Ein Wolf steht in einem Tierpark in seinem Gehege. Kommt ein Tier in der freien Wildbahn so nahe, raten Tierschützer dazu, Ruhe zu bewahren. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Ein geändertes Jagdrecht, die Aussicht auf Welpen und ein zutraulicher Rüde. Wie es für den Wolf im Schwarzwald weitergeht – und was Menschen in der Natur beachten sollten.

Winfried Kretschmann, seines Zeichens Biologe, machte im Winter klar, was er von der Debatte um den zutraulichen Wolf an der Hornisgrinde hielt: „Der Wolf weiß ja nicht, wann Wahlkampf ist – das ist doch einfach Blödsinn“, sagte der Ministerpräsident damals, als es um die Debatte um eine mögliche Abschussgenehmigung ging.

 

Gespürt haben mag der Wolf, der wohl auf der Suche nach einem Weibchen Menschen etwas zu nahe kam, den Wahlkampf wohl schon. Denn die erteilte Abschusserlaubnis wurde zwei Tage nach der Landtagswahl zurückgenommen. Die Aufregung ebbte ab und auch die Tierschützer, die das Tier mit Licht und Lärm verjagen wollten, waren nicht mehr zugange. Entwarnung bedeutet das für das Tier allerdings nicht. Denn auf Bundesebene wurde vergangene Woche das Jagdrecht geändert, was den Abschuss erleichtert. Wie geht es nun weiter mit den Wölfen im Schwarzwald?

Wie viele Wölfe leben im Land?

Seit Kurzem gelten fünf Wölfe in Baden-Württemberg als sesshaft. Vier Rüden und eine Fähe. Sie hält sich seit Anfang des Jahres im Nordschwarzwald auf. Seit Kurzem gilt als gesichert, dass sie sich im Territorium eines Rüden niedergelassen hat. Damit steigen die Chancen, dass es bald Nachwuchs geben könnte – und sich ein Rudel bildet. Von den anderen sesshaften Wölfen lebt einer ebenfalls im Nordschwarzwald, zwei im Südschwarzwald und einer auf der Ostbaar.

Sind diese Wölfe ein Problem?

Das kommt wahrscheinlich auf die Sichtweise an: Im vergangenen Jahr wurden laut Ministerium für den ländlichen Raum 26 Nutztiere und zwölf Wildtiere getötet. Auf den Kosten bleiben Tierhalter nicht sitzen: Es gibt einen Ausgleichsfonds, über den Tierhalter Entschädigungen erhalten, wenn ihre Herden angegriffen werden. Zudem werden Herdenschutzmaßnahmen gefördert.

Ist ein Vorfall wie in Hamburg möglich?

Das hiesige Umweltministerium geht eher nicht davon aus. Das Tier habe sich dem Anschein nach in einer Ausnahmesituation befunden. Das Jungtier hatte sich tief in eine Millionenstadt verirrt, sich in einer Einkaufspassage zwischen Automatiktüren verfangen und dort eine Passantin verletzt. Es sei nicht seriös, daraus ad hoc Rückschlüsse auf den Umgang mit Tieren zu ziehen, die im Schwarzwald leben, sagte ein Sprecher.

Was war das Problem mit dem Hornisgrinde-Wolf?

Im vergangenen Winter wurde über den Rüden mit der Bezeichnung GW2672m berichtet. Das Tier war nicht aggressiv, zeigte aber teils wenig Scheu vor Menschen und näherte sich Spaziergängern mit Hunden. Das sorgte für „Wolfstourismus“: Menschen versuchten, das Tier gezielt anzulocken. Und die damals noch zuständige Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) traf schließlich im Februar die Entscheidung, den Wolf zum Abschuss freizugeben – allerdings nur bis zum 10. März. GW2672m überlebte. Möglicherweise auch, weil selbst ernannte Tierschützer mit Lärm und Licht versuchten, das Tier fern zu halten. Da vermutet wird, dass der Wolf sich den Hunden auf der Suche nach einem Weibchen näherte, dürfte das Problem in der nächsten Paarungszeit (Ranzzeit) wieder auftreten. 

Was bedeutet die Rudelbildung?

Schon 2023 gab es Wolfs-Nachwuchs im Schwarzwald. Damals überlebte allerdings keiner der Welpen und auch die Fähe, die sich dort aufhielt, wurde später angefahren und starb. Sie war zu dem Zeitpunkt erneut trächtig.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man auf einen Wolf trifft?

„Ruhe bewahren“ und dem Tier Raum geben, sich zurückzuziehen, rät Alexandra Ickes, Referentin für Artenschutz beim Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg. Wölfe hätten eine natürliche Scheu vor dem Menschen, deshalb sollte man nicht aktiv auf ihn zugehen oder ihn sogar in die Enge treiben. Auf keinen Fall sollte man Wölfe füttern. Und man sollte sich auch nicht Welpen oder Wurfhöhlen nähern, um die Muttertiere nicht gegen sich aufzubringen. Ickes warnt aber auch: Wölfe erkennen Fahrzeuge nicht unbedingt als etwas, was zu einem Menschen gehört. Daher nähern sie sich auch manchmal einem Auto. Grundsätzlich sei so eine Begegnung etwas sehr Seltenes, sagt die Artenschutz-Expertin. Wenn möglich könne man dieses Ereignis also auch einfach „genießen“.

Dürfen Wölfe geschossen werden?

Hier hat sich gerade etwas geändert. Der Wolf wurde auf Bundesebene ins Jagdrecht aufgenommen. Wie bisher können problematische Tiere zum Abschuss freigegeben werden. Zudem gibt es eine neue Möglichkeit. Befindet der Wolf sich in einem „günstigen Erhaltungszustand“, kann die zuständige Behörde entscheiden einen „Managementplan“ aufzustellen. Das bedeutet, Wölfe können zwischen Juli und Oktober bejagt werden. Die Entscheidung darüber obliegt nun künftig dem für die Jagd zuständigen Ministerium für den ländlichen Raum. Bei nur fünf sesshaften Wölfen geht das bislang zuständige Umweltministerium ebenso wie der Nabu allerdings nicht von einem günstigen Erhaltungszustand aus. Daher ist unklar, ob sich für die hier lebenden Tiere überhaupt etwas ändern wird. Darüber hinaus gibt es laut Nabu noch eine Möglichkeit. Nämlich dass Wölfe in „Weidegebieten“ bejagt werden können. Wie das Land mit diesen Möglichkeiten umgehen wird, istderzeit noch unklar.

Wie sehen das Tierschützer wie der Nabu?

Der Nabu fürchtet, dass das bisherige Wolfsmanagement gefährdet sein könnte. Denn unklar sei auch, wie es mit der Finanzierung der Herdenschutzmaßnahmen und des Ausgleichsfonds für Wolfsrisse weitergeht. Die werden bislang aus Naturschutzgeldern vom Umweltministerium bezahlt. Wenn der Wolf künftig im Land bejagt wird, fürchten die Naturschützer, dass der Schutz der Art, der bislang durch die strengen Vorgaben des Naturschutzes und des EU-Rechts gewährleistet war, auf dem Spiel stehen könnte.