Wie bewerten die Menschen im Land das Ergebnis der Bundestagswahl – fernab von Berlin? Unsere Reporter haben vor der Wahl an sechs Orten in Baden-Württemberg Halt gemacht und mit den Leuten gesprochen. Nun haben sie sich noch einmal auf den Weg gemacht.

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Stuttgart - Die Schlachten der Parteien sind geschlagen, die Bundestagswahl ist vorbei. Die einen lecken ihre Wunden, die anderen versuchen, eine Regierung zu bilden, die Deutschland die kommenden Jahre führen soll. Im Fokus steht Berlin, doch was denken die Menschen weit weg von der Hauptstadt? Wie bewerten sie das Abschneiden der Parteien, glauben sie, dass sich etwas verändern wird? Unsere Reporter sind vor der Wahl auf der A 81 einmal quer durch Baden-Württemberg gefahren. Sie haben zugehört und nachgefragt: Was bekommen die Leute mit von der großen Politik aus Berlin? Nun haben sich die Reporter noch einmal auf den Weg gemacht, um dieselben Menschen ein zweites Mal zu besuchen.

Das Abschneiden der AfD treibt die Menschen um

Eines der zentralen Themen ist das Abschneiden der Alternative für Deutschland. Auf der einen Seite herrscht Ratlosigkeit, wie in einem reichen Land so viel Unzufriedenheit sitzen kann. Doch alle Befragten haben auch eine ziemlich einfache Erklärung. „Die AfD arbeitet mit den Ängsten“, sagt Henry Rauner. Er wohnt in Rottweil, Stammland der CDU, einer der tiefschwarzen Flecken in Baden-Württemberg. Doch die Christdemokraten sind abgestürzt – von deutlich über 50 Prozent auf weit unter 40 Prozent der Stimmen. „Die AfD kennt nur ein Thema: Flüchtlinge und die Islamisierung des Abendlandes. Aber das ist doch Quatsch.“ Der Vorsitzende eines Bürgervereins hat eine sehr klare Meinung zum Erfolg der populistischen Parolen der AfD. Aber auch er muss einräumen, dass die neuen Rechten einen Nerv getroffen haben. Die Partei benenne Themen, die von den anderen Parteien nicht offen angesprochen worden seien. Doch Rauner ist überzeugt: „Die reden viel, aber Lösungen haben sie keine.“ Er fordert von den Politikern, dass sie sich wieder mehr um das Volk kümmern, besser zuhören und die eigene Politik immer wieder erklären muss. Die harte Arbeit an der Basis sei der Grundstock für eine gute Politik. Wenn er aber Bundeskanzlerin Angela Merkel höre, die nach der für die CDU katastrophalen Wahl sage, sie wissen nicht, was sie anders machen müsse, dann hat Rauner wenig Hoffnung, dass sich wirklich etwas ändern wird.

Der Ärger über Angela Merkel ist groß

Dieser Weiter-so-Satz der Kanzlerin hat auch Simone Boos geärgert. Merkel habe die Botschaft wohl nicht verstanden, sagt die Gastwirtin aus Möckmühl. Die Gemeinde an der Grenze zu Bayern wird seit den Landtagswahlen immer wieder als Hochburg der AfD bezeichnet. In manchen Ortsteilen erhielt die Partei auch dieses Mal fast 30 Prozent der Stimmen. Sie ist überzeugt: „Das war eine Protestwahl!“ Die Menschen fühlten sich von den Politikern der etablierten Parteien nicht vertreten und wollten „denen da oben einfach mal eines auf den Deckel geben“. Auch Simone Boos ist überzeugt: Die AfD habe nur Parolen, aber keine Lösungen. Und auch dass sich die Partei um die Leute kümmert, hält sie für ziemlichen Unsinn. Selbst in Möckmühl mit seinen vielen Wählern habe sich die AfD vor der Bundestagswahl nicht wirklich blicken lassen.

Sie weiß auch, wie der AfD beizukommen ist. „Man muss die Partei bei den Sachthemen stellen.“ Deren Vertreter immer nur als „Nazis“ abzukanzeln bewirke nur das Gegenteil. Generell mahnt sie zur Ruhe. „Eine Demokratie muss auch so eine Partei aushalten“, sagt Simone Boos.

Viele Junge wollen sich engagieren

Samet Mutlu kann sich noch nicht vorstellen, noch einmal vier Jahre von Angela Merkel regiert zu werden. „Seit ich denken kann, ist sie an der Macht“, sagt der 19-jährige Student aus Sindelfingen. Auch ihn ärgert die Botschaft, die Merkel nach der Wahl ausgesendet hat: Weiter so! Die CDU könne sich doch auf so einem schlechten Ergebnis nicht einfach ausruhen. Für ihn ist das ein Zeichen dafür, dass die Partei den Kontakt zur Realität „irgendwie verloren“ habe. Das Ergebnis der AfD hat auch ihn nachdenklich gemacht. „Sindelfingen ist doch eine offene Stadt mit vielen Migranten, wo das Zusammenleben im Grunde problemlos funktioniert“, sagt Samet Mutlu. Er und seine gleichaltrigen Freunde finden es sowieso erstaunlich, dass eine Partei, die nur mit Angstparolen arbeite, in einem so reichen Land wie Baden-Württemberg so stark werden kann. „Aus meinem Bekanntenkreis gibt es viele, die sagen, sie müssen jetzt was machen“, sagt er. Niemand wolle der immer stärker werdenden rechten Szene das Feld überlassen. Sein Fazit: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich politisch zu engagieren.“

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