Ernüchternder Start: Zum Rückrundenauftakt landen Steven Zuber und der VfB Stuttgart auf dem Hosenboden. Foto: Baumann

Reicht die Qualität? Braucht es noch mehr neue Spieler? Haben die Profis den Ernst der Lage erkannt? Nach dem erschreckend schwachen Rückrundenstart des VfB Stuttgart stellen sich einige Fragen neu.

Stuttgart - Am Morgen danach sieht man die Dinge ja manchmal ein wenig anders als im Eifer des Gefechts. Das Gefecht hatte am Samstagnachmittag in der Mercedes-Benz-Arena stattgefunden. Der VfB Stuttgart hatte 2:3 gegen den 1. FSV Mainz verloren – was enger klingt als es über weite Strecken war. Bis zur 83. Minute hatten die Mainzer 3:0 geführt. Die Fans hatten während der Partie gepfiffen und geschimpft, vom ausgerufenen Neuanfang war rein gar nichts zu sehen – und der Trainer Markus Weinzierl hatte anschließend wenig Positives zu analysieren. „Die Statistik sieht ja ganz gut aus“, sagte er, „aber man muss eben das Entscheidende richtig machen.“ Der Coach war bedient. Und am Sonntagmorgen?

Hatte sich an der Einschätzung nichts geändert. Noch einmal erinnerte Weinzierl daran, dass die Daten des Spiels den VfB gleich mehrfach (Torschüsse, Ballbesitz, Zweikämpfe) als Gewinner ausweisen. Doch er sagte auch: „Die Zahlen lügen.“ Denn er musste einräumen: „So kann man in der Bundesliga nicht verteidigen. Wir sind zu brav, dabei müssten wir ohne Kompromisse zu Werke gehen, uns hinten behaupten und vorne effektiv sein.“ Weil sein Team all das nicht machte – mit Ausnahme der ersten fünf und der letzten zehn Minuten –, resümierte Weinzierl noch: „Es war ernüchternd.“

„Erschreckender“ Auftritt

Gar „erschreckend“ fand Timo Baumgartl den Auftritt der ganzen Mannschaft. Das traf es ganz gut, da der VfB den Mainzern über weite Teile der Partie unterlegen war. Vor allem in Sachen Körperlichkeit, Aggressivität, Präsenz – in Bereichen des Fußballs also, die gerade in der Situation des VfB eigentlich über die Maßen vertreten sein sollten. Der Club ist 16., er hat nur 14 Punkte, es droht der nächste Abstieg nach 2016. Wer das weiß, kann eigentlich nicht so spielen, wie die Herren in Weiß-Rot am Samstag – was unweigerlich zur Frage führt: Hat denn jeder begriffen, um was es geht?

Lesen Sie hier: Unsere Analyse zum 2:3 des VfB gegen Mainz 05

„Jeder einzelne muss sich hinterfragen“, forderte Michael Reschke, der Sportvorstand – dabei war man davon ausgegangen, dass genau dies bereits in der Analyse der missratenen Hinrunde geschehen war. Der Trainer hatte in der Vorbereitung die Zügel angezogen, einige zuvor Verletzte sind wieder belastbar, in Steven Zuber und Alexander Esswein standen zwei der drei Neuzugänge in der Startelf. Und dann? Das gleiche Spiel wie vor der Winterpause. Gegen Mainz 05 wackelte sogar die am Ende der Hinrunde stabile Innenverteidigung, die Defensivzentrale im Mittelfeld (Dennis Aogo) wurde nahezu mühelos überspielt, und das Spiel nach vorne entwickelte erst am Ende die erhoffte Wucht. „Die Mainzer waren präsenter und aggressiver, sie waren uns physisch in zu vielen Zweikämpfen überlegen“, sagte Reschke, „das darf uns in unserer Situation nicht passieren.“ Was also tun, damit es nicht wieder passiert?

Weinzierl: „Es haben alle kapiert“

Hinterfragen ist das eine, Schlüsse ziehen noch viel wichtiger. „Es haben alle kapiert“, ist Weinzierl zwar sicher. Den einen oder anderen sehr deutlichen Hinweis sollte er sich dennoch nicht sparen. Oder auf Timo Baumgartl verweisen.

Der Innenverteidiger wagte als einziger aus dem VfB-Tross noch am Samstagabend eine Art Weckruf. „Jeder hat gesehen, wie wir die ersten 80 Minuten gespielt haben“, sagte Baumgartl und forderte: „Wir müssen wieder dahin kommen, dass jeder den Ball will, dass jeder Fußball spielen will – sonst haben wir keine Chance.“ „Sehr zäh“, wie es Michael Reschke ausdrückte, wird der Kampf um den Klassenverbleib sowieso. In der vergangenen Saison begann die eigentliche Erfolgsserie zwar auch erst 21. Spieltag unter Tayfun Korkut, der VfB hatte bis dahin aber bereits 20 Punkte gesammelt. Nun sind es 14, von denen Weinzierl neun geholt hat. Auch die Bilanz des Trainers, der im Oktober übernommen hatte, ist also mau. Dass in dieser Hinsicht noch einmal eine Diskussion aufkommt, schloss Reschke am Samstagabend aber aus. Also braucht es andere Ansatzpunkte.

„Endspiele“ gegen SC Freiburg und Fortuna Düsseldorf

Seit dem Jahreswechsel hat der Coach einige bis dahin verletzte Spieler zurückbekommen, die Neuen heizen den Konkurrenzkampf an – nach dem Auftritt zum Start stellt sich die Frage nach weiteren Verpflichtungen dennoch neu. Zum Beispiel für das zentrale Mittelfeld, wo das VfB-Spiel offensiv wie defensiv krankt. Allein auf die Rückkehr von Daniel Didavi zu hoffen, ist diskussionswürdiger denn je.

„Als Trainer ist man nie zufrieden“, sagte Weinzierl zu möglichen Verstärkungen bis 31. Januar zwar, er betonte aber auch: „Das ist nicht mein erster Ansatzpunkt.“ Gespräche zwischen Sportvorstand und Chefcoach wird es dennoch geben, um die Möglichkeiten auszuloten. Schließlich ist klar: Nichts wäre teurer und irreparabler als ein erneuter Abstieg. Spätestens zum Heimspiel gegen den SC Freiburg (3. Februar) muss der Kader stehen. Weil in der Woche danach das Gastspiel bei Fortuna Düsseldorf ansteht, wies Timo Baumgartl in aller Deutlichkeit darauf hin, dass es in diesen beiden Partien „um alles“ gehe. Er sprach von zwei „überlebenswichtigen Endspielen“.

Zuvor reist der VfB am Sonntag (15.30 Uhr) zum FC Bayern, wo er zuletzt 4:1 gewann. Nicht nur wegen der Leistung gegen Mainz 05 fällt es schwer, sich eine Wiederholung vorzustellen.

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