Der Anschlag auf eine Bushaltestelle nahe der jüdischen Siedlung Allan Schwut im November 2014 gilt Experten als Beginn der neuen Art von Terrorattacken: mit Autos und Messern. Foto: DPA

Die Terror-Taktik ist simpel und nur schwer zu entlarven: Gegen Auto-Angriffe baut Israel Betonpfeiler und schickt verstärkt Sicherheitskräfte auf Streife. Auch Baden-Württembergs Polizei übt den Umgang mit diesem Angriffstyp.

Stuttgart - An jenem Montagmittag gehörte Dalia Lemkus zu den glücklichen Menschen, die einen Terroranschlag verletzt überlebt hatten. 17 Jahre war die Sprachtherapeutin alt, als sie im Februar 2006 den Messerangriff eines Palästinensers überlebte. Eine Attacke, der die junge Frau prägte: „Glaubt Ihr wirklich, ich lasse mich von denen unterkriegen?“, pflegte sie zu sagen, wenn Dalia Lemkus auf den Schicksalsschlag angesprochen wurde.

Am 11. November 2014 wartete sie am Ortseingang der Siedlung Allan Schwut an einer Haltestelle auf den Bus. Der sollte sie in ihren Heimatort Tekoa bringen. Dort kam die 26-Jährige jedoch nie an. Sie starb nur wenige hundert Meter vom Ort des ersten Überfalls entfernt in einem zweiten Terroranschlag: Maher al-Hashlamun steuerte seinen weißen Pkw zuerst in die Bushaltestelle, unter deren Dach Lemkus stand. Als die erst kürzlich aufgestellten, kniehohen Betonpfeiler den Terroristen auf die Straße zurücklenkten, wendete der 30 Jahre alte Mann sein Fahrzeug, stoppte an der nahen Kreuzung, nahm sein rot-weißes Küchenmesser und stach auf Dalia Lemkus ein.

Zwei Männer verletzte er mit Messerstichen, bevor ihn ein Wachmann niederschoss. Al-Hashmalun starb an der Schussverletzung. Wenig später übernahm die Terrororganisation „Harakat al-Jihad al-Islami fi-Filastin“ die Verantwortung für die Bluttat. Die „Palästinensische Dschihad-Bewegung“ zählt etwa 8000 Mitglieder, steht der Muslimbruderschaft nahe und operiert vor allem in den Palästinensergebieten.

Neue Art von Attacken

Der Anschlag von Allan Schwut gilt israelischen Terrorismusexperten als Beginn einer neuen Art von Attacken: einer Kombination, in der zunächst mit einem Pkw Menschen gerammt werden, dann der Fahrer mit einem Messer auf weitere Opfer einsticht. Genau das Drehbuch, nach dem der Attentäter von London vorging.

Seit Allan Schwut hat es bis heute laut israelischem Außenministerium 55 solcher Anschläge in Israel gegeben. Seit September 2015 starben so 47 Menschen, 686 wurden verletzt. Vor diesem Hintergrund verurteilt Israels Botschafter in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman, den Angriff in der englischen Hauptstadt in unserer Zeitung scharf: „Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen des Anschlages in London. Leider ist in Europa längst angekommen, womit wir in Israel seit der Gründung unseres Staates jedes Jahr leben müssen: Wahllose Anschläge auf Zivilisten, nach Anleitung von Terrororganisationen. Dass Autos zu tödlichen Waffen werden, ist nur eine Methode, die wir in Israel leider schon seit Langem erleben müssen. Jerusalem, Berlin, Paris, London – in der Bedrohung durch Terror sind wir alle gleich“. Genau darauf hatte vor zwei Jahren Londons oberster Polizist, Sir Bernard Hogan-Howe in unserer Zeitung hingewiesen: „Mir scheint, dass Israel zu einer Art Testgelände dafür geworden ist, welche Art von Terroranschlägen in der westlichen Welt funktionieren, und welche nicht. Deshalb beunruhigen mich die kombinierten Auto-Messer-Angriffe stark, die wir derzeit sehen. Es ist nicht nur eine Frage der Zeit, bis die zu uns überschwappen. Es ist auch eine Frage, wie wir dieser Herausforderung mit den Mitteln eines Rechtsstaates begegnen können.“

Israel hat reagiert: Kaum eine Bushaltestelle, die nicht durch Betonpfeiler geschützt ist. Sie sollen Angreifern mit Autos den Weg zu den Wartenden versperren. Eine Taktik, die auch die Polizei bei den Feierlichleiten zur Deutschen Einheit im vergangenen Oktober in Dresden anwandte. „Ein Schutz, der allerdings nur lokal wirkt“, sagt Michael Barak vom Zentrum für Anti-Terrormaßnahmen im israelischen Herzlia. Konsequent jedoch müssten Städteplaner über „deutlich höhere Bürgersteige oder aber eine Trennung von Fahrbahnen und Gehsteigen durch Poller“ nachdenken. Maßnahmen, die letztendlich nur zu zwei Fragen führten: „Was ist uns unsere Sicherheit wert und wie viel Macht wollen wir Terroristen darüber geben, wie wir unser Leben und unseren Lebensraum gestalten?“

IS setzt auf Drohnen

Israels Ex-Polizeichef Yohanan Danino sagte auf einer Anti-Terrorkonferenz 2014: „Vollkommene Sicherheit wird es in einem Rechtsstaat niemals geben.“ Demokratische Gesellschaften müssten sich daran gewöhnen, dass ihre Art zu leben Opfer fordern werde. Man brauche eine Diskussion darüber, „wie viele bewaffnete Polizeibeamte im Straßenbild zu sehen sind“. Israel erziele durch private, staatlich geprüfte Sicherheitsfirmen sowie „viele Polizeibeamte im Streifendienst eine hohe Dichte bewaffneter Kräfte gerade in Ballungsgebieten“. Ein derartiges Leben unter ständiger Terrorbedrohung sei jedoch „für viele Gesellschaften in Europa und Amerika unvorstellbar, selbst wenn die Gefahr von Anschlägen steigt“.

Baden-Württemberg sieht sich für Angriffe wie den in London gut gerüstet. So gehöre zur Polizeiausbildung im Land „auch ein spezielles Fahrsicherheitstraining“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums auf Anfrage. Dazu zählten „extreme Einsatzsituationen“, etwa das Stoppen flüchtender Fahrzeuge. Darüber hinaus seien gerade die Spezialeinheiten der Polizei „auf solche extremen Einsatzlagen vorbereitet und trainieren diese regelmäßig“.

Unterdessen setzen Terroristen des Islamischen Staates in der Schlacht um Mosul im Irak Drohnen ein, die Handgranaten und kleine Bomben abwerfen. In Videos haben die Propangandisten der Terrorgruppe dies in den vergangenen Monaten ausgeschlachtet. Zudem veröffentlichten sie im Internet Bauanleitungen, mit deren Hilfe Einzeltäter in ihren Heimatländern frei käufliche Fluggeräte zu Bombenträgern umbauen können.

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