Der Stuhl des Präsidenten ist leer – noch in diesem Jahr wird der VfB Stuttgart wohl einen neuen Clubchef wählen. Foto: Baumann

Die Ära Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart ist zu Ende. Das ist das eine – aber wie geht es nun weiter nach dem Rücktritt des Präsidenten? Wir haben die wichtigsten Antworten.

Stuttgart - Die Ära Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart ist zu Ende. Am Morgen nach der chaotischen Mitgliederversammlung, die mit einem Abbruch wegen technischer Probleme endete, verkündete der 70-Jährige seinen Rücktritt als Präsident des Vereins und als Aufsichtsratsvorsitzender der VfB AG. Wie es jetzt weitergeht? An diese Frage schließen sich weitere an.

Wie kam es zum Rücktritt?

Am Sonntag musste sich Wolfgang Dietrich in der Mitgliederversammlung des Vereins erneut der harten Kritik seiner Gegner stellen. Dennoch sah es zunächst so aus, als scheitere die beantragte Abwahl. Doch die Stimmung kippte, nachdem erstmals technische Probleme auftraten. Die Debatte konnte nicht per Abstimmung beendet werden, sondern wurde fortgesetzt – und emotionaler. Als ein erneuter Versuch einer elektronischen Wahl unternommen werden sollte, schien eine Abwahl möglich – wieder funktionierte das WLAN nicht. Dietrich musste die Versammlung abbrechen. Es war eine Blamage für den ganzen Club – und für den Präsidenten. Die erbitterte Diskussion über dessen Zukunft, das war klar, würde sich mindestens zwei Monate lang fortsetzen. Am Abend war ein Rücktritt dennoch kein Thema, die Vereins- und AG-Gremien standen zu Dietrich – doch der entschied sich am Morgen danach anders.

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Wie wurde der Rücktritt verkündet?

Wolfgang Dietrich erschien am Montagmorgen auf der Geschäftsstelle und erklärte dort seinen Rücktritt. Dem Verein blieb allerdings keine Zeit, diesen auf den eigenen Kanälen für die Öffentlichkeit zu kommunzieren, da Dietrich auf Facebook seine Stellungnahme zum Rücktritt postete. „Ich lasse mir meine Würde und Ehre nicht von denjenigen nehmen, die ihre Macht lautstark und mit verbaler Gewalt demonstrieren“, schrieb er unter anderem. Und: „Auch kann und möchte ich nicht mehr einer Organisation vorstehen, die weder willens ist, sich mit mir gemeinsam diesen Interessen entgegenzustellen, noch in der Lage, den einwandfrei funktionierenden Ablauf einer Mitgliederversammlung zu gewährleisten.“ Starker Tobak gegen die bis dahin eigenen Leute, der einer Abrechnung gleichkommt.

Wie konnte es zur Panne kommen?

Dies wird derzeit extern geprüft. Sowohl der VfB als auch die für die Abstimmung verantwortliche Firma Votingtech aus Berlin wollen sich zum Sachverhalt äußern, bevor nicht Klarheit bei der Ursache besteht. Die Anlage wurde nicht abgebaut, die Votingtech-Mitarbeiter sind noch in Stuttgart. In der Satzung des Vereins besagt übrigens die Geschäftsordnung für die Mitgliederversammlung, dass elektronisch abgestimmt werden muss – „wenn die Versammlung nicht anders beschließt“. Was dann auch wieder nur elektronisch möglich ist.

Wer sitzt nun im VfB-Präsidium?

Aktuell ist nur eine von drei Positionen im Präsidium des Vereins besetzt – durch Bernd Gaiser. Auch die geplante Nachwahl des Nachfolgers von Thomas Hitzlsperger konnte nicht durchgeführt werden.

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Wie geht es nun weiter?

