Am Samstag mussten Feuerwehrleute Tote aus dem abgestürzten Flugzeug bei Steinenbronn bergen. Damit sie die belastenden Einsätze verkraften, erhalten sie Unterstützung durch geschulte Kräfte.
Kreis Böblingen - Nach einem relativ ruhigen Coronajahr mit wenigen Einsätzen geht es aktuell für Rettungskräfte und Feuerwehren wieder rund. So waren Feuerwehrleute aus dem Kreis Böblingen in den vergangenen Tagen nicht nur als Helfer für die Flutopfer in anderen Bundesländern unterwegs. Auch am Wochenende, als die Toten aus der über Steinenbronn abgestürzten Maschine geborgen werden mussten, waren Feuerwehrleute aus dem Kreis im Einsatz.
Wie verkraften die Helfer solche Situationen, in denen sie Schwerverletzten beistehen oder Tote aus Trümmern ziehen müssen? „Das ist sehr unterschiedlich“, sagt Friedhelm Secker. Er leitet das Einsatznachsorgeteam für alle Feuerwehren, Rettungsdienste und andere Organisationen im Kreis, die mit Sicherheitsfragen befasst sind.
Am Samstag war Friedhelm Secker selbst vor Ort in Steinenbronn. „Wir haben eine Einsatzbesprechung im Team gemacht und den Leuten auch Einzelgespräche angeboten. Das wurde auch angenommen“, sagt Secker. Wie belastend ein Einsatz für die Retter sei, liege an ganz verschiedenen Komponenten. „Es gibt Menschen, die verkraften es nicht, wenn sie warten müssen und nichts tun können. Andere haben Probleme bei bestimmten Tätigkeiten, zum Beispiel, wenn sie Tote bergen müssen.“ Auch die aktuelle persönliche Situation des Einzelnen wirke sich aus. „Je nachdem, wie gut der persönliche Akku aktuell aufgeladen ist,“ sagt Secker. So erinnert er sich an einen Feuerwehrmann, der bei einem tödlichen Unfall dabei gewesen ist. „Der hatte nur mit Absperrarbeiten zu tun, also eigentlich gar keine belastende Tätigkeit. Trotzdem hatte er nach dem Einsatz alle Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er stand schon vorher sehr unter Stress. Und dieser Einsatz war der Tropfen, der das Fass dann zum Überlaufen gebracht hat.“
Psychologische Fachkräfte und Feuerwehrleute
Vor elf Jahren hatte die Feuerwehr im Kreis mit dem Aufbau eines Einsatznachsorgeteams begonnen. Heute gehören etwa 30 Mitarbeiter zur Truppe, je 15 für die Rettungsdienste wie DRK, Johanniter, Malteser und andere sowie für Feuerwehr und Technisches Hilfswerk (THW). Die Ehrenamtlichen sind entweder selbst Feuerwehrleute und Rettungskräfte oder sogenannte psychologische Fachkräfte wie Pfarrer und Therapeuten. Friedhelm Secker ist beides: Pfarrer und Feuerwehrmann.
Alle werden für ihre Aufgabe geschult. Zunächst besuchen sie ein einwöchiges Seminar, anschließend folgt eine einjährige Hospitationsphase, in der sie die Nachsorgekräfte begleiten. Nach drei weiteren Seminaren dürfen die dann fertig ausgebildeten Nachsorgeseelsorger selbst tätig werden.
Zu ihren Aufgaben gehört nicht nur die Begleitung der Kollegen bei belastenden Einsätzen, sondern auch die Prävention. „Wir schulen alle unsere Feuerwehrleute, wie sie sich auf seelische Belastungen vorbereiten können“, sagt Secker. So gebe es in stressigen Situationen die Möglichkeit, durch bewusstes Atmen Stress abzubauen. Mittelfristig empfiehlt er Sport und langfristig das Erlernen von Entspannungsübungen. „Wir geben aber nur Empfehlungen. Jeder muss selbst entscheiden, wie er mit den Belastungen umgeht.“
Zitteranfälle und Schlafstörungen
Wie äußern sich posttraumatische Belastungsstörungen? Das sei sehr unterschiedlich, je nach Typ, sagt Friedhelm Secker. „Menschen, die sowieso unruhig sind, werden noch nervöser. Jemand, der gelegentlich stottert, wird dann stark stottern.“ Von Schlafstörungen über Überregbarkeit bis hin zu Zitteranfällen und Sprachfindungsstörungen sei alles möglich. Die Dienste, die Friedhelm Secker und seine Kollegen anbieten, werden gut angenommen. „So 10 bis 20 Einzelgespräche führen wir im Monat.“
Für den Böblinger Kreisbrandmeister Guido Plischek ist die Arbeit der Einsatznachsorgehelfer „unerlässlich“. Die Einsätze der Feuerwehr hätten sich sehr gewandelt. „Sie sind viel komplexer geworden und wir sehen viel Schlimmeres als früher“, sagt Plischek, der bereits 33 Jahre Erfahrung hat. „Viele Feuerwehrleute geben sich gerne als harte Jungs. Aber im Innern sind sie genauso verletzliche Väter oder Söhne wie andere auch. Da helfen manchmal die richtigen Fragen von jemanden, der selbst den Stallgeruch der Feuerwehr mitbringt.“
Psychologische Unterstützung sei mittlerweile bei allen Feuerwehren im Land üblich, sagt Gerd Zimmermann, der Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbands. Die Strukturen dafür seien aber in den Kreisen und Kommunen sehr unterschiedlich. Die Landesfeuerwehrschule biete Aus- und Fortbildungen für die Nachsorgehelfer an.