Timo Baumgartl wird auf einer Trage nach seinem Zusammenprall aus dem Stadion getragen und in die Berliner Charité gefahren. Foto: imago/Matthias Koch

Der Innenverteidiger von Union Berlin erleidet im Spiel gegen Arminia Bielefeld eine schwere Gehirnerschütterung – es ist die vierte in der Karriere. Wie lange der Ex-VfB-Spieler ausfällt, ist noch unklar.

Stuttgart/Berlin - Timo Baumgartl ist ein harter Kerl, der Abwehrspieler geht furchtlos in die Zweikämpfe, und man könnte fast meinen, der einstige Profi des VfB Stuttgart schont dabei sich selbst weit weniger als seine Gegenspieler. Die Verletzungsakte des Profis von Union Berlin ist wahrscheinlich eine der längeren im Profifußball – und nun kam am Samstag ein weiterer Eintrag dazu.

 

Der 25-Jährige zog sich im Spiel gegen Arminia Bielefeld (1:0) bei einem Zusammenprall mit dem Arminen Fabian Klos eine schwere Gehirnerschütterung zu, er war auf dem Platz kurz bewusstlos und wurde mit einer Nackenstütze auf einer Trage vom Feld gebracht. Aus der Berliner Charité kam am Samstag eine gewisse Entwarnung. Baumgartl leide ausschließlich unter den Folgen der schweren Gehirnerschütterung, mehr aber nicht. „Timo ist aktuell noch im Krankenhaus“, teilte sein Vater Karl-Heinz Baumgartl am Sonntagmittag auf Anfrage mit, „es wurden eine Computertomografie durchgeführt und Gott sei Dank keine Auffälligkeiten festgestellt. Am Sonntag standen noch weitere Tests auf dem Programm.“

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Es hätte noch schlimmer kommen können, keine Frage, doch für den gebürtigen Böblinger bedeutet schon diese erneute schwere Kopfverletzung eine Verschärfung seiner Krankenhistorie – für den ehemaligen U-21-Nationalspieler ist es die vierte Gehirnerschütterung. Die erste hatte er sich im August 2017 zugezogen (Ball aus nächster Nähe ins Gesicht), die zweite im März 2018 (Ellbogen ins Gesicht), die dritte folgte im Januar 2019 (Kopfballduell). Damals gehörte Baumgartl noch zum Kader des VfB, der Innenverteidiger war insgesamt mehr als 70 Tage außer Gefecht – oberstes Gebot ist nach einer solchen Verletzung: absolute Ruhe.

Timo Baumgartl hatte nach dem Vorfall 2018 von VfB-Teamarzt Raymond Best ein strenges Handy-, Internet- und Fernsehverbot auferlegt bekommen. „Selbst kleine optische Reize können das Gehirn bei einem Schädel-Hirn-Trauma ärgern. Ich habe Timo zudem geraten, selbst bei kürzeren Spaziergängen eine Sonnenbrille zu tragen“, erzählte Best damals. Zudem wurden die Gehirnströme gemessen und die Halswirbelsäule kontrolliert – nach vier Wochen gilt eine Gehirnerschütterung in der Regel als auskuriert.

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Im Sport werden in Deutschland jährlich etwa 44 000 Gehirnerschütterungen diagnostiziert. Im Fußball besteht im Vergleich zu Eishockey, Basketball oder Handball eine geringere Gefahr, eine Kopfverletzung durch Gegnerkontakt zu erleiden, wie der Sportreport 2016 der Verwaltungsberufsgenossenschaft mitteilte. Im Fußball ist bei Verletzungen nur in 6,4 Prozent der Fälle der Kopf involviert, der Trend bei den Schädel-Hirn-Traumata in der Fußball-Bundesliga zeigt allerdings nach oben: Waren es in der Saison 2012/2013 noch zehn Fälle, gab es je 13 in den Spielzeiten 2015/2016 und 2016/2017, und in den beiden Saisons darauf lagen die Zahlen bei 21 und 22.

Um eine Gehirnerschütterung zu erkennen, ist seit der Saison 2019/20 in der Bundesliga sowie der zweiten Liga ein Baseline-Screening vorgeschrieben, wie es auch im Eishockey in der DEL praktiziert wird: Vor der Saison werden neurologische Tests durchgeführt, dabei werden bei jedem Spieler Standardwerte der Hirnfunktion in gesundem Zustand erfasst. Diese Kennzahlen werden bei einer Verletzungsunterbrechung mit der Hirnfunktion nach einer möglichen Kopfverletzung im Spiel verglichen – dabei werden beispielsweise Eigenschaften wie die Balance und die Merkfähigkeit geprüft.

Neuropsychologische Test sind nötig

Welche endgültigen Auswirkungen der Zusammenprall mit Fabian Klos für Timo Baumgartl hat, das werden erst die Ergebnisse der weiteren medizinischen und neurologischen Untersuchungen erkennen lassen. Die Wahrscheinlichkeit von ausgeprägten Schäden sei bei mehrmaligen Schädel-Hirn-Traumata höher, erklärte Professor Andreas Unterberg, Direktor der Neurochirurgie an der Uniklinik Heidelberg, nach Baumgartls dritter Gehirnerschütterung vor zwei Jahren gegenüber dem Internetdienst „echo24“. Es sei wichtig, „regelmäßig neuropsychologische Tests durchzuführen“. Nach seiner zweiten Gehirnerschütterung war Timo Baumgartl wochenlang außer Gefecht, weil er, nachdem er ins Training einsteigen wollte, mehrfach selbst einfache Laufversuche wegen Schwindels und Unwohlseins abbrechen musste.

Eine Prognose, welche physischen und psychischen Auswirkungen die vierte Gehirnerschütterung auf Timo Baumgartls Karriere haben wird, kann fundiert erst nach Abschluss zahlreicher Untersuchungen gemacht werden. Sicher scheint nur: Der ehemalige VfB-Profi wird Union Berlin einige Wochen fehlen.