Solidarität gegen Hass und Hetze: Bayern-Boss Rummenigge, Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp Foto: imago images/HMB-Media

Der Profifußball und sein Dauerstreit mit den Ultras: Jetzt hilft nur sprechen statt drohen.

Stuttgart - Es ist ein beliebtes Mittel der Politik, die Probleme so lange auszusitzen, bis sie sich von selbst erledigen. Im Sport dagegen macht sich Zögerlichkeit nur selten bezahlt. Der Streit zwischen Teilen der Fangemeinden, den Profiklubs, der Deutschen Fußball-Liga (DFL ) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) schwelt schon seit Jahren – und im Kern dreht es sich immer um eine schlichte, aber entscheidende Frage: Wer bestimmt eigentlich, wohin im deutschen Profifußball die Reise geht?

 

Opfer eines Machtkampfs

So betrachtet ist der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp das bemitleidenswerte Opfer eines ungeklärten Machtkampfs der Kulturen und in gewisser Hinsicht auch derer, die ihn nun mit aller Macht vor den Beleidigungen aus der Fankurve schützen wollen. Auf der einen Seite kämpfen die Puristen unter den Fußballliebhabern für den Schutz ihres Kulturguts und gegen die Auswüchse wachsender Kommerzialisierung. Auf der anderen verteidigen Verbands-Funktionäre, Club-Manager und die Unternehmensführer von Fußball-Aktiengesellschaften meist kompromisslos den Geschäftsbetrieb rund um ein massentaugliches Premiumprodukt, an dem viele Menschen sehr gut verdienen.

Verharren in archaischen Mustern

Damit einher geht der zunehmende Einfluss der kommerziell getriebenen Interessengruppen: Investoren, Sponsoren, Bezahlfernsehen, globale digitale Geschäftsmodelle. Und die wachsende Wut derer, die sich übergangen, gegängelt, verraten und in Teilen sogar kriminalisiert fühlen. Die Kluft zwischen beiden Kulturen wurde in den vergangenen Jahren auch deshalb immer tiefer, weil sich DFB, DFL und die meisten Clubs zwar zu wirtschaftlichen Geschäftsbetrieben weiter entwickelten, dabei aber in archaischen Denk- , Verhaltens- und Kommunikationsmustern verharrten. Die Entfremdung zwischen Teilen der Fankurven und dem Establishment der Liga war programmiert. Unter dem Einfluss der gut organisierten Ultras kultivierte sich der Widerstand, der nun auf unglückselige Weise mit der Verrohung der Gesellschaft korrespondiert, die Tabubrüche als politisches Mittel nützt, in der ethnische und moralische Werte erodieren und in der die Lebensleistung einzelner dem Neid, der Missgunst und bisweilen dem Hass derer zum Opfer fällt, die sich in der globalen Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft als Verlierer wähnen.

Was dem zurückgetretenen VfB-Präsident Wolfgang Dietrich widerfuhr, den Teile der Fangemeinde mit inquisitorischem Eifer verfolgten, erlebt Dietmar Hopp auf noch heftigere Art und Weise. Die Ursachen sind zwar grundverschieden, aber die Muster gleichen sich: Kritik an den herrschenden Zuständen wird auf menschenverachtende und widerliche Spitzen getrieben: gegen die Regeln von Fair-Play, worauf gerade auch die Anhänger der reinen Fußball-Lehre immer wieder Bezug nehmen. Kritik, in aller gebotenen Schärfe vorgetragen, ist in einer offenen Gesellschaft erlaubt und legitimer Teil einer direkten Demokratie. Hasstiraden, Hetze oder gar Todesdrohungen dagegen verdienen null Toleranz.

Fehler auf beiden Seiten

Trotzdem ist es ein Fehler, größere Teile der Fangemeinden in Sippenhaft für Verfehlungen einiger weniger charakterloser Chaoten zu nehmen. Das zerstört die selbstreinigenden Kräfte innerhalb der Ultragruppierungen und führt zu einer Solidarität, die den aktuellen Konflikt verschärft. Menschen können nur dann Verständnis für die Position des anderen entwickeln, wenn sie miteinander reden, sich zuhören und im Zweifelsfall bereit sind, von Maximalstandpunkten abzurücken. Beide Seiten haben Fehler gemacht. Dies einzugestehen, wäre ein Anfang. Der Rest auf dem Weg der Verständigung wird noch schwer genug.

gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de