Ein Monaco-Fan bedankt sich bei den Dortmundern für die spontane Gastfreundschaft, die nach der Verlegung des Spiels eingesetzt hatte (links und rechts unten). Foto: AP, dpa (2)

Nach dem Anschlag bleibt den BVB-Profis nicht viel Zeit zur Verarbeitung – die Show muss weitergehen.

Verloren und doch gewonnen: Mit Tränen in den Augen stapfen Pierre-Emerick Aubameyang und Co. zur Südtribüne und werden von ihren Fans gefeiert wie Sieger. Wohl nie zuvor war der Szenenapplaus nach einer Niederlage im Dortmunder Stadion derart groß. 24 Stunden nach dem Terrorakt gegen den Mannschaftsbus haben die Spieler in einem psychisch extrem schwierigen Spiel Mut und Moral bewiesen, da rückt das 2:3 (0:2) gegen den französischen Spitzenreiter AS Monaco im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League in den Hintergrund.

„Bis zum Anpfiff war bei mir alles im Kopf, nur kein Fußball. Was gestern passiert ist, wünsche ich niemandem. Wir haben erst Zuhause realisiert, wieviel Glück wir hatten. Ich weiß, dass der Fußball wichtig ist, aber wir sind auch nur Menschen“, sagt BVB-Profi Nuri Sahin. Vergessen oder verarbeitet sei der Anschlag auf den Mannschaftsbus am Dienstagabend mit drei Sprengsätzen aber keineswegs gewesen, ergänzt Trainer Thomas Tuchel.

Um 18.05 Uhr hatten die Profis von Borussia zu den Klängen von Verdis Triumphmarsch den Rasen zum Aufwärmprogramm betreten: Die Fans spenden lautstark Beifall und schwenken ihre schwarz-gelben Schals. Keine 24 Stunden nach dem schockierenden Attentat sind die Spieler zurück auf der Fußball-Bühne. Die Show muss weitergehen.

Aus dem Monaco-Fanblock erklingen Dortmund-Sprechchöre, bei der Hymne „You’ll Never Walk Alone“ herrscht kurz vor den Anpfiff Gänsehautatmosphäre im Signal-Iduna-Park. Die Anhänger auf der Südtribüne haben sich zudem komplett in den Vereinsfarben gekleidet, so prangt ein riesiges „BVB“ auf der wohl berühmtesten Fantribüne Deutschlands. Doch spätestens als der Schiedsrichter aus Italien das Viertelfinal-Hinspiel freigibt, soll der Sport für 90 Minuten im Vordergrund stehen.

Signal an die Welt senden

Dazu hatte auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke aufgerufen. „Egal, ob Borusse, Bayer oder Schalker. Wir wollen zeigen, dass Terror und Hass unser Handeln niemals bestimmen dürfen“, sagte Watzke, der der Mannschaft am Morgen vor dem Training einen Besuch abgestattet hatte. „Ich habe in der Kabine an die Mannschaft appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken.“ Der BVB-Boss hievte das ohnehin mit unberechenbaren Emotionen überladene Spiel in eine neue Dimension. Er dankte dem Team, „dass es sich zur Verfügung stellt“ – „weil unsere Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand stehen.“ Die Spieler sollten nicht einfach nur ihren Job machen, sondern „ein Signal an die Welt“ senden, wie Watzke sagte. Derweil war das Team eher um ein Stück Normalität bemüht. Training am Morgen, gemeinsames Essen, Teambesprechung – die Abläufe blieben fast unverändert. Und doch war etwas anders. „Die Jungs sind gefragt worden, wie sie sich fühlen. Und wenn einer sagen kann, er fühlt sich absolut nicht in der Lage zu spielen, dann ist es ihm auch freigestellt“, schilderte Torwarttrainer Wolfgang de Beer.

Gemeinsame Aufgabe

Am Dienstagabend hatte es drei Explosionen gegeben, als sich der Bus vom Teamhotel Richtung Stadion in Bewegung setzte. Nur durch Glück gab es nicht mehr Verletzte. Dass die BVB-Profis einen Tag nach dieser Ausnahmesituation schon wieder die Königsklassen-Hymne hören müssen, ist nicht für jeden nachvollziehbar. Die Verantwortlichen betonen, dass dies unabänderlich gewesen sei. „Es gab dazu keine Alternative, weil die Terminsituation zwischen Viertel- und Halbfinale nichts anderes zulässt“, versichert Watzke und betont, dass es die gemeinsame Aufgabe sei, dies zu verarbeiten. „Das ist unser Job.“

