Eine Schutzweste gehört mittlerweile zur Berufskleidung von Manuel Schunger. Foto: sichtlich mensch/Andreas Reiner

Ohne Schutzweste gehe er zu keiner Zwangsräumung mehr, sagt der baden-württembergische Landesvorsitzende der Gerichtsvollzieher, Manuel Schunger.

Nach der tödlichen Attacke auf einen 58-jährigen Gerichtsvollzieher im saarländischen Bexbach sorgen sich auch die Amtskollegen in Baden-Württemberg um ihre Sicherheit. „Der Umgangston ist rauer geworden“, sagt ihr Landesvorsitzender Manuel Schunger. Vor allem eine Klientel macht ihm zu schaffen.

 

Herr Schunger, was geht in den Köpfen der Gerichtsvollzieher nach dem tödlichen Angriff auf einen Amtskollegen im Saarland vor?

Das beunruhigt viele Kollegen, weil es sich in eine Entwicklung in den letzten Jahren einfügt, die wir auch in Baden-Württemberg spüren. Die Kollegen erleben Beleidigungen und unterschwellige Bedrohungen, teilweise sogar Gewalt. Der Umgangston ist rauer geworden. Selbst vor dem Rettungsdienst haben die Leute keinen Respekt mehr, dann ist es bei uns Gerichtsvollziehern erst recht so. Vor allem das Reichsbürgermilieu und die so genannten Selbstverwalter, die quasi ähnlich handeln, sind ein wachsendes Problem.

Geben Sie ein Beispiel.

Ständig kommen Schreiben von irgendwelchen vorgeblichen Organisationen für Völkerrecht. Gerade erst sind bei allen Amtsgerichten im Land Briefe aufgetaucht, in denen wieder die Mär erzählt wird, wir Gerichtsvollzieher seien gar nicht als Beamte anerkannt, sondern seien selbstständig tätig. Dann wird teilweise auf die SHAEF-Gesetze verwiesen

...die von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg erlassen wurden, um so etwas wie eine vorübergehende Staatlichkeit zu garantieren.

Richtig. Und diese Gesetze, so heißt es, würden immer noch gelten. Und deshalb fehle uns die rechtliche Grundlage.

Vor dem Tatort in Bexbach liegen Blumen. Foto: Thorsten Kremers

Wandert so etwas nicht direkt in den Papierkorb?

Erst einmal bekommen wir das über den offiziellen Posteingang des Gerichts. Klar sind das absurde Theorien, aber diese Leute nehmen das tatsächlich ernst und fühlen sich im Recht. Und mancher fühlt sich so sehr im Recht, dass er Gewalt anwendet. Dann kommt es zu solchen Vorfällen wie im Saarland, auch wenn wir dort noch nicht alle Hintergründe kennen.

Haben Sie selbst schon Gewalt erlebt?

Ich bin für Ehingen zuständig, das ist ein sehr guter Bezirk. Aber im Grunde hat jeder Kollege ein bis zwei Reichsbürger in seinem Bereich und schon Bedrohungen erlebt. Auch wurde schon versucht, die Privatadresse von Gerichtsvollziehern ausfindig zu machen.

Wie kann man den Schutz von Gerichtsvollziehern verbessern?

Wir hatten nach der Tat in Bexbach bereits ein Gespräch mit der Landesjustizministerin. Im Grunde sind wir in Baden-Württemberg schon recht weit. Wir erhalten Zuschüsse für Schutzwesten und haben mobile Alarmgeräte. Frau Gentges will uns nun auch die Ausstattung mit stichfesten Handschuhen und Schals kurzfristig ermöglichen. Zudem möchte ich die gute Zusammenarbeit mit der Polizei deutlich hervorheben. Aber einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Und einer Ausstattung mit Teasern stehe ich skeptisch gegenüber. Besser ist es, den passiven Schutz bestmöglich zu erhöhen.

Sie können doch nicht immer eine Schutzweste tragen, wenn Sie eine goldene Uhr einkassieren?

Das machen wir sowieso ganz selten. Wir arbeiten eher mit Ratenzahlungen und Gehaltspfändungen. Aber Schutzwesten tragen wir eigentlich immer, wenn wir, wie bei Zwangsräumungen, jemanden aus seiner Wohnung rausholen müssen und bei einer Kindeswegnahme. Der Verlust der Wohnung und die Wegnahme des Kindes sind ja auch die emotionalsten Dinge, die man sich vorstellen kann. Da sind wir in der Regel auch nicht ohne polizeiliche Unterstützung tätig.

Aber immer ist das nicht nötig?

Nein, wir haben ja auch Familien, die wir über Jahrzehnte kennen. Da ist das ganz normal, dass der Gerichtsvollzieher vorbeikommt. Die Eltern hatten schon Schulden, die Kinder später dann auch, weil sie es nicht anders kennen. Das ist ganz oft so. Ich habe großen Respekt vor jedem, der aus dem Teufelskreis rauskommt.

Was ist eigentlich das Schöne an Ihrem Beruf?

Das mag sich plakativ anhören, aber es ist abwechslungsreich und man kann sehr selbstständig arbeiten. Und wenn ich einen Schuldner schuldenfrei mache, der sich dafür sogar bedankt und der Gläubiger dabei sein Geld bekommen hat, dann ist das doch schön.

Hohe Quote in Baden-Württemberg

Landeschef
Manuel Schunger (42) ist Gerichtsvollzieher am Amtsgericht Ehingen. Als Landesvorsitzender vertritt er die Interessen von rund 520 Gerichtsvollziehern in Baden-Württemberg.

Aufgabe
Die Gerichtsvollzieher sind für die Vermittlung zwischen Gläubigern und Schuldnern zuständig. Ihre Beitreibungsquote liegt bundesweit bei 261 000 Euro pro Arbeitskraft. Baden-Württembergs Gerichtsvollzieher sind traditionell etwas erfolgreicher. Hier treibt jeder jährlich im Schnitt 307 000 Euro ein.