„Schwarzes Leben zählt“ – Demo gegen Rassismus in Stuttgart am vergangenen Wochenende. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Weltweit gehen Menschen gegen Rassismus auf die Straße. Doch was bedeutet der Begriff eigentlich genau? Wie äußert sich Rassismus? Und gibt es Zahlen zu Rassismus in Deutschland?

Stuttgart - Egal ob in Washington, London, Kapstadt oder Berlin: Seitdem der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet wurde, demonstrieren Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus. Die Situation in den USA ist anders als in Deutschland, doch im Mittelpunkt der Proteste steht ein globales Phänomen.

Was genau bedeutet „Rassismus“?

Generell liegt Rassismus vor, wenn Menschen aufgrund von tatsächlichen oder angenommenen Merkmalen – wie zum Beispiel Hautfarbe, Religion oder Herkunft – als eine homogene Gruppe angesehen und darauf basierend abgewertet werden. Im Detail gibt es unterschiedliche Definitionen. Für den „klassischen“ Rassismus spielt das Konzept von „Menschenrassen“ eine wichtige Rolle, das heute wissenschaftlich klar widerlegt ist.

Wie ist die Idee von „Menschenrassen“ entstanden?

Das Konzept, die Menschheit in verschiedene „Rassen“ einzuteilen, diente von Anfang an als Rechtfertigung für die Unterdrückung bestimmter Gruppen. Ein frühes Beispiel für rassistische Vorstellungen sieht der US-amerikanische Historiker Ibram Kendi in der Beschreibung einer portugiesischen Sklavenversteigerung im Jahr 1444 durch den Chronisten Gomez de Zuara. Obwohl die Menschen, die dort verkauft wurden, sehr unterschiedliche Hauttöne hatten, konstruierte Zuara sie als eine einheitliche Gruppe, die an ihren Herkunftsorten „wie Biester“ gelebt hätten und durch Sklaverei gebessert werden müssten. Im 17. und 18. Jahrhundert, einhergehend mit einer fortschreitenden Klassifizierung der natürlichen Welt, wuchs die Bedeutung des Konzepts von „Menschenrassen“ in Europa.

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Wie wird das Konzept heute betrachtet?

Große genetische Studien haben gezeigt, dass die biologischen Unterschiede zwischen heute lebenden Menschen winzig sind. Nur etwa 0,1 Prozent des Erbguts unterscheidet sich, erklärt Suzanne Plihcik vom Weiterbildungsprojekt „Racial Equity Institute“ in dem Podcast „Seeing White“. „Es gibt mehr genetische Unterschiede innerhalb einer Gruppe, die historisch als ‚Rasse’ bezeichnet wurde als zwischen solchen Gruppen“, sagt Plihcik. In der sogenannten „Jenaer Erklärung“ schrieben Forscher im vergangenen Herbst: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“ Die Unterzeichner fordern, den Begriff „Rasse“ nicht mehr im Bezug auf Menschen zu verwenden.

Wie äußert sich Rassismus hierzulande?

Nur weil man nicht von „Menschenrassen“ spricht, heißt das nicht, dass Rassismus überwunden ist. Heute läuft rassistische Diskriminierung häufig über kulturelle Zuschreibungen – zum Beispiel, wenn davon die Rede ist, dass „die Muslime“ mit „ihren Werten“ nicht nach Deutschland passen. Wissenschaftler sprechen im Gegensatz zum „klassischen“ Rassismus in diesem Fall von „Kultur- oder Neorassismus.“ Er schlägt sich im Alltag in vielen Lebensbereichen nieder.

Welche exemplarischen Zahlen gibt es?

Laut der „Mitte“-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2019 vertreten rund sieben Prozent der Bevölkerung rassistische Auffassungen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat Rassismus auf dem Wohnungsmarkt untersucht: 175 Vergleichspaare bewarben sich auf Inserate. Vom Profil her unterscheiden sich die Bewerber jeweils nur in einem Merkmal: Eine Testperson hatte Migrationshintergrund und/oder war sichtbar jüdischen oder muslimischen Glaubens, die andere konnte der Mehrheitsgesellschaft zugeordnet werden. Bei der letzten Gruppe erhielten rund 46 Prozent eine Zusage, bei der ersten waren es 25 Prozent.

Was ist mit strukturellem Rassismus?

Struktureller Rassismus ist in den Organisationsstrukturen einer Gesellschaft verankert, schreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Dabei geht es um ein regelmäßiges – bewusstes oder unbewusstes – Verhalten von Beschäftigten in Behörden, zum Beispiel bei der Polizei oder an Schulen, das die Auslegung von Vorschriften gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen betrifft. Ein Beispiel liefert eine Studie der Uni Mannheim. Wissenschaftler haben 2018 gezeigt, dass Lehramtsstudenten einem Kind namens „Murat“ im Schnitt beim Diktat eine schlechtere Note gaben als „Max“ – auch wenn die Anzahl der Fehler, die gefunden wurden, gleich war. „Offensichtlich liegt das Problem also nicht in der Ermittlung der Fehler, sondern in der Notensetzung“, schreiben die Forscher. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes warnt: Institutioneller Rassismus sei oft schwieriger zu erkennen als persönliche rassistische Übergriffe.

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