Die Überlebenden: Jackson Follmann und Helio Neteo blicken nach oben. Foto:  

Der brasilianische Klub Chapecoense erlebte eine Tragödie: bei einem Flugzeugabsturz kamen fast alle Spieler rums Leben. Jetzt durfte die neuformierte Mannschaft gegen Barcelona spielen: eine emotionale Begegnung.

Barcelona - Barcelona: das Camp Nou in gespannter Erwartung, Anstoß, Jackson Follmann zart auf Helio Neto, der stramm zum nächsten Mitspieler, donnernder Applaus von den Rängen und zwei Fußballer, die glücklich den Rasen verlassen.

Mehr Ballkontakte sollten Follmann und Neto nicht mehr bekommen beim Saisoneröffnungsspiel des FC Barcelona gegen die Associação Chapecoense de Futebol. Aber darum geht es bei ihnen auch nicht oder nicht nur. Follmann und Neto sind mehr als Fußballer, sie sind Symbolfiguren – für eine Tragödie, aber auch für den Glauben an eine Zukunft selbst unter schwierigsten Voraussetzungen. Am 28. November 2016 saßen sie in dem Flugzeug, das den brasilianischen Kleinstadtclub zum größten Spiel seiner Vereinsgeschichte bringen sollte, dem Finale der Copa Sudamericana in Kolumbien. Mannschaft, Vereinsführung, Trainerteam, Doktoren, Presseabteilung. Das Flugzeug stürzte ab, Treibstoffmangel, wie man inzwischen weiß. Von 77 Insassen überlebten nur sechs, darunter drei Spieler: Follmann, Neto und Alan Ruschel.

Der Torwart hat ein Bein verloren

Auch Ruschel ist nun dabei in Barcelona – und das Unglaubliche: Er kann sogar spielen, erstmals seit dem Unglück in einem richtigen Match. Vom Trainer wurde der gelernte Außenverteidiger vorn im offensiven Mittelfeld aufgeboten, damit er nicht gleich Messi, Iniesta oder dem zu Barça zurückgekehrten Linksaußen Gerard Deulofeu ausgesetzt wird. Neto und Follmann kommen bei der Präsentation der Teams als Letzte auf den Rasen. Follmann trägt das grüne Torwarttrikot des Vereins, stolz und unbeugsam – an einen Einsatz ist bei ihm nicht zu denken, nach dem Absturz wurde ihm das rechte Bein amputiert. Während er mit den Tränen kämpft, weint der lange Neto an seiner Schulter. Der Verteidiger will 2018 wieder voll in die Mannschaft zurückkehren. Fürs Erste verfolgt er schluchzend, wie nun ein Transparent ausgebreitet wird, mit einem großen Herz in den grün-weißen Vereinsfarben von Chape, umrahmt von den blau-rot-gelben Barças und Kataloniens. Bei den Reden zur Saisoneröffnung des neuen Barça-Trainers Ernesto Valverde und des Kapitäns Iniesta stehen die drei Überlebenden am Rand, Arm in Arm, leicht separiert vom Rest. Jeder andere kann nur erahnen, was sie durchgemacht haben und was sie jetzt fühlen, zu Gast an einem der großen Sehnsuchtsorte jedes Fußballers.

Binnen drei Monaten entstand eine neue Mannschaft

Chapecós Bürgermeister hat dieser Tage erzählt, dass die Einladung aus Barcelona zu den wichtigsten Gründen gehörte, „an den Wiederaufbau zu glauben“. Sie und die Geste des damaligen Finalgegners Atlético Nacional aus Medellín, dem südbrasilianischen Verein den Pokal kampflos zu schenken. Anderen großen Worten jener Tage sind dagegen nicht immer Taten gefolgt, aber Chapecoense stellte trotzdem binnen drei Monaten eine neue Mannschaft zusammen, die zu Saisonbeginn sogar kurz die Meisterschaft anführte. Mittlerweile steckt man im Abstiegskampf, der Trainer wurde schon entlassen, die Fans murren, ganz normale Fußball-Normalität. Was in dem Fall ja durchaus sein Gutes hat.

Im Camp Nou aber geht es um Inspiration, um eine Botschaft der Zuversicht. Auch wenn bei Ruschel logischerweise bald die Puste aus ist. Nach 35 Minuten wird er ausgewechselt, das Publikum erhebt sich. Ruschel kniet nieder und zeigt nach oben in den Himmel. Dann verlässt er den Platz.

Messi schrieb Tröstendes aufs Trikot

„Ich lebe wieder, ich spiele wieder – was kann ich mehr verlangen?“, hat er in Barcelona gesagt. Begleiten werden ihn dabei die besten Wünsche von Lionel Messi, die hat ihm der Barça-Star aufs Trikot geschrieben. Messi selbst saß zwei Wochen vor dem Absturz mit der argentinischen Nationalmannschaft in derselben bolivianischen Chartermaschine, die ihr Benzin regelmäßig zu knapp kalkulierte. Um 18 Minuten sollen die Argentinier noch rechtzeitig gelandet sein.

„Mit viel Zuneigung und Respekt, für alle Zeiten das Beste, Leo“, steht nun also auf Ruschels Hemd, einer Sonderanfertigung für dieses Spiel mit 73 Sternen, als Hommage an Chapecoenses Gründungsjahr. An einen Verein mit Geschichte und mit Zukunft. Sogar Torwart Follmann, der sich bei Treppengängen noch am Geländer abstützen muss, will bald wieder spielen. Für die brasilianische Paralympics-Mannschaft.

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