Die Bewohner von Rouen verlangen zu wissen, welche Stoffe genau bei dem Feuer verbrannt sind. Foto: dpa/Stephanie Peron

Viele Bewohner von Rouen sind nach dem Feuer einer Chemiefabrik sehr besorgt – und fürchten, dass ihnen etwas verschwiegen wird.

Paris - Die Behörden in Rouen versuchen, die Bevölkerung zu beruhigen, doch sie bewirken damit genau das Gegenteil. Inzwischen gehen die Menschen in der nordfranzösischen Stadt auf die Straße und verlangen zu wissen, welche Stoffe genau bei dem verheerenden Feuer in einer Chemiefabrik am Donnerstag verbrannt sind. Auch die Regierung gerät nun zunehmend unter Druck. Umweltministerin Elisabeth Borne muss sich am Mittwoch vor der Nationalversammlung erklären, ein Untersuchungsausschuss wird gefordert. Premierminister Édouard Philippe war bereits vor Ort in Rouen und erklärte, dass die verbrannten Stoffe keine gesundheitliche Gefahr für die Menschen darstellen würden. Genau das aber wird von den Anwohnern bezweifelt.

Chemiefabrik der Seveso-Kategorie

Die Chemiefabrik in Rouen gehört in die sogenannte Seveso-Kategorie von gefährlichen Standorten, die besonders überwacht werden. Im italienischen Seveso bei Mailand war es 1976 zu einem verheerenden Chemieunfall gekommen.

Erst auf deren massiven Druck wurde von der zuständigen Präfektur nun eine Liste der Stoffe veröffentlich, die in Flammen aufgegangen sind. Darunter sollen 5200 Tonnen Chemikalien gewesen sein. Die Liste sei aus Sicherheitsgründen unter Verschluss gehalten worden, erklärten die Verantwortlichen, derart sensible Informationen sollen nicht in die Hände von Terroristen geraten. „Die Produkte sind alle nicht gefährlich“, wiederholte die Verwaltungsbehörde. Präfekt Pierre-Yves Durand räumte aber ein, dass 160 Fässer mit Chemikalien noch nicht vom Gelände der Firma Lubrizol entfernt werden konnten. Sie seien in einem „prekären Zustand“. Durand schloss Gesundheitsrisiken durch Stoffe wie Asbest grundsätzlich aus.

Anwohner klagen über Übelkeit

Nach dem Feuer in der Chemiefabrik am Donnerstag war eine gigantische Rauchsäule aufgestiegen. Anschließend fanden sich in der Region zahlreiche Rußspuren, Flüsse und Seen waren verschmutzt und in der Luft lag ein unangenehmer Geruch. Die Anwohner klagten über Übelkeit. Die Verantwortlichen betonten nach dem Feuer immer wieder, dass es kein Gesundheitsrisiko gebe. Der üble Geruch könnte unter anderem auf beschädigte Fässer und den Öl- und Schlammteppiche zurückgehen, die nach dem Brand entstanden sind, sagte der Präfekt Pierre-André Durand.

Doch die Bürger in Rouen fragen sich, weshalb dann gleichzeitig seit dem Feuer der Verkauf von in der Region erzeugter Milch und anderen landwirtschaftlichen Produkten untersagt worden ist. Es handle sich dabei um reine Vorsorge, erklärte Landwirtschaftsminister Didier Guillaume im Sender BFMTV.

Kommunikation wird kritisiert

Immer wieder kursieren im Internet Videos von schwarzem Wasser, das aus den Leitungen in Rouen gekommen sein soll, oder von rußgeschwärzten Terrassen. Der Präfekt warnte vor „Fake-News“, die im Netz verbreitet würden. Die französischen Grünen nennen die Informationspolitik der Behörden und des Unternehmens „katastrophal“. Der Vorfall erinnert viele an die Kommunikation der französischen Regierung nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986. Sie erweckte damals den Eindruck, die giftige Wolke würde an der Grenze zu Frankreich Halt machen.

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