Ein Notfallseelsorger kümmert sich um die psychischen Folgen des dramatischen Unfalls im Nordbahnhofviertel. Foto: Sven Kohls/SDMG

Der 61-jährige Hanns Günther ist Leiter der Stuttgarter Notfallseelsorge, koordiniert mehr als 30 Seelsorger, die sich um Hinterbliebene in akuten Notlagen kümmern.

Stuttgart - Der 61-jährige Hanns Günther ist Leiter der Stuttgarter Notfallseelsorge, koordiniert mehr als 30 Seelsorger, die sich um Hinterbliebene in akuten Notlagen kümmern.

Herr Günther, was können Seelsorger nach so einem Unfall für die Angehörigen noch tun?

Entscheidend ist, dass ein Mensch kommt. Innerhalb einer halben Stunde ist jemand da, wenn uns Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst rufen.

Überbringen Sie die Todesnachricht?

Das muss die Polizei machen. Wenn die Beamten wollen, gehen wir gleich mit, und das ist immer öfter der Fall. Es geht dann darum, diesen einen traurigen Satz auszusprechen.

Wie bringt man das einem Angehörigen bei?

Am besten gleich und direkt. Nicht lange herumreden. Die Leute ahnen ja schon, dass jetzt was Erschütterndes kommt, wenn wir vor der Tür stehen.

Und die Reaktion?

Die erste Reaktion ist fast immer: Das kann nicht sein! Was dann folgt, kann nicht vorhergesagt werden. Aber alles ist normal. Herumrennen, durchdrehen, apathisch sein. Wir sind dann da, um das gemeinsam auszuhalten. Es kann ja nichts ungeschehen gemacht werden, die Zeit nicht zurückgedreht werden.

Können Sie konkret helfen?

Wir helfen, das soziale Netzwerk der Betroffenen zu aktivieren. Gibt es noch einen Angehörigen, der jetzt hilfreich wäre, den man verständigen muss? Wir versuchen ihn, auch über Notfallseelsorger in anderen Landkreisen, zu kontaktieren. Wir erklären, was jetzt noch alles an Formalitäten kommen wird, geben Perspektiven. Und irgendwann, wenn alle die Lage akzeptiert haben, ziehen wir uns langsam zurück. Mit der Option, dass man uns auch später noch einmal anrufen darf.

Und wann ist es Zeit zu gehen?

Auch wenn wir mehrere Stunden lang da sind, irgendwann müssen wir ja gehen. Wenn wir spüren, die Situation ist einigermaßen stabil, fragen wir, ob wir gehen sollen. Aber ich beende einen solchen Einsatz erst, wenn ich mir die selbst gestellte Frage, „Gehst du jetzt mit einem einigermaßen guten Gefühl?“ mit Ja beantworte. Es braucht da etwas Intuition.

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