Das sieht Trainer Thomas Tuchel offenbar ein wenig anders. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff rügt er den Fußballverband Uefa für seine Entscheidung, die Begegnung so früh nach den traumatischen Erlebnissen zu terminieren: „Wir fühlten uns ohnmächtig und hätten uns gewünscht, mehr Zeit zu bekommen, das zu verarbeiten“, so Tuchel. „Das hier fühlt sich nicht wie ein Champions-League-Feiertag an.“

Der sportpsychologische Experte Steffen Kirchner sieht in der zeitnahen Neuansetzung einen Vorteil. „Die Absage war eine perfekte Entscheidung. Aber jetzt muss man wieder ins Tun kommen. Wenn ich eine Woche lang nicht spiele oder eine halbe Woche, geistert das im Kopf rum. Das Nachdenken und Abwarten macht es nicht besser.“ Der auch im Fußball tätige Mentaltrainer betont gleichwohl, dass eine Normalisierung binnen 24 Stunden unmöglich sei: „Das wird mit Sicherheit noch im Kopf rumgeistern. Keine der beiden Mannschaften kann das volle Leistungsvermögen abrufen. Dafür ist die Zeit zu kurz.“ Eine Prognose, die vom unglücklichen Spielverlauf aus Dortmunder Sicht gestützt wird.

Ausgiebige Einlasskontrollen

Kurz war die Zeit auch für die Polizei: Die Einsatzkräfte rund um das Stadion wurden deutlich verstärkt, zudem gab es ausgiebige Einlasskontrollen der Zuschauer. Für beide Mannschaften seien weitere Schutzmaßnahmen ergriffen worden, teilte der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange mit. So vermisst nicht nur Tuchel die Atmosphäre eines Champions-League-Feiertags. Vieles ist anders: Die Zuschauer strömen zwar wie sonst, doch ist die Stimmung gedrückt. Die große Vorfreude mag sich nicht einstellen. Keine Gesänge oder Schlachtrufe, nicht diese gewohnte, irrationale Zuversicht, nach der nur die eigene Mannschaft gewinnen kann. Die Gespräche sind gedämpft, die Blicke ernst.

Dafür ist in der Stadt und rund um das Stadion eine ungeheure Polizeipräsenz zu bemerken, die weit über das übliche Maß hinausgeht, das bei großen Partien an Ordnungskräften bereitgestellt wird. Dutzende Mannschaftswagen mit Blaulicht, Motorradpolzisten, berittene Beamte und viele Ordnungskräfte, die gepanzert und mit Maschinenpistolen bewaffnet Präsenz zeigen. Kein Zweifel, dieses Fußballspiel findet unter besonderen Vorzeichen statt.

Die Stimmung im Stadion selbst ist ungemein friedlich, von den branchenüblichen Schmähungen ist nichts zu bemerken, was auch an den Gästen aus Monaco liegt, die den Gegner wie am Abend zuvor mit „Dortmund-Dortmund“-Sprechchören aufbauen und beim Vorlesen der Mannschaftsaufstellung des BVB höflich applaudieren.

Solidarität mit der Borussia

Aus Solidarität mit der Borussia – und nicht zuletzt weil sie mitten im Wahlkampf steckt – besucht Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) das Spiel. „Ich muss ehrlich gestehen, ich bin immer noch geschockt“, sagt sie und dankt den Einsatzkräften dafür, dass sie so schnell vor Ort gewesen seien. „Was mich berührt hat gestern, ist die Reaktion der Fans.“ Das gelte für die Monegassen, aber auch für die BVB-Fans. „Das zeigt, welche Kraft Fußball und Sport entfalten können, was an Gemeinschaft dahinter steckt.“ Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist im Stadion, schüttelt Tuchel am Spielfeldrand die Hand. „Wir lassen uns die Faszination des Fußballs nicht kaputt machen von Kriminellen“, betont er.

Es sind Zeiten wie diese, in denen um den Verein, der die Stadt Dortmund prägt, viel von der „Borussen-Familie“ gesprochen wird. Ihre Verbundenheit zeigten viele Fans, die sich als Reaktion spontan in den sozialen Netzwerken organisierten: Unter dem Hashtag „bedforawayfans“ konnten Dortmunder bei Twittereinen Schlafplatz für Anhänger der Gäste anbieten, die ihren Aufenthalt im Ruhrgebiet ungeplant verlängern mussten. So berichtete der Fan „Jay Jay“ auf dem Kanal Twitter da­rüber, wie seine Mutter loszog, um am Bahnhof zwei Monaco-Fans aufzugabeln – um dann mit acht Gästen im Schlepptau nach Hause zurückzukehren. So etwas gibt es wohl nur im Fußball.