Wer in ein Amicelli-Waffelröllchen beißt, denkt bislang wohl nicht an Ritter Sport in Waldenbuch. Doch seit Januar ist es ein Ritter-Produkt. Foto: /privat/Alfred Ritter GmbH

Die Schokoladenfabrik Alfred Ritter produziert nicht mehr nur im Schönbuch, sondern auch in Österreich. Dort wurde die Produktionsstätte der Waffelröllchen Amicelli in Breitenbrunn aufgekauft. Ändert sich dadurch etwas in Waldenbuch?

Waldenbuch - Ritter-Sport-Schokolade und das Quadrat gehören zusammen wie ein Topf und sein Deckel. Dass seit Jahresbeginn auch die langen, dünnen Waffelröllchen der Marke Amicelli zum Hause Ritter gehören, ist für den Unternehmenssprecher kein Problem: „Amicelli werden in einem Sechseck verpackt, da steckt das Quadrat mit drin“, sagt Thomas Seeger und lacht. Gleichwohl räumt er ein, dass es für alle im Unternehmen eine Umstellung sei – sowohl die Markenerweiterung als auch der neue Standort.

 

Denn die Produktionsanlage von Amicelli, die die Alfred Ritter GmbH dem Familienunternehmen Mars abgekauft hat, steht in Breitenbrunn in Österreich, etwa 50 Kilometer südöstlich von Wien. Erworben wurde nicht nur die Fertigungsanlage, sondern auch das Produkt selbst. Neben den Waffelröllchen werden im Burgenland künftig aber auch hauseigene Kreationen produziert, so etwa der Ritter Rum Riegel, der bislang in Dettenhausen hergestellt wurde.

Zur rechten Zeit der rechte Ort

Doch warum dieser Schritt? Ein bisschen spielte der Zufall mit hinein, sagt Thomas Seeger: „Das Mars-Werk kam für uns zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt.“ Zu der Kaufentscheidung hätten verschiedene Punkte geführt. Zum einen biete das neue Werk die Möglichkeit, die Produktionskapazität zu erweitern. Vor Ort im Schönbuch habe man langsam die Obergrenze dessen, was möglich ist, erreicht. Zudem bedeute der Aufkauf von Amicelli die „erfreuliche Zugabe“ einer weiteren Marke, die bereits in den Markt eingeführt sei. Ferner könne ein bis dato fremd gefertigtes Produkt ins eigene Haus zurückgeholt werden. Seeger meint damit die vier veganen Sorten, die die Firma Ritter bislang bei einem anderen Dienstleister fremdgießen lassen musste.

Doch warum hat sich Ritter für die Erweiterung im fernen Österreich entschieden statt in Waldenbuch zu bauen? Schließlich läuft bereits ein Bebauungsplanverfahren für das Gewerbegebiet im Bonholz unweit des Stammsitzes. Thomas Seeger hat dafür eine Erklärung: Zum einen sei die Coronapandemie dazwischengekommen. „Unsere internationalen Märkte sind teilweise ganz brutal getroffen worden“, sagt der Unternehmenssprecher. Auch der Verkauf auf Flughäfen oder an Geschäftskunden wie die Deutsche Bahn sei stark eingebrochen. „Es ist noch nicht absehbar, wann sich das wieder normalisieren wird.“ Letztlich sei Corona aber nur der Treiber einer Entwicklung gewesen, die schon davor eingesetzt habe, nämlich, dass die Märkte sprunghafter würden. Beim Warenbezug gebe es hohe Preisausschläge, aber auch der Warenabsatz schwanke stark. Im Jahr vor der Pandemie sei der Jahresabsatz bereits stagniert, 2020 dann um zwei Prozent gesunken. „In so einer Phase auf der grünen Wiese in richtig großem Stil zu bauen, ist sehr riskant“, sagt Seeger. „Dann hat man zwar die idealtypische Fabrik, aber vielleicht anfangs nicht das Volumen, um sie auszulasten.“

Bauen im Bonholz wird weiter vorangetrieben

Vor diesem Hintergrund habe sich die Geschäftsführung entschieden, zweigleisig zu fahren: Einerseits das Bauverfahren im Bonholz weiter voranzutreiben und parallel bereits in kleinerem Maßstab zu erweitern – in Breitenbrunn. „Deshalb haben wir diesen deutlich risikoärmeren Zwischenschritt gemacht – und erfreulicherweise Amicelli obendrauf bekommen“, sagt Seeger und ergänzt: „Bonholz ist aufgeschoben, aber überhaupt nicht aufgehoben.“ Keinesfalls sei das Werk am Neusiedlersee der Anfang vom Ende in Waldenbuch. Im Gegenteil: Im Bonholz würden gerade alle Voraussetzungen dafür geschaffen, um in großem Stil zu erweitern – nur eben nicht sofort. „Ob in zwei, drei oder fünf Jahren, das weiß keiner“, sagt Seeger. Der Fertigungsplan liege dann fertig in der Schublade.

Breitenbrunn, das betont der Ritter-Sprecher, sei demnach keinesfalls eine Sparmaßnahme, sondern ein Ausbau. Auch personell: Im österreichischen Werk werden 60 neue Mitarbeiter beschäftigt, bald sollen es 70 sein. Die zehn Kollegen, die bislang in Dettenhausen den Rum Riegel hergestellt hätten, seien in Waldenbuch beschäftigt worden.

Verständnis bei den Mitarbeitern

Wichtig sei der Geschäftsführung gewesen, dass die Erweiterung in Österreich nicht für Verstimmung im Schönbuch sorgt. „Wir wussten, dass das kein unsensibles Thema ist“, sagt Seeger. Deshalb habe man früh alle ins Boot geholt, sowohl die Stadtverwaltung als auch den Gemeinderat. Und auch bei der Belegschaft sei schnell die Sinnhaftigkeit der Aktion angekommen. „Wir sind hier Schwaben. Da ist man eher sparsam und risikobewusst. Das tragen die Mitarbeiter mit.“

Wichtig sei dem Familienunternehmen, dass sich die Mitarbeiter in Waldenbuch und Breitenbrunn als ein Haus fühlen. Der österreichische Werksleiter sei ein paar Monate in Waldenbuch gewesen, „damit er inhaliert, wie wir hier so ticken“, sagt Seeger. Bei den Kollegen am Neusiedlersee sollen die „Ritterdenke und -werte“ ankommen. Dazu gehöre Nachhaltigkeit und die Achtung vor Mensch und Natur, was sich etwa in der firmeneigenen Schokoladenplantage in Nicaragua zeige, oder darin, dass ausschließlich zertifizierter Kakao verarbeitet wird. Das gilt natürlich auch für Amicelli, seit die Waffelröllchen als Ritter-Produkt vom Band laufen. Deren Rezeptur musste laut Seeger leicht modifiziert werden, da es zum Firmencredo gehöre, keine Aromen hinzuzugeben. „Ansonsten ist es das gleiche Produkt geblieben. Ich denke, wir haben keine Amicelli-Stammverwender verschreckt“, sagt Seeger. Umgekehrt sei auch der Ritter Rum Riegel, der nunmehr in Österreich gegossen wird, der gleiche geblieben. Erst neulich hätten Waldenbucher Mitarbeiter die erste Produktionscharge verkosten dürfen. „Sie kennen das Produkt perfekt. Falls sich etwas geändert hätte, würde ihnen das als Ersten auffallen“, sagt Seeger.