010 im Schlossgarten

Im Fautspacher Wohnzimmer gehen seitdem die Journalisten ein und aus. Ein früherer Richter, der mit der Justiz aneinandergerät, ist nicht alltäglich. In der Ecke steht die Musicbox. Reicherters Leidenschaft für Musik, für Platten und CDs ist offenkundig. Und indirekt einer der Auslöser dafür, dass er ins Nachdenken über seine frühere Tätigkeit gekommen ist. Nicht erst am 27. Juni.

Zwei Jahre zuvor, am 30. September 2010, ist er zufällig in Stuttgart, um eine frühere Kollegin zu treffen und sich nach Platten umzuschauen. Rein interessehalber schaut er im Schlossgarten vorbei, als er hört, dass sich dort die Polizei geradezu eine Straßenschlacht mit Demonstranten liefere. Ein Ereignis, das sein Leben seither geprägt hat.

„Wie im Bürgerkrieg“

„Das war wie im Bürgerkrieg. Ich konnte gar nicht begreifen, dass das der Staat ist, dem ich bis kurz zuvor gedient hatte“, erinnert er sich. Durchnässt vom Wasserwerfer und schockiert von den Bildern reicht er Dienstaufsichtsbeschwerde beim Innenministerium ein. Doch was er in den folgenden Monaten erlebt, hat für ihn „nichts mit Wahrheitsfindung zu tun“. Er äußert sich öffentlich – und wird schnell zum Hoffnungsträger vieler Stuttgart-21-Gegner. Ein ehemaliger Richter, da ist man sich einig, kann sich mehr Gehör verschaffen als andere.

„Bis dahin war ich überhaupt nicht festgelegt zu Stuttgart 21 und vorher auch noch nie auf einer Demo“, blickt Reicherter zurück. Das ändert sich. Heute ist er der Meinung, „dass beim Projekt genauso gelogen wird wie beim 30. September“. Das setze sich etwa beim EnBW-Deal der Regierung Mappus fort. „Ich habe den Eindruck, dass bei hochkarätigen Dingen einseitig ermittelt wird“, sagt der frühere Ermittler.

Reicherters Grundvertrauen in Justiz und Politik ist erschüttert. Und man spürt, dass es ihm lieber wäre, er könnte etwas anderes von sich behaupten. Der Frage, ob er sich angesichts seiner jüngsten Erfahrungen heute wieder für einen Einstieg in die Gerichtslaufbahn entscheiden würde, weicht er ein Stück weit aus. „Es ging mir immer darum, die Wahrheit zu finden“, sagt er nach einer Weile. „Solche Gedanken wie heute habe ich mir früher gar nicht gemacht. Vielleicht hätte ich jetzt einfach andere Ansätze.“

Die Hausdurchsuchung bringt Aufmerksamkeit

Aufgeben will er nicht. Daran ändert auch die Volksabstimmung nichts. „Man kann nicht sagen, damit sei alles gedeckt, was jetzt geschieht. Da kann ich meine Überzeugung nicht im Keller verstecken.“ Der Rummel, der jetzt um seine Person ausgebrochen ist, kommt ihm dabei nicht ungelegen, das gibt er zu. „Im Nachhinein betrachtet war die Hausdurchsuchung sogar gut“, sagt er, „jetzt ist plötzlich Interesse da.“ Ein unfreiwilliger Gefallen der Staatsanwaltschaft. Um ihn selbst gehe es dabei nicht, betont er. Er wolle Aufklärung.

Ob er das, was er sich darunter vorstellt, noch bekommt, ist fraglich. Vonseiten der Landesregierung scheint die Bereitschaft gedämpft zu sein. „Selbstverständlich waren wir mit Herrn Reicherter im Gedankenaustausch“, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Damit meint der Grünen-Politiker ein Treffen im vergangenen Dezember, an dem der Landeschef selbst aber gar nicht teilgenommen hat. Laut Reicherter ging es dabei nicht um seine Beschwerdeschreiben, sondern um die Vorbereitung der Räumung des Schlossgartens. Dabei sollte der Ex-Richter beschwichtigend auf die Demonstranten einwirken. „Die Gespräche sind konstruktiv verlaufen“, betont Kretschmann, „was wir nicht gemacht haben, ist, auf seinen Brief förmlich zu antworten.“ Der Form aber fühlt sich ein Jurist besonders verpflichtet.

Im Kreis der ehemaligen Kollegen gebe es durchaus Zustimmung für seine Position, erzählt Reicherter. Das gilt freilich nicht für alle. Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler etwa hat laut Zeugen in einer Akte Interessantes vermerkt: Bei ihm sei der Eindruck entstanden, Reicherter habe eine Wahnvorstellung entwickelt. „Ein solcher Mann sollte objektiv sein“, sagt der Ex-Richter dazu nur. Beide saßen früher gelegentlich gemeinsam in Verhandlungen.

Für einen Querulanten hält Reicherter sich nicht

Ein Querulant sei er nicht, betont Reicherter: „Ich gehe schließlich zielgerichtet und sachlich vor.“ Kleine Bösartigkeiten kann er sich aber manchmal nicht verkneifen. Der Staatsanwaltschaft etwa hat er mal eine durch und durch ironisch formulierte Einladung zu einem Gottesdienst der Stuttgart-21-Gegner geschickt – „damit sie uns dabei besser überwachen können“. Eine neue Rolle für den Ex-Richter.

Zumindest ein paar Tage noch wird es in Fautspach den einen oder anderen Besucher geben, der sich sonst nicht hierher verirrt. Solange, bis das Interesse wieder abebbt und die Karawane weiterzieht. Von der Staatsmacht, die eines Tages angerückt ist, wird man sich noch länger erzählen. Und mittendrin wird einer den Hauptpart spielen, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner früheren und seiner heutigen Rolle.

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