Auf der A9 kam es am Sonntagabend bei Leipzig zu einem schweren Busunfall mit einem Flixbus. Foto: dpa

Nach dem Fernbus-Unfall auf der A9 nahe Leipzig wird nach der Unglücksursache gesucht. Was genau ist passiert? Und nehmen solche Unfälle tatsächlich zu?

Leipzig/Stuttgart - Ein Fernbus hat am frühen Sonntagabend auf der Autobahn 9 in Richtung München einen Unfall. Eine Frau stirbt, neun Menschen sind schwer verletzt. Wie konnte es dazu kommen? Und wie sicher ist das Fernbus-Fahren überhaupt? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Was ist genau passiert – und wie viele Menschen sind betroffen?

Bislang ist klar: Der Bus des Unternehmens Flixbus war am frühen Sonntagabend auf der Autobahn 9 in Richtung München bei Bad Dürrenberg nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und an der Böschung umgekippt. Eine Leitplanke hat sich nach ersten Angaben durch die Windschutzscheibe gebohrt. Auch davon, dass sich der Bus überschlagen habe, ist die Rede. Ein Verkehrssicherheitsexperte hält dies allerdings nicht für möglich: Die Dachlinie, das zeigten Bilder, sei sauber und frei von Dellen.

Bei dem Unfall kam eine Frau ums Leben. Genaue Angaben zur Identität der Toten konnte die Polizeisprecherin am Montag allerdings noch nicht machen. Neun Menschen wurden zudem schwer verletzt, 63 Menschen leicht. Insgesamt saßen 75 Menschen an Bord des Busses von Berlin nach München.

Was war die Ursache für das Busunglück?

Darüber wird derzeit nur spekuliert, die Ermittlungen zur Unglücksursache dauern noch an. Auch der 59-jährige Fahrer des Busses erlitt schwere Verletzungen und konnte deshalb noch nicht befragt werden, heißt es von der Polizei in Halle. Die Polizei untersuche den Bus, die Passagiere erhielten Anhörungsbögen, um die Unfallursache aufzuklären. Zuvor hatte die Autobahnpolizei erklärt, dass ein Sekundenschlaf des Fahrers zu dem Unfall geführt haben könnte. Doch diese Aussage bestätigten die Polizei in Halle und das Unternehmen Flixbus nicht: Für einen solchen Verdacht sei es noch zu früh.

Waren die Fahrgäste angeschnallt?

Wie viele der Fahrgäste angeschnallt waren, kann die Polizei derzeit nicht sagen. Die Flixbus-Fahrer seien grundsätzlich dazu angewiesen, vor Beginn einer Fahrt in mehreren Sprachen auf die gesetzliche Anschnallpflicht hinzuweisen, heißt es dazu von Flixbus. Allerdings könnten die Fahrer nicht sicherstellen, dass alle Passagiere der Pflicht auch wirklich nachkommen.

Wie hat Flixbus reagiert?

Flixbus richtete am Sonntagabend eine Hotline für Angehörige ein. „Der Bus eines unserer Partnerunternehmen war im Auftrag von Flixbus planmäßig zwischen Berlin und München unterwegs“, bestätigt das Reiseunternehmen. Es gehört zum Konzept, dass die Firma mit Partnerunternehmen zusammenarbeitet. An Spekulationen über die Unfallursache werde man sich aber nicht beteiligen. „Wir stehen in engem Kontakt mit den ermittelnden Behörden, deren Untersuchungen aktuell noch andauern“, so ein Sprecher. „Unser Mitgefühl gilt den betroffenen Fahrgästen und Busfahrern sowie deren Familien und Freunden.“

Die Sicherheit der Fahrgäste und Fahrer, so heißt es von dem Unternehmen weiter, habe oberste Priorität. Dies schlage sich etwa in der Gestaltung der Fahrpläne und der damit verbundenen Planung der Lenk- und Ruhezeiten nieder. Außerdem sei die Fernbusflotte, die für Flixbus im Einsatz sei, „mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet“. Dazu gehören demnach etwa eine Fahrdynamikregelung, ein Spurhalteassistent, ein Abstandsregeltempomat, ein Aufmerksamkeitsassistent sowie Brems- und Notbremsassistent. „Flixbus geht in punkto Sicherheit weit über die geforderten Standards hinaus“, so der Unternehmenssprecher. So hätten die Fahrer vor Beginn ihrer Tätigkeit für Flixbus umfassende Trainings, die besonders auf auf Sicherheitsthemen abzielten.

Wie sicher ist das Busfahren in Deutschland?

Der Reisebus sei nach der Bahn das sicherste Verkehrsmittel in Deutschland, heißt es von den Automobilverbänden ADAC und ACE. Die Zahl der Verkehrstoten liege auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie bei der Bahn – und deutlich unter dem von Pkw und Motorrad. Konkret: Zwischen 2007 und 2018 verunglückten jährlich pro Milliarde Personenkilometer im Schnitt 0,17 Personen im Bus, 0,04 Personen in der Bahn aber 1,97 Personen im Pkw, heißt es vom Auto Club Europa.

Auch Johannes Hübner, Verkehrssicherheitsexperten des Internationalen Bustouristik Verbandes RDA, versichert: Für die Fahrer gebe es strenge Vorschriften, die automatisch kontrolliert würden. „Die Überwachung des Verkehrs ist so gut geworden, dass es da kaum noch Risiken gibt“, sagt Hübner. „Was bleibt sind die Risiken, die man nie wird kontrollieren oder ausschalten können.“ Etwa, dass ein Fahrer unvorhersehbare gesundheitliche Einschränkungen erleide.

