Um 1 Uhr war Feierabend am Eckensee: die Polizei untersagte den Alkoholkonsum unter Verweis auf die Benutzungsordnung des Landes.
Stuttgart - So oft, wie am Eckensee von „Alter“ die Rede ist, könnte man meinen, die Leute dort seien altersmäßig ganz schön gereift. Das Gegenteil ist der Fall. Die Samstagnacht ist jung, das Publikum in der City ist es auch. Jungs, Mädchen, Stuttgart-Kinder. Der Eckensee ist ein Ort der Heranreifenden. Die Stimmung ist pubertär. „Alter“ ein Ausdruck der Jugend, wie „bra“ für Bruder.
Auch die Polizisten, die in der Samstagnacht über Stuttgart, den Eckensee und den Frieden in der Stadt wachen, sind jung. Viele nur ein paar Jahre älter als diejenigen, die sie im Blick behalten sollen. Mit ihren Schildmützen erinnern die Beamten entfernt an Baseballteams. Zielstrebig, entsprechend ihres Einsatzplanes, streifen sie durch den Schlossgarten, der ein nächtlicher Brennpunkt geworden ist. Die Krawallnacht vom 21. Juni soll sich unter keinen Umständen wiederholen. Deshalb zeigt die Polizei, wie schon an den beiden vergangenen Wochenenden, dass sie da ist. Sie ist unübersehbar. Zu Fuß und zu Pferd. Auf dem Asphalt vor der Oper liegen Rossbollen neben leeren Flaschen. Beim Neuen Schloss surrt eine Drohne.
Der Alkohol fließt in Strömen
Schwer zu sagen, ob es diejenigen beeindruckt, die es beeindrucken soll. Hunderte sind unterwegs oder lagern zwischen Jubiläumssäule und der Treppe vor der Oper. In größeren und kleineren Gruppen. Mit Pappbechern und Flaschen. Vielen Pappbechern und vielen Flaschen. Ihr Inhalt zeigt Wirkung. Beim Littmanbau übergibt sich ein Junge, viele sind angetrunken. Doch die Stimmung wirkt nicht aggressiv – anders als in der berüchtigten Krawallnacht, die Stuttgart bundesweit in die Schlagzeilen brachte.
Auf dem Schlossplatz spielen zwei Jungs Gitarre, eine Gruppe Schwarzer tanzt. Manche Junge feiern leise, andere werden laut. Erfreulicherweise wird niemand gewalttätig. Polizeisprecherin Monika Ackermann spricht gegen 1 Uhr von einer „ziemlich ruhigen Nacht“, die zu dem Zeitpunkt allerdings noch lang ist. Wie schnell sich das Bild ändern kann, hat die Nacht zuvor gezeigt. Bei der Kontrolle eines 16-Jährigen war es in der Freitagnacht zu einer Auseinandersetzung gekommen; vier Polizeibeamte wurden dabei leicht verletzt. Später in der Nacht forderte eine Schlägerei beim Eckensee einen Schwerverletzten.
Gegen 1 Uhr ist der Platz um den Eckensee leer
Gegen 00.30 Uhr ändert sich in dieser Samstagnacht plötzlich die Szenerie am Eckensee. Gezielt gehen die Polizisten auf die Gruppen der Trinkenden zu und weisen sie auf ein Alkoholverbot hin, von dem bis vor kurzem gar nicht so richtig bekannt war, dass es existiert. Das Land ist Eigentümerin des Schlossgartens und des Schlossplatzes. In der Benutzungsordnung ist ein Passus enthalten, der „nachhaltigen Alkoholgenuss“ dort verbietet. Jetzt setzt die Polizei das auch um. „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass hier ein Alkoholverbot besteht“, sagen die Beamten betont höflich und bitten die jungen Leute drum, ihren Müll mitzunehmen. „Wenn Sie weitertrinken wollen, können Sie das anderswo tun.“ Die meisten reagieren widerspruchslos, einige packen herumliegende Flaschen in Plastiktüten und ziehen in Richtung Königstraße und Akademiegarten ab. Man wünscht sich gegenseitig „noch einen schönen Abend“. Als ein Betrunkener einen Polizeibeamten anschnauzt, weist ein Mädchen aus der Gruppe ihn zurecht: „Respekt bitte!“
Die Strategie scheint aufzugehen. Gegen 1 Uhr ist der Platz um den Eckensee leer. „Wir schauen jetzt, wohin sich das Geschehen verlagert“, sagt Polizeisprecherin Ackermann. Auf die Frage, warum das Alkoholverbot nicht schon früher am Abend durchgesetzt wurde, sagt sie, man hab erst abwarten wollen, bis das trinkfreudige Publikum unter sich ist: „Für die beginnt die Nacht nämlich erst jetzt.“