Der am Sonntag noch avisierte Nachholtermin für die Mitgliederversammlung Mitte September ist hinfällig, da für die Neuwahl des Präsidenten andere Fristen eingehalten werden müssen. Der Vereinsbeirat ist dafür zuständig einen oder zwei Kandidaten vorzuschlagen und hat angekündigt, zwei Alternativen zur Wahl zu stellen. Dieses Gremium wird auch bestimmen, ob das Präsidentenamt künftig wieder als Hauptamt ausgeführt wird – Wolfgang Dietrich war ehrenamtlich tätig. Bis zur Wahl und schnellstmöglich wird der Vereinsbeirat eine kommissarische Besetzung des Präsidiums bestellen. Ende des Jahres wird wohl die nächste Mitgliederversammlung des VfB stattfinden.

Gibt es bereits Kandidaten für das Präsidentenamt?

Keine, die offiziell ihr Interesse bekundet haben – abgesehen von einem Redner auf der Mitgliederversammlung („I däd’s macha“). Der Grünen-Politiker Cem Özdemir wird von zahlreichen Fans bevorzugt, er hat aber schon vor Wochen angedeutet, nicht zur Verfügung zu stehen. Gleiches gilt für Ex-Trainer Rainer Adrion, der am Sonntag nach einer viel beachteten Rede gleich als Dietrich-Nachfolger gehandelt wurde. Gut möglich ist daher, dass der Name Jürgen Klinsmann wieder auftaucht. Der Welt- und Europameister hatte schon einmal in jüngerer Vergangenheit engen Kontakt zum VfB, der sich dann wieder verlor. Womöglich sieht er sich aber eher als Kandidat für den Vorstandsvorsitz der AG.

Was muss ein Kandidat mitbringen?

Laut Satzung sind 50 namentlich genannte Unterstützer aus der Mitgliederschaft nötig, zudem muss ein Kandidat selbst zwischen 35 und 75 Jahre alt und Mitglied des VfB sein. Zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition oder einer vergleichbaren Führungsposition und/oder im Leistungssport ist zudem erforderlich.

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Wie geht es in der AG weiter?

Der amtierende AG-Vorstand, Stefan Heim, Thomas Hitzlsperger, Jochen Röttgermann, ist von den Geschehnissen zunächst unberührt. Allerdings hatte Wolfgang Dietrich zwei wichtige Themenfelder beackert, die unmittelbar Einfluss auf dessen Geschäfte haben. Zum einen sind dies die Gespräche mit einem zweiten Investor, zum anderen die Verhandlungen mit Kandidaten für den Vorstandsvorsitz. Robert Schäfer, einst in dieser Funktion bei Fortuna Düsseldorf tätig, galt als heißer Kandidat. Nun könnte das Rennen neu starten. Sowohl den Investor als auch den Vorstandsvorsitzenden wollte Dietrich noch in diesem Jahr bekannt geben. Dieser Zeitplan steht nun erneut infrage. Innerhalb des Aufsichtsrats der AG muss zudem ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Nachdem bereits Guido Buchwald aus dem Gremium ausgeschieden ist, umfasst es derzeit noch sechs Mitglieder. Für den Hauptverein, der die Mehrheit der AG-Anteile hält, sitzt Bernd Gaiser im Aufsichtsrat, dem Club steht nach Dietrichs Abgang ein Sitz zur Nachbesetzung zu.

Wie reagiert der Verein?

Nachdem Dietrich seinen Rücktritt selbst via Facebook verkündet hat, zog der Verein erst über eine Stunde später mit einer sehr knapp gehaltenen Erklärung nach. Wohl an diesem Dienstag wird es weitere Informationen zum Vorgehen in den kommenden Wochen und Monaten geben.

Wie reagieren die Fans?

Auf der einen Seite ist Freude und Erleichterung, auf der anderen großes Bedauern. Daran, dass sich unter zahlreichen Kommentaren im Internet gleich wieder unversöhnliche Diskussionen ergeben haben, ist zu sehen, dass es noch dauern wird, bis der Verein und seine Mitglieder wieder zur Normalität finden werden.

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