Das Züchterpaar Karen und Gernot Fröschle hat durch die nächtliche Attacke eines Raubtiers 43 Schafe verloren – und fürchtet nun um seine Existenz. Aber auch Landwirte und Spaziergänger fühlen sich in freier Natur plötzlich nicht mehr ganz wohl.
Bad Wildbad - In der Nacht kommen die Bilder zurück: das Gedärm auf der saftig grünen Wiese, die aufgerissenen Leiber, die blutigen Knochen. „Durchschlafen geht nicht mehr“, sagt Karen Fröschle, alle zwei Stunden schrecke sie hoch. „Wir hatten eine heile Welt“, sagt die 47-Jährige mit dem silbernen Kreuz an der Halskette, „doch das ist vorbei. Mit dem Wolf kam die Angst.“
Die Schäferin steht in einem Tal wie aus dem Schwarzwaldwerbeprospekt, es liegt gut zehn Kilometer vor Bad Wildbad im Kreis Calw. Am Fuße des Hangs plätschert die Enz, umgeben von Wald, Wiesen mit blühenden Butterblumen. „Hier ist es passiert, überall lagen tote Schafe“, sagt Karen Fröschle. Sie erinnert sich gut an die apathischen Blicke der überlebenden Tiere.
Auch drei Lämmer hat der Wolf gerissen
Ihr Mann Gernot hat das Massaker am Montag entdeckt. Erst hatte er um 5 Uhr früh die Zeitung ausgetragen, dann wollte er bei den Schafen nach dem Rechten schauen. Schon von Weitem entdeckte er einen Großteil der Herde verängstigt in eine Ecke des Geländes gedrängt, dann sah er die ersten gerissenen Tiere. „Mir war sofort klar: das muss ein Wolf gewesen sein.“ Der 49-Jährige rief die Polizei. Die Bilanz der Attacke: 43 tote Tiere, darunter drei Lämmer. Manche gerissen, andere zu Tode gedrückt, etliche gnadenhalber erschossen, weil ihre Verletzungen so schwer waren.
„Sehen Sie, hier ist ein Pfotenabdruck“, sagt Gernot Fröschle und beugt sich ins Gras, um die Spur mit einem Meterstab zu markieren. Der Forst- und Landwirt hat keinen Zweifel daran, dass ein Wolf inmitten seiner Herde gewütet hat. Sie war auf drei Seiten durch einen Elektrozaun gesichert. „Der ist vom Bach her gekommen“, glaubt er, „die Schafe hatten keine Chance.“
Ein DNA-Test soll Klarheit bringen, ob es tatsächlich ein Wolf war. Vier Kadaver haben die Mitarbeiter der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt zur Untersuchung mitgenommen. Anhand des Speichels wollen sie den Wolf überführen. Womöglich ist es derselbe, der bereits im Oktober vergangenen Jahres in Bad Wildbad drei Schafe gerissen hat. Er stammt aus einem Rudel in Niedersachsen und sucht ein eigenes Revier.
Über die Gefährlichkeit des Wolfs wurde und wird gestritten
Mit der blutigen Attacke ist die Debatte über den richtigen Umgang mit dem Raubtier wieder neu entfacht. Seit im Jahr 2000 in Freiheit geborene Wolfswelpen in Deutschland entdeckt wurden, ist viel darüber gestritten worden, wie gefährlich der Zuwanderer aus dem Osten ist. Der Wolf, der lange Zeit auf der Liste der ausgestorbenen Tiere stand, vertrage sich nicht mit Schafhaltung, sagen seine Kritiker und fordern den gezielten Abschuss. Die Artenschützer dagegen feiern seine Rückkehr und freuen sich, dass der Fleischfresser besonderen Schutz genießt.
Ein Stück den Bach entlang stehen die vier Ställe der Schäferei Fröschle. Mit vier Tieren haben sie in den 90er-Jahren angefangen, längst sind es mehr als 800. „Unsere Herden sind ein wichtiger Teil der Landschaftspflege im Schwarzwald“, sagt Gernot Fröschle und erklärt, dass er dafür bezahlt wird, dass die Tiere als ökologische Rasenmäher unterwegs sind. Auf 300 Kleinstflächen, verteilt über 155 Hektar, davon ein Drittel Steillage. Fröschle ist stolz auf seine Schafe.
An diesem Freitagmorgen kann er den Anblick seiner Tiere aber kaum ertragen. „Das ist Wahnsinn, das sind alles Hochsicherheitsdrähte“, schimpft der Schäfer und führt über sein verkabeltes Gelände. Vor den offenen Ställen sind sogenannte Litzen gespannt. Das sind dünne Drähte, die unter Strom stehen und den Wolf abschrecken sollen. Eingesperrt hinter der Elektroabschreckung blöken die Tiere, sie haben Hunger. Anstatt sich auf den frischen Maiwiesen satt zu fressen, müssen sie im Stall bleiben und gefüttert werden. „Ich traue mich nicht sie rauszulassen“, sagt der Landwirt. Zu groß sei die Furcht vor einer weiteren Attacke, noch ungeklärt, wie er seine Tiere künftig schützen solle.
Agragminister Hauk hat jegliche Unterstützung zugesagt
„Wir sind der Pilotfall im Land“, sagt Fröschle genervt. Aber er ist froh über die Hilfe, die er schon erhalten hat. Gleich nach dem Unglück habe ihn Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) angerufen und ihm jegliche Unterstützung zugesagt. Mindestens 150 Euro soll er für jedes gerissene Schaf erhalten, noch steht die Höhe nicht endgültig fest. Die Mitarbeiter der Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt brachten leihweise einige Rollen besonders sicheren Elektrozaun vorbei. Den hat die Schäferfamilie mit den fünf Kindern gleich aufgestellt. Die Angst vor weiteren Attacken des Wolfes macht sich im Enztal breit. Etliche fahren nicht mehr allein Fahrrad, erzählt, Karen Fröschle. Sie kenne Spaziergänger, die abgelegene Wege mieden. Und das Kindergartenteam überlege, ob die drei Wochen Walderlebnisaufenthalt im Juni nicht ganz absagt werden sollten. „Man weiß halt nicht, was noch passiert“, zeigt sich die Schäferin besorgt. „Uns könnte es an die Existenz gehen.“
Auf Solidaritätsbesuch schaut am Freitagnachmittag Politprominenz bei den Schäfern vorbei. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel kommt in seiner Limousine angefahren, um sich als Wolfsgegner zu bekennen. „Ich brauche den Wolf hier nicht“, sagt er schlicht und hört sich an, was die genervten Nachbarn und Landwirte zu sagen haben. Ein gutes Dutzend ist gekommen, um sich den Kropf zu leeren. „Dass der Wolf kein Kuscheltier ist, wissen wir doch alle längst“, schimpft einer, „ich habe nur darauf gewartet, dass etwas passiert.“ Einer anderer fürchtet um sein Rotwildgehege und zeigt auf einem Handy ein Foto herum: ein Wolf mit rötlichem Fell trabt gemütlich an einer Futterstelle vorbei. Möglich, dass dieses Tier auch in Bad Wildbad angegriffen hat.
Rolf Haag, grüne Latzhose, fester Händedruck, klare Ansichten, sorgt sich um seine 75 Mutterkühe, vor allem die Kälber sieht er in Gefahr. „Die sind leichte Beute“, sagt der 74-Jährige. „Wir haben doch schon genug Probleme im Land, mit den Straßen, mit den Flüchtlingen“, sagt der Rentner und Nebenerwerbslandwirt.
Er sieht nur eine Lösung für das Wolfproblem: „Endlich abschießen.“