Vom Schritt in die Selbstständigkeit sind Fadik Düzgören (li.) und Münevver Demirbas immer noch überzeugt. Foto: Caroline Holowiecki

Zwei Verkäuferinnen wollten sich nach der Pleite der Bäckerei-Kette Lang nicht hängenlassen. Die beiden Schwestern haben sich stattdessen in Stuttgart-Vaihingen in die Selbstständigkeit gewagt. Hier ziehen sie nach einem Jahr Bilanz.

Vaihingen - Das Lachen hört man schon draußen. Fadik Düzgören und Münevver Demirbas wuseln durch den Bäckereiladen, foppen sich gegenseitig, scherzen mit den Besuchern. Viele Kunden kennen die Schwestern augenscheinlich beim Namen. „Jetzt ist hier ein anderes Leben da“, sagt ein Stammgast, der nach einem Snack gerade seinen Café-Tisch räumt. Das Lachen, das durch den Verkaufsladen tönt, könnte man auch als Zeichen der Erleichterung interpretieren. Fadik Düzgören und Münevver Demirbas haben viel gewagt und viel gewonnen.

Drei Monate nach der Pleite ging es los

Die Inhaberinnen der Bäckerei Herz in Vaihingen sind ehemalige Mitarbeiterinnen der Bäckerei Lang. Die Kette hatte im Oktober 2018 Insolvenz angemeldet. Statt sich hängen zu lassen, machten sich die beiden Frauen selbstständig und eröffneten ihr eigenes Geschäft. Bestärkt hatte sie auch ausstehendes Geld vom früheren Arbeitgeber, das nach langem Warten in einem Schwung kam. Anfang 2019, also drei Monate nach der Lang-Pleite, unterschrieben sie den Mietvertrag für ein leer stehendes Ladenlokal an der Brommerstraße in Vaihingen. „Der Duft von Croissants hat mir gefehlt“, sagt Münevver Demirbas und lächelt.

Am Valentinstag vor einem Jahr hat die Bäckerei Herz eröffnet. Und? „Es läuft besser als erwartet“, sagt Münevver Demirbas. Sie und ihre Schwester erhielten viel Unterstützung von den Kunden. Zum Beweis zeigt sie Geschenke und Glücksbringer, die Menschen aus der Nachbarschaft gebracht haben. „Viele haben sich bedankt, dass wir da sind“, erzählt die 52-Jährige. Dennoch sagt sie: „Durch die Insolvenz haben sich viele Kunden abgewandt.“ Der Laden habe zuvor monatelang leergestanden, viele hätten sich in der Zeit umorientiert – und seien bis heute nicht wiedergekommen. „Wir sind zufrieden, aber bis die Kunden zu 100 Prozent zurückkehren, das ist ein Prozess“, glaubt Münevver Demirbas. Manche Leute gingen vorbei, schauten, aber kämen nicht hinein. „Für viele sind wir immer noch neu“, sagt Fadik Düzgören (53).

Beide haben viel dazugelernt

Die beiden sind stolz. „Woher wir den Mut genommen haben, weiß ich nicht“, sagt Münevver Demirbas. Bedenken hätten sie durchaus gehabt, „wir sind zwei Frauen und machen alles selbst“, erklärt sie. Die Wände haben sie eigenhändig gestrichen. „Wir haben einen Tisch gebastelt, das glaube ich bis heute noch nicht“, sagt Fadik Düzgören und kichert fröhlich. Nicht nur Handwerkliches mussten sich die Neu-Chefinnen aneignen, sondern auch alles, was zur Selbstständigkeit gehört. Unterstützung kommt vom Steuerberater. „Ich habe viel dazugelernt“, sagt Münevver Demirbas, „ich musste auch mit 52 Jahren Autofahren lernen“. Den Führerschein hat sie stets besessen, aber nie genutzt. Nun muss sie. Um 4 Uhr fahre eben kein Bus. Die meisten Waren kommen von einer Bäckerei in Böblingen, aber es gibt auch Eigenkreationen. Neben herzförmig geknoteten Brezeln und Laugenweckle mit Herz-Stempel gibt es Spezialitäten aus ihrer Heimat, der Türkei, etwa deftige Backwaren mit Käse und Spinat oder Bulgursalat. „Alles selbst gemacht“, betont Münevver Demirbas. Türkisches Süßgebäck soll noch folgen.

Fadik Düzgören und Münevver Demirbas sind typische Schwestern. Sie lieben und sie zoffen sich. „Wir waren es gewohnt, alles allein zu machen. Und auf einmal standen wir nebeneinander und sind über unsere Füße getappt“, sagt Münevver Demirbas. Beide lachen. „Wir sind wie neu verheiratet“, erklärt Fadik Düzgören. Vieles musste sich einspielen, etwa die Urlaubsplanung. Dennoch: Vom Schritt in die Selbstständigkeit sind die beiden Frauen ein Jahr später immer noch überzeugt. „Wer solche Gedanken hat, soll sich nicht genieren. Er soll sich trauen“, rät Demirbas. Ihre Schwester sagt: „Ich bereue es. Ich bereue es, dass ich es nicht schon früher gewagt habe.“

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