Beim Christopher Street Day ist Cem Özdemir auf dem Wagen des VfB mitgefahren. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Gastarbeitersohn, Grüner seit mehr als 40 Jahren, profilierter Bundespolitiker. Was macht den Politiker, der Winfried Kretschmann beerben will und sich selbst als „anatolischen Schwaben“ bezeichnet, aus?

Wenn Cem Özdemir eines unter Beweis gestellt hat, dann ist es maximale politische Einsatzfähigkeit. Er hat weder Berührungsängste mit dem Brauchtum, wenn er sich als Bundeslandwirtschaftsminister in Kutschen bei Traditionsveranstaltungen durchs Land chauffieren lässt, noch schmäht er ein traditionelles Fischsuppenessen, er lässt sich beim Yoga ablichten, genauso wie mit Wirtschaftsbossen oder bei einer Wehrübung mit Feldjägern.

 

Erster Bundesminister mit Migrationshintergrund

Ebenso geschmeidig bewegt er sich durch die verschiedenen Politikfelder – innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, Transatlantiker, eine mahnende Stimme in der Migrationspolitik und Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Lange waren ihm Ambitionen auf das Amt des Außenministers nachgesagt worden. Dass er ausgerechnet Agrarminister werden würde, damit hätte wohl kaum jemand gerechnet. Doch nach der Bundestagswahl 2021 ist es das Ressort, mit dem er erster Bundesminister mit Migrationshintergrund wird und seinen Parteikollegen Anton Hofreiter aussticht.

Das Amt erweist sich praktisch für die Vorbereitung einer Spitzenkandidatur in Baden-Württemberg. In der Funktion hat er nicht nur die Möglichkeit, viel im ländlichen Raum unterwegs zu ein. Er geht auch dorthin, wo es weh tut, um sich vom Kurs der Ampel zu distanzieren. Schon vor Weihnachten, als der Frust der Bauern wegen des geplanten Wegfalls der Agrardieselförderung, die ersten Wellen schlug, stellt er sich auf Kundgebungen der wütenden Menge und schafft es eins um andere Mal, die Stimmung zu drehen. Er bleibt verbindlich, auch wenn es schwerfällt. Sei es bei Demonstrationen, auf denen ihn die Bauern beschimpfen, oder im Dauerzwist mit Markus Söder, wenn er dessen Attacken auf die Grünen in sozialen Medien pariert oder ihm wie jüngst in einer Talkshow anbietet, sich mal als Sozialpädagoge mit ihm darüber zu unterhalten, woher sein Hass gegen die Grünen komme.

Als Vegetarier für Tierhaltung zuständig

Cem Özdemir beim Yoga Foto: www.imago-images.de/IngoxOtto

Özdemir kennt seine Schwachpunkte – und er kokettiert mit ihnen, etwa wenn er bei Bauernveranstaltungen fragt, was sie schlimmer fänden: Sein Grünentum oder dass er Vegetarier sei. Wenn er erzählt, webt er Anekdoten aus seinem Leben ein, das macht ihn nahbar, das prägt sich ein.

Vielleicht ist es das, was er als Sohn von Gastarbeitern in Bad Urach gelernt hat: Immer freundlich bleiben, einstecken können. Özdemirs Weg ist nicht steil verlaufen und schon gar nicht linear. Er arbeitet sich hoch über die Hauptschule zur Mittleren Reife, über die Ausbildung zum Erzieher zur Fachhochschulreife. Er streut viele Anekdoten, über seine pflichtbewussten Eltern und die Menschen, die ihm dabei geholfen haben, der zu werden, der er ist. Von Hürden, wie Lehrern, die ihn auslachten, weil er aufs Gymnasium wollte, und von gütigen Menschen, die ihm bei den Hausaufgaben halfen. Es passt ins Bild, dass ihn seine Heimatgemeinde Bad Urach am Rande der Schwäbischen Alb nun Ende des Monats zum Ehrenbürger machen will. Dort scheinen manche stolz auf ihn zu sein. Schon 2023 dürfte er beim Jubiläums-Schäferlauf das Schäferkönigspaar krönen – gemeinsam mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann fährt er stolz in einer Kutsche an seinem Elternhaus in Bad Urach vorbei. Özdemir hat seine Wurzeln im Schwäbischen immer hochgehalten und sich selbst das Etikett „anatolischer Schwabe“ gegeben. Das gibt ihm Glaubwürdigkeit, auch wenn er gegen türkischen Präsidenten Erdogan wettert.

