Der scheidende zweite Vorsitzende Roland Krebs (li.) erhält zum Abschied die Ehrennadel in Gold von Rudi Sendersky vom Sportkreis Böblingen. Foto: Jürgen Kemmner

Die finanzielle Schieflage ist behoben, die drohende Führungslosigkeit beseitigt – der Sportverein wählt in Hardy Essig einen neuen Clubchef und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Der scheidende zweite Vorsitzende Roland Krebs wird beim Abschied emotional.

Durchatmen. Sacken lassen. Roland Krebs stand hinter der Tischfront der Vorstandschaft des SV Perouse und schien irgendwie entrückt. Wohin ihn seine Gedanken entführten, das darf sein Geheimnis bleiben. Als er wieder im Hier und Jetzt Fuß fasste, sagte er: „Die ganze Last ist endlich weg. Es war eine sehr nervenaufreibende Zeit.“ Und jeder im Clubheim des Vereins, der ihn eine Weile beobachtet hatte, bemerkte dieser enorme mentale Entspannung. „Das Durchhalten hat sich gelohnt“, sagte Roland Krebs unendlich erleichtert.

 

Der SV Perouse, ein Stadtteilclub mit etwa 300 Mitgliedern, hatte am Freitagabend die wohl stürmischste Zeit seiner Geschichte endgültig hinter sich gebracht und abgehakt. Der alte Vorstand war einstimmig entlastet worden, genauso war eine zum größten Teil neue Vorstandsriege um den neuen Präsidenten Hardy Essig ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung ins Amt gehievt worden. „Ich wollte die Geschäfte geordnet übergeben“, sagte der ehemalige zweite Vorsitzende Krebs, der sich an diesem Abend aus gesundheitlichen Gründen endgültig aus vorderster Front zurückgezogen hatte.

In der hatte der Mann zwei Jahre lang intensiv um eine Zukunft seines SV Perouse gekämpft. Als der Hauptsponsor und erste Vorsitzende Reinhard Giek vor rund zwei Jahren einen Schlaganfall erlitt und die Finanzen nach und nach in Schieflage gerieten, begann der Überlebenskampf. Die fehlenden Sponsorengelder, Ablösezahlungen im Fußball im vierstelligen Bereich, schwindende Mitgliederzahlen, ein mit Raten zu bedienender Uralt-Kredit, all das drückte den Sportverein wie ein Mühlstein und drohte, ihn zu ersticken.

Stadt Rutesheim unterstützt den SV

Zudem akzeptierte die Hausbank einen ausgearbeiteten Finanzierungsplan nicht, überdies belastete das unkittbar zerrüttete Verhältnis des Vereins zu Reinhard Giek die Chance, die im Schuldenschlamm feststeckende Karre gemeinsam aus dem Schlamassel zu zerren. „Wir hatten in der Zeit 14 Ausschusssitzungen im Jahr“, erzählte Krebs, „sonst waren es etwa sieben.“ Zur Retterin in der Not avancierte die Stadt Rutesheim, die zwei Ackerflächen kaufte, die sich in Besitz des Vereins befunden hatten – damit war die finanzielle Schlagseite der Titanic aus Perouse ausgeglichen. „Der Verein hat es verdient, erhalten zu werden“, betonte Bürgermeisterin Susanne Widmaier in der Sitzung, „wenn ein Verein gestorben ist, erweckt man ihn nicht mehr zum Leben. Der SV ist wichtig für Perouse.“ Es gab Applaus.

Sämtliche Wahlen verliefen einstimmig. Foto: Jürgen Kemmner

Die Verwaltungschefin hatte auch bei der Suche nach neuen Vorstandsmitgliedern kräftig für den SV Perouse getrommelt, da eine Führungsmannschaft gefunden werden musste – Krebs wollte aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden, gegen den Ex-Vorsitzenden Reinhard Giek lief ein Vereinsausschlussverfahren, da ihm vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen worden war. Ohne Führungsteam kein SV Perouse. „Es finden sich keine Freiwilligen für diese Posten“, betonte Bürgermeisterin Widmaier, „wenn ein Verein tief in der Krise steckt.“

Neu beim SV Perouse: Hardy Essig, Carsten Hilgert, Daniela Böhringer (v. li.) Foto: Jürgen Kemmner

Um 21.38 Uhr war diese Baustelle abgearbeitet und geschlossen: Hardy Essig war zum neuen Vereinschef gewählt worden, ebenso die neue zweite Vorsitzende Daniela Böhringer. Sabine Becht war als dritte Vorsitzende im Amt bestätigt worden. Hardy Essigs erste Amtshandlung war zwingend notwendig und unvermeidbar: Der 64-Jährige füllte einen Mitgliedsantrag aus und unterschrieb. „Wir haben eine tolle Mannschaft zusammen“, sagte der neue SV-Kapitän, der vor mehr als zehn Jahren beim SV in der Fußball-Abteilung aktiv war, „wichtig ist mir auch, dass wir Frauen mit im Vorstand haben.“ Sein Schwiegersohn Tony Drebes ist ebenfalls neu im Vorstand des SV.

Ex-Clubchef ist ausgeschlossen

Reinhard Giek ist dagegen nicht mehr Mitglied. Das Ausschlussverfahren ist nach den Worten von Sabine Becht abgeschlossen. Ihm wurde ein entsprechendes Schreiben zugestellt mit Nennung einer Frist für den Widerspruch. „Diese Frist ist abgelaufen“, berichtete Sabine Becht, „bei uns ist kein Widerspruch eingegangen.“ Das weitere Vorgehen liege nun bei den Anwälten. Ob Reinhard Giek Schritte gegen den Ausschluss unternimmt, sei ihr nicht bekannt.

Der SV Perouse ist wieder flott für die Zukunft. Als Dank, dass Roland Krebs im Orkan unbeirrt auf der Kommandobrücke dem Wind die Stirn geboten hat, hatten seine Vorstandskollegen eine Überraschung hinter seinem Rücken eingefädelt. In der Sitzung war Rudi Sendersky anwesend, der zweite Vorsitzende des Sportkreises Böblingen – und der Mann hatte etwas mit großem ideellen Wert in seiner Tasche: eine goldene Ehrennadel. Die drückte Sendersky samt Urkunde Roland Krebs unter großem Beifall in die Hand – der Geehrte war sichtlich gerührt und musste gegen Tränen ankämpfen. Zum Abschied aus dem Amt sagte Roland Krebs: „Ich gehe nun von Bord, aber ich bleibe in Sichtweite.“ Das wird die Mitglieder des SV Perouse ganz bestimmt sehr freuen.