Blickpunkt Rathaus: Wer wird unter dem Turm künftig als OB arbeiten? Foto: dpa/Marijan Murat

Die neue Umfrage zur OB-Wahl in Stuttgart ist spannend. Aber sie lässt völlig offen, wer gewinnen wird, meint Josef Schunder im Leitartikel. Mit ungeahnten Überraschungen müsse weiter gerechnet werden.

Stuttgart - Was für ein enges Rennen läuft hier vor der OB-Wahl in Stuttgart am 8. November? Die Frage drängt sich auf, wenn man die neuen Ergebnisse der Umfrage von Infratest dimap betrachtet. Dass die Bewerber von Grünen und CDU sich mit geringem Abstand jagen, konnte man vielleicht zwar erwarten. Aber dass der Kandidat der SPD (fast) gleichauf liegt, obwohl er noch einen Mitbewerber hat, der eigentlich aus der SPD kommt? Diesen Umstand könnte man durchaus als den wichtigsten Fingerzeig betrachten, den diese Umfrage geliefert hat: Der SPD-Mann Martin Körner kann vielleicht doch mithalten mit Veronika Kienzle von den Grünen und Frank Nopper von der CDU – und er kann möglicherweise Marian Schreier auf Distanz halten, den Parteifreund, der ihn herausgefordert hat.

 

Doch frühe Freude ist diesmal so gefährlich wie selten zuvor. Und zwar für alle Beteiligten. Denn sämtliche Kandidaten, von denen man hier spricht, sind im Vergleich zu ihren Vorgängern bei früheren Wahlen recht unbekannt, was gerade den Traditionsparteien CDU und SPD zu denken geben muss und der Ökopartei Bündnis 90/Die Grünen. Denn die waren durchaus der Meinung, dass sie mit halbwegs gut eingeführten Lokalmatadoren aus Stadt und Region ordentlich aufgestellt wären. Doch die Wahlberechtigten fangen offenbar wenig mit diesen Namen an. Ist das der Corona-Pandemie geschuldet, die den Wahlkampf infizierte? Oder, Pardon, einer gewissen Zufälligkeit bei Wahlumfragen?

Die Zahl der Unwägbarkeiten ist groß

Die Zustimmung, die die OB-Bewerber aus der Umfrage ziehen, ist vielleicht trügerisch. Denn andere Befragte kreuzten auch an, wenn sie die jeweilige Person für ungeeignet halten – und nur bei Körner und Nopper überwog die Unterstützung nennenswert. Wie die Wahlentscheidung wirklich ausfällt, ist zudem fraglich. Denn am Wahlsonntag kann man nicht sagen, dass dieser oder jene oder beide für den OB-Sessel in Stuttgart gut wären. Da muss man sich für eine Person entscheiden und darf nur ein Kreuzchen machen.

Jedenfalls gibt es, bevor die Bewerber in die Schlussrunde starten, eine ganze Reihe von Unwägbarkeiten wie Bekanntheitsdefizit und Mobilisierungsvermögen auf der Schlussgeraden. Dinge, die in der Summe zu einer Verschiebung der Ergebnisse führen könnten. Den Grünen scheint im Moment noch in die Karten zu spielen, dass die politische Großwetterlage im Land für sie (noch) günstig ist, wie eine andere Umfrage untermauerte. Und wie die Umfrage zur OB-Wahl auch ergab, scheinen die Corona-Lage und die Fragen von Wirtschaft und Sicherheit doch nicht die Rolle zu spielen, die manche erwartet hatten, die CDU vielleicht erhofft hätte. Doch manchmal kommt die Wende für die Wahlkämpfer plötzlich und unerwartet.

Wer hat das Händchen, wer hat die Statur?

Nein, wer bei der OB-Wahl am 8. November oder eher bei der Neuwahl am 29. November als Sieger auf dem Podest stehen wird, lässt sich schwer spekulieren, geschweige denn voraussagen. Sicher ist: Er oder sie wird viel zu tun haben, schnell in die Gänge kommen und Verantwortung in schwieriger Zeit übernehmen müssen. Er oder sie wird wie ein Archäologe die eigentliche Identität dieser Stadt freilegen und ihre Rolle in der Zukunft definieren müssen. Wer hat das Händchen dafür, wer die Statur? Das scheinen immer noch nur wenige Stuttgarter zu wissen.

josef.schunder@stzn.de