Viele Demos beginnen ihren Zug durch die Stadt in der Lautenschlagerstraße – vor der ehemaligen Ladentür von Renner. Foto: LG/Leif Piechowski

Nach 100 Jahren hat mit „Fahrrad Renner“ ein weiteres Traditionsgeschäft den Standort Innenstadt verlassen. Die Gründe sind vielfältig.

Stuttgart - Stuttgarter haben sich daran gewöhnt, dass in der Innenstadt Traditionsgeschäfte von der Bildfläche verschwinden. Radio Barth, Lerche, Waldbauer, Sport Entress, Haufler, Steinmann, Modehaus Fischer, Foto Hirrlinger oder Weizsäcker, Schuh Braun oder Schöpp. Alles Namen, die dem Stuttgarter Einzelhandel ein unverwechselbares Gesicht gaben. Und natürlich weiß jeder, was die Gründe für den Niedergang der Traditionsgeschäfte sind. Mag sein, dass in dem einen oder anderen Fall Missmanagement die Ursache für die Geschäftsaufgabe war. Aber in der Regel ist die Macht der in der internationalen Handelsketten, es sind die hohen Mieten in der City, die dem Inhaber geführten Einzelhändler den Garaus machten.

So muss es wohl auch bei Fahrrad Renner gewesen sein, wird mancher gedacht haben, der den Laden seit dem Jahreswechsel in der Innenstadt vermisst. Aber die Geschichte des Radgeschäfts, das am 20. April 100 Jahre alt wird, liest sich anders. Die Flucht aus der Stadt hat andere Gründe, erzählt Süley Sariyalcin, der mit seinem Vater Mustafa die Tradition des Namens Renner hochhält: „Die Situation in der Innenstadt hat uns beinahe das Genick gebrochen. Wir mussten mit dem Auszug die Notbremse ziehen.“ Mitverantwortlich für das Ende in Stuttgart waren auch die gestiegenen Mietpreise. Sariyalcin schätzt, dass der Vermieter (Piech Holding) in den vergangenen Jahren um etwa 20 Prozent erhöht habe. Das wäre vielleicht zu verkraften gewesen, „aber die besondere Lage am Bahnhof in der Lautenschlagerstraße 3 verursachte einen enormen Kundenrückgang“. Daher blieb ihm und seinem Vater nichts anderes übrig, als nach Weilimdorf auszuweichen. Dort, in der Wormser Straße 16, ist Fahrrad Renner seit dem Jahresbeginn zu finden.

Alles begann 1918

Sariyalcin erzählt diese Geschichte ruhig, fast ohne Emotionen. Dabei könnte einen beim Rückblick auf die Firmen-Chronik schon ein bisschen Wehmut packen. „Alles begann am 20. April 1918“, erzählt der Fahrradhändler, „Theodor Renner wandelte seine Schraubenfabrik in einen Fahrradhandel um.“ Nach dem Tod des Gründers 1954 übernahm dessen Tochter Marlene den Laden, ehe sie ihn 1960 an den Mitarbeiter Rudolf Loos übergab. Im selben Jahr tritt Mustafa Sariyalcin in die Firma ein. Er arbeitet zunächst in der Werkstatt und wird schließlich zusammen mit Peter Schmid und Jürgen Hofmann Teilhaber von Fahrrad Renner. Im Jahr 1997 kommt Süley Sariyalcin als Geschäftsführer hinzu und lenkt bis heute mit seinem Vater die Geschicke der Firma. Und jetzt hat er die Ausfahrt Weilimdorf genommen. Dort in der eigenen Laden-Immobilie läuft das Geschäft bisher ordentlich an.

S 21 und die Folgen

Ganz anders als in der City. „Wegen Stuttgart 21, den Baustellen und der Verkehrsführung rund um den Hauptbahnhof kamen immer weniger Kunden“, sagt Süley Sariyalcin. Auch die Politik der Stadt, den Autoverkehr aus der Stadt rauszuhalten und der Abbau der Parkplätze habe diesen Kundenrückgang befeuert. „Keiner schleppt sein kaputtes Rad aus dem achten Parkdeck eines Parkhauses in meinen Laden“, sagt er. In der Summe seien die Hürden und Hindernisse für den Kunden einfach zu hoch gewesen. Er suchte sich einen anderen Fahrradladen. Tradition hin oder her.

Grundsätzlich ist das Geschäft mit Rädern und deren Reparatur heutzutage schwer geworden. Lange vor ihm hat es andere Rad-Traditionsgeschäfte erwischt: Brommer, Kraft, Baschin. „Die Käuferschicht des mittleren Preissegment ist weggebrochen“, sagt Süley Sariyalcin, „entweder wollen die Leute ganz billig oder sie kaufen sich gleich ein hochwertiges E-Bike.“ Aber all diese Schwierigkeiten hätte Süley Sariyalcin vielleicht noch gemeistert: höhere Miete, S 21-Baustelle, weniger Parkplätze und Staus. „Aber die vielen Demos genau vor meiner Ladentür“ hätten ihm den Rest gegeben. Ganz gleich, ob es Kurden sind, die an das Schicksal der Menschen in Syrien aufmerksam machen wollen oder der Aktionskreis Asyl, der sich gegen die Abschiebung von Flüchtlingen einsetzt: der Startpunkt vieler Demonstration ist die Lautenschlagerstraße. Also genau vor der Ladentür von Fahrrad Renner. „Anfangs war es vor allem die Montags-Demo der S 21-Gegner“, sagt er, „aber am Ende wurde es immer mehr.“

Inzwischen hat der Radhändler seinen Frieden gemacht, obwohl er manchmal darüber nachdenkt: „Ob das gesetzeskonform ist, dass die Demos immer am gleichen Punkt starten?“ Sei’s drum. Damit muss er sich nun nicht mehr befassen. Stattdessen plant er lieber das 100-jährige Firmenjubiläum. „Am 21. April wollen wir diese Tradition groß feiern.“

In Weilimdorf – nicht in der Innenstadt.

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