Frank Mildenberger übernimmt für die beleidigende Darstellung in einem Schulbuch seines Verlags „die volle Verantwortung“, aber er hätte sich eine „sachlichere Diskussion“ gewünscht. Foto: Mildenberger Verlag/Fabio Bosco Fotografie

Nach einem Shitstorm der brasilianischen Community wegen einer diskriminierenden Darstellung in einem Lesebuch sieht sich der Mildenberger Verlag Anfeindungen gegenüber. So reagiert der Geschäftsführer Frank Mildenberger.

Seit einer Woche arbeitet der Schulbuch-Verlag Mildenberger im Krisenmodus. Der Grund ist eine Sprechblase in dem Deutschbuch „ABC der Tiere – Sprachbuch 4. Klasse”. In dieser sagt ein fiktiver Junge über sich selbst: „Ich lebe in Rio de Janeiro/Brasilien. Ich gehe nicht in die Schule. Morgens suche ich Essensreste in Mülltonnen. Ich möchte Fußballprofi werden.“ Viele Menschen mit brasilianischen Wurzeln empfinden diese Darstellung als beleidigend und diskriminierend. In den sozialen Medien brach ein Shitstorm los. Der Verlag hat sich schnell und umfassend entschuldigt.

 
Diese Sprechblase in einem Schulbuch des Mildenberger Verlags hat einen Shitstorm ausgelöst. Foto: privat

An Frank Mildenberger, der in dritter Generation an der Spitze des Familienbetriebs steht, sind die vergangenen Tage nicht spurlos vorbeigegangen. Er sucht Erklärungen, keine Rechtfertigungen. „Das Schulbuch ist acht Jahre alt. Seit 2018 hat sich die gesellschaftliche Sensibilität verändert“, sagt der 62-Jährige und ergänzt sofort: Dies könne und solle in keiner Weise eine Entschuldigung für den Fehler seines Unternehmens sein. Dafür übernehme er die volle Verantwortung. Und dennoch erlebe gerade er in der Verlagsbranche, dass vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels sich auch der Umgang mit und die Wirkung von Sprache verändert haben. Heute seien die Antennen für möglicherweise beleidigende oder diskriminierende Darstellungen in seinem Verlag viel empfindlicher als damals.

Mitarbeitende wurden im Internet als „Nazis“ verunglimpft

Die Kritik, die seinem Verlag wegen der Aussagen des brasilianischen Jungen entgegengeschlagen ist, nimmt er vollkommen an. Aber unter dem massiven Shitstorm, der über das Unternehmen hereinbricht, leiden seine Kolleginnen und Kollegen. Manche von ihnen seien vor acht Jahren noch nicht einmal in der Firma gewesen und würden jetzt persönlich in den sozialen Medien angegriffen werden. Auf Instagram gebe es Kommentare, die den Verlag in die rechte Ecke stellten, die Mitarbeitenden als „Nazis“ verunglimpften und in denen offen gedroht werde. Das sei nicht nur zutiefst verletzend, sondern mache auch Angst. Manche Mitarbeitende trauten sich kaum noch, ans Telefon zu gehen oder eine Mail zu öffnen, in deren Betreffzeile bereits von „Schande“ die Rede sei. Mildenberger hätte sich eine sachlichere Diskussion gewünscht.

Der Verlag hat gegengesteuert und eine Beratungsfirma für strategische Kommunikation engagiert. „Wir haben schnell erkannt, dass wir professionelle Unterstützung benötigen“, sagt Frank Mildenberger. In der gesamten mehr als 75-jährigen Geschichte des Offenburger Unternehmens sei so ein Fehler noch nie passiert – und er werde hoffentlich auch nie wieder geschehen. Der Verlag hat die Protestwelle bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgt: Einer Familie in Berlin, deren Sohn mit dem Schulbuch konfrontiert war. „Der Junge musste sich danach unangenehmen Fragen von Klassenkameraden stellen“, sagt Frank Mildenberger. Das habe das Kind sehr belastet. Er habe sich auch persönlich bei der Familie entschuldigt.

Die rund 75 Beschäftigten waren in dieser Woche zu einer Betriebsversammlung eingeladen, auf der das Thema ausführlich besprochen wurde. Der Vater aus Brasilien sei zugeschaltet gewesen und habe erzählt, wie glücklich sein Junge nun sei, weil er was Positives bewirkt habe und weil der Verlag so schnell gehandelt habe. Das baue ihn ein wenig auf, sagt Mildenberger. Die Mitarbeitenden sollen nun noch einmal intensiv geschult werden. Denn viele seien zutiefst verunsichert und würden künftig eventuell davor zurückschrecken, Verantwortung für einen Text in einem Schulbuch zu übernehmen. „Wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden die Sicherheit im Umgang mit sensiblen Themen behalten“, sagt Mildenberger.

Darüber hinaus will er die Redaktions- und Prüfprozesse noch einmal genauer anschauen. Schon heute werde in aller Regel in Teams gearbeitet, sodass man sich über möglicherweise verletzende Inhalte austauschen könne. Jede Seite durchlaufe ein mehrstufiges Verfahren, bevor sie in Druck gehe. Auch die Geschäftsführung lese viele Seiten Korrektur. Künftig könne in dieses Verfahren bei besonders sensiblen Themen eine weitere, externe Ebene einbezogen werden, indem man einen Profi für das Thema sensible Sprache einbinde.

Diese Maßnahmen hat der Verlag kurzfristig ergriffen

Für das Deutschbuch „ABC der Tiere – Sprachbuch 4. Klasse” gilt:

  • Das Buch wird in dieser Form nicht mehr verkauft, die Bestände werden vernichtet.
  • Der Verlag hat bereits Austauschseiten produziert, die online zur Verfügung stehen und auf denen die beanstandeten Textstellen überarbeitet wurden.
  • Der Verlag möchte kurzfristig mit Schulen und Lehrern Kontakt aufnehmen und das Buch innerhalb der nächsten sechs Wochen kostenlos austauschen.
  • Bevor das Buch neu gedruckt wird, sollen die Textstellen mit Vertretern der brasilianischen Community abgestimmt werden.