Einem Zickzack-Kurs folgt auch seine politische Karriere: Die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit bringen ihn 1981 im Alter von 16 Jahren zu den Grünen. Zwei Jahre später beantragt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Er engagiert sich in der Region. Einer seiner ersten politischen Erfolge: Die Wiederbelebung der Ermstalbahn. 1994 zieht er in den Bundestag ein – als erster Abgeordneter mit türkischer Herkunft. Nach der Affäre um den Privatkredit eines PR-Beraters und Bonusmeilen gibt er 2002 sein Mandat auf. Er arbeitet als „Transatlantic Fellow“ bei der Stiftung „German Marshall Fund“ in Washington und Brüssel an Themen rund um die transatlantischen Beziehungen.

Die Rückkehr in den Bundestag muss er sich erkämpfen

2004 wird er ins Europaparlament gewählt und will eigentlich 2008 wieder in den Bundestag. Doch sein Landesverband, der die Trennung von Parteiamt und Mandat nach wie vor hochhält, verwehrt ihm einen aussichtsreichen Listenplatz. Denn Özdemir will gleichzeitig auch Bundesvorsitzender der Grünen werden. „Ich habe in meinem politischen Leben gelernt, dass es sich lohnt, zu kämpfen und sich von Rückschlägen nicht beirren zu lassen“, sagt er danach. Einen Monat später wird Özdemir Bundesvorsitzender der Grünen gemeinsam mit Claudia Roth.

Zehn Jahre lang wird er für das Realo-Lager der Grünen an der Spitze der Partei stehen und immer mehr an Profil gewinnen. Dabei spricht er sich – wenig überraschend – offen für die Möglichkeit einer schwarz-grünen Koalition aus – Özdemir war Teil der „Pizza Connection“ einer Gruppe Grüner und CDUlern, die sich in den 1990er Jahren trafen, ebenso wie er schon seit Jahren für einen strikteren Kurs in der Asylpolitik trommelt. Es ist eines der Themen, mit denen er an die Politik Kretschmanns anschließen würde – und mit der er gleichzeitig in den Reihen der Grünen polarisiert.

2013 darf er dann doch auch wieder für den Bundestag kandidieren. Doch ein Platz in einer Regierung bleibt ihm erstmal verwehrt: Nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen 2017 wird er in der Opposition Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Doch auch in der zweiten Reihe fällt Özdemir noch auf. Er gilt als brillanter Redner. 2018 rechnete er mit einem AfD-Antrag gegen den türkischstämmigen Journalisten Deniz Yücel ab und wird vom Tübinger Institut für Rhetorik ausgezeichnet. 2021 wird Özdemir bei der Bundestagswahl in Stuttgart Stimmenkönig unter allen Parteien in Baden-Württemberg und ist bundesweit der erfolgreichste Direktkandidat der Grünen. Den Erfolg widmet er allen Gastarbeitern im Land – und damit auch seinen Eltern. „Ich hätte mich gefreut, wenn sie mitbekommen hätten, dass die Wählerinnen und Wähler mich in dem Jahr, in dem wir 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen feiern, direkt in den Bundestag wählen“, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. Nun will er noch einmal der erste sein: Der erste türkischstämmige Ministerpräsident im Land.

Privates

Familie
2003 heiratete Özdemir die deutsch-argentinische

Freundin
Seit diesem Sommer zeigt sich Özdemir mit seiner neuen Lebensgefährtin der Anwältin Flavia Zaka (38). Die beiden traten unter anderem bei den Jazz Open und bei Spielen des VfB – Özdemir ist treuer Fan – in Erscheinung.