Was sind die häufigsten Ursachen für Busunfälle?

Technische Mängel als Ursache für Busunglücke seien in Deutschland aufgrund der sehr strengen Sicherheitsvorschriften und der engmaschigen Kontrolle sehr selten, sagt eine Sprecherin des Automobilclubs ACE. „Wenn es doch zu Unfällen kommt, sind diese in den meisten Fällen auf menschliche Fehler zurückzuführen, vor allem Abstands- und Abbiegefehler sowie Fehler beim Manövrieren.“ Zur weiteren Reduzierung des menschlichen Fehlverhaltens sei es wichtig, dass die Busunternehmer nicht ihren wirtschaftlichen Druck auf ihr Fahrpersonal übertragen und die Lenk- und Ruhezeiten entsprechend eingehalten werden, so die Sprecherin weiter. In der Vergangenheit wurde immer wieder Kritik an Flixbus laut: Das Unternehmen versuche mit schlechten Arbeitsbedingungen für Fahrer und mangelhafte Sicherheit Kosten zu sparen. Flixbus widerspricht der Kritik.

Wie wird die Sicherheit geprüft und überwacht?

Die Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer von Fern- und Reisebussen werden mithilfe von Kontrollgeräten erfasst. Das ist gesetzlich vorgeschrieben, die Busunternehmen müssen die gespeicherten Daten für ein Jahr aufbewahren. „Wird die Lenkzeit überschritten, fängt das Kontrollgerät im Bus sofort an zu piepsen. Für die Fahrer würde das zudem hohe Strafen bedeuten“, sagt Verkehrsexperte Johannes Hübner. Mittels einer Fahrerkarte sei ebenfalls genau nachvollziehbar, wer wann gefahren sei und Pause gemacht habe. „Kein Busfahrer überschreitet daher heute noch die Lenkzeiten.“ Bei längeren Stopps der Fahrzeuge müsse der Busfahrer zudem das Fahrzeug kontrollieren und eine Checkliste abhaken. Dass bei den Bussen grundsätzlich auch technisch alles in Ordnung ist, wird bei halbjährlichen TÜV-Überprüfungen gecheckt. Auch diese sind vorgeschrieben.

Wie viele Fahrer sind normalerweise mit im Bus?

Bei kürzeren Strecken unter viereinhalb Stunden müsse kein zweiter Fahrer anwesend sein, sagt RDA-Experte Johannes Hübner. Bei längeren Strecken gebe es einen zweiten Fahrer. Der sei allerdings da, um den ersten nach dessen Lenkzeitende abzulösen. Wer gerade nicht fahre, sitze nicht neben dem Lenkrad, sondern ruhe sich aus, so Hübner.

Kann man als Passagier etwas tun?

Automobilclubs empfehlen, sehr aufmerksam zu sein – vor und während der Fahrt. Sollte der Bus einen schlechten Eindruck machen, solle man besser nicht einsteigen, so eine Sprecherin des ACE. Also etwa wenn Reifen oder das gesamte Fahrzeug in einem schlechten Zustand seien oder äußerliche Mängel aufwiesen. Gleiches gelte, wenn der Fahrer einen unkonzentrierten Eindruck mache oder übermüdet wirke.

In Deutschland bestehe außerdem eine Anschnallpflicht in Fernbussen, heißt es weiter vom ACE. „Alle Fahrgästen sollten die Gurte auch wirklich zwingend anlegen, da sie im Falle einer starken Bremsung oder eines Unfalls verhindern, im Fahrzeug herum- oder sogar aus dem Bus geschleudert zu werden.“

Wie viele Unfälle gab es zuletzt – und nehmen diese zu?

In den vergangenen Jahren gab es mehrfach Unfälle mit Bussen, die für Flixbus unterwegs waren. Im Dezember vergangenen Jahres beispielsweise verunglückte eine Italienerin bei einem Flixbus-Unfall vor Zürich tödlich, dutzende Menschen wurden dabei verletzt. 22 Menschen wurden bei einem Unfall im August 2018 verletzt, als ein Fernbus auf der Autobahn 19 in Mecklenburg-Vorpommern in den Straßengraben fuhr und umkippte. Tatsächlich steigen die Zahlen der Fernbusunfälle und dabei Verunglückten an – doch das hängt auch damit zusammen, dass mehr mehr Menschen als noch vor einigen Jahren mit Fernbussen unterwegs sind. Weil die Unfallzahlen im Vergleich zu jenen bei Pkw und Lkw extrem niedrig sind, bedeutet aber jeder einzelne Unfall einen hohen Prozentualen Zuwachs.

Wie viele Flixbus-Fahrten gibt es inzwischen in Europa?

In Europa bietet Flixbus inzwischen etwa 350 000 Verbindungen täglich an – mit über 2000 Zielen in 29 Ländern. Das Unternehmen hat rund 1200 eigene Mitarbeiter – und im vergangenen Jahr zählten Flixbus und Flixtrain weltweit 45 Millionen Fahrgäste. Das Unternehmen hat mehr als 300 mittelständische Partnerunternehmen mit 7000 Mitarbeitern. Netzplanung, Vertrieb und Marketing sowie Kundenservice und Fahrgastinformation liegen aber bei Flixbus selbst, während Busse und Fahrer von den Partnern gestellt werden.

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