Dank Georgios Scarpello erwischten die Ringer des ASV Schorndorf einen guten Start ins DM-Finale. Foto: Baumann

Der ASV Schorndorf verliert auch das zweite Duell um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft gegen den ASV Mainz mit 13:14 und hofft auf eine erfolgreiche Zukunft. Die ersten Neuzugänge für die nächste Saison stehen bereits fest.

Im Sport liegen Frust und Freude bekanntlich nahe beieinander. Wenn dann noch Fanatismus dazukommt, kann dies eine gefährliche Mischung ergeben. Nach dem Gewinn der deutschen Mannschaftsmeisterschaft in der Stuttgarter Scharrena stürmten die Athleten und Anhänger des ASV Mainz die Matte, feierten den Titel in einem großen Knäuel aus überschwänglich jubelnden Menschen. Doch schnell entstand im Triumph ein Tumult, der Sicherheitsdienst griff ein, es kam zu Handgreiflichkeiten. Die Fans des unterlegenen ASV Schorndorf blieben auf ihren Plätzen, pfiffen, schrien, warfen leere Bierbecher. „Da sind die Emotionen übergekocht“, sagte Sedat Sevsay, der Sportvorstand und Trainer der Gastgeber, „so etwas hat im Sport nichts verloren“. Und war doch leichter zu verkraften als die Niederlage im harten Ringen von zwei Topteams.

 

13:14 hatten die Schorndorfer den Hinkampf verloren, und trotzdem war der Optimismus groß, den ersten DM-Titel seit 1975 zu gewinnen. Zumindest offiziell. Hinter den Kulissen gab es durchaus Sorgen. Denn Sedat Sevsay wusste, dass er zwar ein gutes Team würde aufbieten können. Er wusste aber auch, dass er nicht seine Bestbesetzung zur Verfügung hat. Gleich drei Ringer fehlten, weil ihnen von ihren Nationaltrainern wegen anstehender EM-Lehrgänge die Freigabe verweigert worden war und sie nicht hatten ausreisen dürfen. „Da ist man als Verein machtlos, die Sportler verdienen den Großteil ihres Lebensunterhalts schließlich nicht bei uns“, erklärte Sedat Sevsay, „am Start stand bei uns letztlich die Option C“. Und trotzdem hätte es fast gereicht.

Guter Start für den Gastgeber

Die ersten drei der zehn Duelle gingen vor 2200 Zuschauern an den ASV Schorndorf. Georgios Scarpello, Mohsen Siyar und Georgi Vangelov brachten ihr Team deutlich mit 7:0 in Führung (je höher ein Sieg ausfällt, umso mehr Mannschaftspunkte gibt es). Vangelov feierte seinen Erfolg mit einem Rückwärtssalto auf der um 60 Zentimeter erhöhten Matte, auf welcher sich die Ringer fühlten wie auf einer Bühne, während die Fans der Gastgeber den ASV Mainz mit netten Gesängen bedachten: „Ihr seid nur ein Karnevalsverein!“

Zur Pause, nach der Hälfte aller Kämpfe, führte der ASV Schorndorf mit 9:3, noch war alles drin. Es folgten zwei Schlüsselduelle – die beide an die Gäste gingen. Akhmed Aibuev verlor 1:4, Shamil Ustaev hätte ein 4:4 gereicht, um aufgrund der höheren Wertungen einen Mannschaftspunkt zu sichern. Doch sieben Sekunden vor Ende ließ er sich von der Matte drängen, unterlag unglücklich mit 4:5. Damit hatte der ASV Mainz auf 6:9 verkürzt und seinen Gegner plötzlich im Griff. Denn in zwei der restlichen drei Kämpfe waren die Schorndorfer krasse Außenseiter. Und auch nicht in der Lage, daran etwas zu ändern.

Sedat Sevsay: „Wir haben ein paar Punkte liegen lassen.“

Karan Mosebach unterlag 0:16, womit die Mainzer erstmals 10:9 in Führung gingen. Danach holte zwar Ibrahim Ghanem mit einem 15:0 vier fest eingeplante Teampunkte für den ASV Schorndorf, doch es war klar, dass Nachwuchsringer Anton Moser zum Abschluss chancenlos sein würde. Nach nur 57 Sekunden war sein Kampf vorbei (0:16) und die nächste 13:14-Pleite der Schorndorfer perfekt. „Das Endergebnis ist natürlich bitter“, meinte Sedat Sevsay, „wir haben in den 20 Kämpfen ein paar Punkte liegen lassen, die Mainzer sind in den entscheidenden Situationen cleverer gewesen als wir“.

Enttäuscht zeigte sich auch Jello Krahmer, der machtlos an der Matte mitgefiebert hatte. Der Schwergewichtler musste nach seinem wichtigen Sieg im Hinkampf diesmal zuschauen, da in seiner Klasse (130 kg) in der Scharrena im freien Stil gerungen wurde, was die Spezialität von Mohsen Siyar ist. Also feuerte Krahmer seine Kollegen an, gab ihnen Tipps, machte zwischendurch Selfies mit vielen Fans. Und ordnete am Ende die Niederlage ein. „Die Atmosphäre ist wunderschön gewesen. Es war das Beste, was ich im deutschen Ringen bisher erlebt habe – davon werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen“, sagte Jello Krahmer. „Insgesamt haben wir eine tolle Saison hingelegt. Mit etwas zeitlichem Abstand werden wir erkennen, dass auch die Vizemeisterschaft ein großer Erfolg ist.“ Und es muss ja nicht der letzte gewesen sein.

Zwei Neuzugänge: Lucas Lazogianis und Tom Stoll

In Schorndorf haben längst die Planungen für die nächste Saison begonnen. Weil es dann wegen der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris noch größere Probleme geben könnte, in der entscheidenden Phase der Play-offs die Freigabe für ausländische Teammitglieder zu erhalten, setzt der ASV ganz bewusst noch mehr als bisher auf starke deutsche Kräfte. Bereits verpflichtet sind der Deutsche Meister Lucas Lazogianis aus Stuttgart-Weilimdorf und Tom Stoll vom Bundesliga-Rivalen TuS Adelhausen. „Auf diese Neuzugänge sind wir richtig stolz“, sagte Sportvorstand und Coach Sedat Sevsay. „Nach dem Bundesliga-Aufstieg 2019 war unser Ziel, uns an der Spitze zu etablieren. Das haben wir geschafft. Wir werden in der kommenden Saison definitiv wieder angreifen, hoffen auf den Beginn einer Ära. Das war nicht unser letztes Finale.“

Vielleicht gibt es ja schon in einem Jahr mehr Freude als Frust. Und Fans, die aus einem Triumph keinen Tumult machen.