Diese Grabstelle ist eine von mehreren, die in der Neckarvorstadt freigelegt wurden. Rechts im Grab war im sechsten oder siebten Jahrhundert ein Kind bestattet worden. Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Neue Funde in Bad Cannstatt geben Anlass zu der Überlegung, ob Stuttgart bei der Denkmalpflege nicht aktiver sein müsste. Es stellt sich auch die Frage, wie man mit den Fundstücken umgehen sollte.

Stuttgart - Müsste die Landeshauptstadt nicht deutlich mehr Aufwand treiben, um neben den Baudenkmalen auch ihre Bodendenkmale und Fundsachen von Ausgrabungen in ein besseres Licht zu rücken? Nach den Sensationsfunden von Bad Cannstatt ist dieses Thema für die kommunalpolitische Debatte jetzt aufgerufen. Auf dem Tisch liegt der Vorschlag, dass die Stadtverwaltung einen eigenen Archäologen anstellt, der sich vor Bauvorhaben im Stadtgebiet einschaltet und die Baufelder auf mögliche Geschichtszeugnisse im Boden überprüft.

Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege hat im Stuttgarter Rathaus bereits im September einen Stadtarchäologen angeregt. „Das wäre eine Zierde für die Landeshauptstadt. Andere Kommunen sind nach Funden auf ihrem Gebiet schon diesen Weg gegangen“, sagte Thiel dort nach den spektakulären Funden in der Cannstatter Neckarvorstadt. Auch die Großstadt Frankfurt am Main, die man meist nur mit Banken und Hochhäusern verbinde, habe einen Stadtarchäologen und darüber hinaus ein eigenes Museum für archäologische Fundsachen. Ein Stadtarchäologe könnte nach Thiels Meinung entweder im neuen Stadtmuseum, im Stadtarchiv oder auch im Amt für Stadtplanung angesiedelt sein. Beim Landesamt für Denkmalpflege kümmert sich Thiel selbst um Stuttgart, er ist aber auch noch für vier Landkreise zuständig. Daher gehe manches verloren, räumte er ein. Ein Stadtarchäologe wäre „näher dran“.

Die Funde enden wahrscheinlich im Depot

Wenn die Archäologen des Landesamts fündig werden, stellt sich außerdem stets die Frage, wie man mit den Fundstücken später umgeht. Wie im jüngsten Fall: In der Neckarvorstadt sind bei den Grabungen im Lauf des Jahres 2016 vermutlich Fundamentreste der mittelalterlichen Altenburg und Gräber aus dem 6. oder 7. Jahrhundert mit Grabbeigaben, außerdem Münzen aus römischer Zeit gefunden worden. Manches spricht dafür, dass sie kurz in einer Sonderausstellung gezeigt werden – und dann im Depot verschwinden. Sie sind Eigentum des Landes. Und im Landesmuseum konkurrieren sie mit vielen anderen Stücken aus dem Land.

Im neuen Stuttgarter Stadtmuseum, das im Herbst im historischen Wilhelmspalais im Stuttgarter Zentrum seine Pforten öffnen soll, spielen die Römer, die Alamannen, die Franken und die Altenburg, ja Cannstatt bis einschließlich Mittelalter naturgemäß eine sehr begrenzte Rolle; dabei dürfte der Bereich bei der heutigen Altenburger Steige vor nahezu 2000 Jahren so etwas wie die Keimzelle der heutigen Landeshauptstadt gewesen sein, meint Thiel. Die ständige Ausstellung des neuen Stadtmuseums soll sich aber auf die Geschichte Stuttgarts im 19. und 20. Jahrhundert konzentrieren. Im interaktiven Stadtmodell, an dem man Informationen abrufen kann, wird es im Programmpunkt „Wer wann wo? 250 000 v. Chr. bis 2000 n. Chr.“ immerhin auch um Steinzeit, Römer und Alamannen gehen. In die Tiefe kann das aber nicht gehen. Das kleine Stadtmuseum Bad Cannstatt widmet sich zwar Themen wie etwa den Römern, es ist räumlich und personell aber beschränkt.

Am Fundort ist eine Präsentation nicht möglich

Am Ort des Fundes wird man keine Informationen über die Altenburg, die entdeckten Gräber und Grabbeigaben bieten können: Wo bisher die Evangelische Steiggemeinde ansässig war, entstehen Eigentumswohnungen. Das ist schon lang geplant. Erste Gedankenspiele nach den Funden, dem Investor das Gelände abzukaufen, wurden von den Denkmalschützern aus Kostengründen schnell wieder verworfen.

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