Neben Atomkraft soll auch die Kohle (das Foto zeigt das Kohlekraftwerk Neurath in NRW) aus dem deutschen Erzeugungsmix verschwinden. Foto: imago//Christoph Hardt

Atomkraftwerke haben zuletzt etwa sechs Prozent des Stroms in Deutschland erzeugt. Wie soll das ersetzt werden, wenn am 15. April die letzten drei Meiler vom Netz gehen?

Wenn am 15. April die letzten Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen, fehlt ihre Erzeugungskapazität. Wie wird diese Strommenge kurz- und langfristig ersetzt? Und beziehen wir künftig französischen Atomstrom? Ein Überblick.

 

Welchen Anteil haben Atomkraftwerke?

Der Anteil von Kernkraft ist seit dem Ausstiegsbeschluss von 2011 kontinuierlich gesunken: Produzierten 2021 noch sechs Atommeiler 11,8 Prozent, also ein knappes Achtel, des in Deutschland erzeugten Stroms, waren es 2022 nur noch 6,0 Prozent aus drei Kernkraftwerken. Das geht aus den Zahlen der AG Energiebilanzen hervor, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Energiewirtschaft statistisch erfasst. Gleichzeitig stieg die Verstromung von Kohle von gut 28 auf knapp 31 Prozent. Noch deutlicher aber nahm der Anteil Erneuerbarer zu: von knapp 40 auf 44 Prozent, getragen vor allem von Sonne und Wind. Auf Wind alleine entfällt gut ein Fünftel. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren stammten knapp 16 Prozent des Stroms aus Kernkraft, Kohle erzeugte gut 44 Prozent, und Erneuerbare waren für knapp 23 Prozent verantwortlich.

Wie hat der Atomausstieg die Erzeugung verändert?

„Der Atomausstieg in Deutschland hat zu einem enormen Ausbau der Erneuerbaren seit 2011 geführt“, sagt Heinz Smital, Kernphysiker an der Universität Wien und Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace. In anderen Ländern Europas – Smital nennt etwa Belgien oder Großbritannien – habe in den vergangenen Jahren auch eine Art Atomausstieg stattgefunden: „Aber denen passiert das einfach, es ist kein expliziter Beschluss. Und dort führt das dazu, dass mehr Strom aus Kohle produziert wird, weil die klare Ansage zum Umstieg fehlt.“

Woher kommt kurzfristig der Ersatz für den Atomstrom?

Mathias Mier, Energieökonom beim Münchner Ifo-Institut, hat berechnet, wie Atomstrom in Deutschland wohl ersetzt werden wird. Sein Modell ist kostenbasiert, stellt also die Frage, wie das Fehlen des Atomstroms unter ökonomischen Gesichtspunkten ausgeglichen werden müsste – Effekte politischen Handelns bleiben dabei außen vor. Die Antwort ist kurzfristig, also bis etwa 2025, ein Mix: 30 Terawattstunden (TWh) Atomstrom, die 2022 noch in Deutschland erzeugt wurden, würden demnach zu etwa zwei Dritteln mit den konventionellen Energieträgern Steinkohle (6 TWh), Braunkohle (8 TWh) und Erdgas (5 TWh) ersetzt. Zudem würde Deutschland elf Terawattstunden weniger Strom exportieren.

Weil der deutsche Exportstrom den Nachbarländern fehlt, verändert sich auch der europäische Strommix: auch hier mit einer Zunahme von Braun- und Steinkohle. Wie sich der Anteil von Atomkraft innerhalb Europas verändern wird, ist indes schwer abzuschätzen: „Das hängt vor allem vom Erdgaspreis ab“, so Mier, „denn Erdgas in Verbindung mit CO2-Abscheidung und -Lagerung ist klimatechnisch die Alternative zu Atom.“

Ersetzt nun französischer Atomstrom deutschen Atomstrom?

Danach sieht es nicht aus. Auf der Internetseite Energy-Charts.info des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme gibt es jede Menge Grafiken zu Stromproduktion und Börsenstrompreisen. Daten zum Import-Export-Saldo zwischen Frankreich und Deutschland sind dort für die Zeit seit dem Jahr 2015 verfügbar. In allen Jahren zeigt sich seither unterm Strich ein Exportüberschuss von Deutschland nach Frankreich. Mal exportierte Deutschland nur wenig mehr, als es aus Frankreich importierte, mal war es fast fünfmal so viel Strom. Im vergangenen Jahr führten zahlreiche Ausfälle französischer Kernkraftwerke dazu, dass Deutschland deutlich mehr Strom nach Frankreich lieferte als andersherum: 20,5 Terawattstunden deutschem Strom standen nur 5,2 Terawattstunden geliefertem französischem Strom gegenüber.

Auch in den ersten drei Monaten dieses Jahres war das Exportdezifit Frankreichs gegenüber Deutschland deutlich, und es ist absehbar, dass die französische Atomkraft auch in diesem Jahr nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen kann: Im Winter hat es wenig geschneit oder geregnet – ein Indiz dafür, dass das Kühlwasser knapp werden könnte. Insgesamt ist Deutschland seit dem Jahr 2003 ein Stromexportland: Im vergangenen Jahr exportierte es rund 27,5 Terawattstunden mehr, als es importierte.

Wie wird Atomstrom langfristig ersetzt?

Wie es tatsächlich kommt, ist eine Frage des Marktes. Basis soll ein massiver Ausbau der Erneuerbaren sein, der mit einem Netzausbau einhergeht, sodass Windstrom aus dem Norden in den Süden geleitet werden kann. Wenn es windstill und wolkig ist, sollen vor allem Gaskraftwerke und Speicher die Ausfälle der Erneuerbaren ausgleichen können. Die Gaskraftwerke sollen zunächst mit Erdgas und später mit Wasserstoff betrieben werden. Das könnte ab 2030 der Fall sein. Die EnBW rüstet beispielsweise gerade drei Kraftwerke entsprechend um. Zur Speicherung kommen Pumpspeicherkraftwerke genauso infrage wie Batteriespeicher oder Technologien, die Energie aus Ökostrom in lagerbare Energieträger wie Wasserstoff oder Methan umwandeln. Zudem ist ein Austausch von Strom in Europa grundlegend. Auch das gezielte An- und Abschalten von Anlagen, Geräten und Batterien je nach Stromverfügbarkeit wird eine Rolle spielen.