Tiefbraun, nicht ganz so wacker wie behauptet und in zahlreiche Kriegsverbrechen verwickelt: Eine Ausstellung des militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden kratzt am Mythos der unbezwingbaren Fallschirmjäger.
Dresden/Maleme - Narvik, Kreta, Monte Cassino: Noch heute umgibt die deutschen Fallschirmjäger eine Art Glorienschein, ranken sich zahlreiche Legenden um die Luftlande-Truppe: lässig im Auftreten, verwegen im Kampf, stets „Speerspitze“ oder „Feuerwehr“, immer vorne, immer da, wo es brennt.
„Männer, die den Mut haben, aus einem Flugzeug mit Fallschirm abzuspringen und beim Feind zu landen, haben schon etwas Elitäres und verheißen im Kampf ein besonderes Maß an persönlicher Tapferkeit“, beschreibt ein ehemaliger Fallschirmjäger der Wehrmacht das Selbstverständnis der „Grünen Teufel“. Kurz: Es gibt Männer – und Nichtspringer.
Ein Ruf wie Donnerhall
„Bis heute verbinden militäraffine Menschen weltweit mit Hitlers Fallschirmjägern militärische Exzellenz, zuweilen sogar Unbesiegbarkeit“, sagt Magnus Pahl, Kurator der Ausstellung „Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger“ des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Und die kratzt kräftig am Mythos der unüberwindbaren Krieger, legt die dunklen Seiten der Fallschirmtruppe offen.
1936 nach sowjetischem Vorbild aufgestellt. Die Wurzeln der Einheit sind tiefbraun, rekrutieren sich die ersten Fallschirmjäger doch aus der SA-Standarte „Feldherrnhalle“ und Hermann Görings Wachregiment – Verbände, die dem Regime treu ergeben sind.
Das Husarenstück bei Lüttich
Ihren ersten großen Auftritt hat die Luftlandetruppe am 10. Mai 1940, als 78 Fallschirmjäger zu Beginn des Westfeldzugs das als uneinnehmbar geltende Sperrfort Eben-Emael bei Lüttich in wenigen Stunden knacken. Ein Husarenstück, das die Tür nach Paris aufstößt und an Militärakademien noch immer gelehrt wird.
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Der Mythos der Fallschirmjäger fußt freilich auf dem Angriff auf Kreta 1941 und den Abwehrkämpfen am Monte Cassino 1944. Zwei Schlachten, die von der NS-Propaganda gnadenlos aufgeblasen werden. Dabei gibt es in beiden Fällen wenig Grund für Triumphgeheul.
Verluste werden verschwiegen, Verbrechen vertuscht
Die horrenden Verluste auf Kreta, Resultat stümperhafter Planung und der Überforderung der Offiziere, werden totgeschwiegen. Dass das „Unternehmen Merkur“ nicht zum Debakel gerät, verdanken die Deutschen ihrem Glück, dem Mut der Verzweiflung einfacher Soldaten – und den mit der zweiten Welle eingeflogenen Gebirgsjägern.
Auch die Niederlage am Monte Cassino wird zum Sieg stilisiert, der Abzug der Deutschen dagegen mit keinem Wort erwähnt. Dass der Elite-Verband reichlich mit Ausrüstung und Rekruten bedacht wird, taucht in den Jubelarien der „Deutschen Wochenschau“ ebenfalls nicht auf.
Tresore der Juweliere gesprengt
Bereits während des Polenfeldzugs notiert General Wolfram von Richthofen: „Die Fallschirmjäger machen einen sehr schlechten Eindruck. Sie klauen und plündern alles und sind sehr undiszipliniert.“ Fünf Jahre später kommt Oberst Hermann Keßler in der Normandie zum gleichen Ergebnis.
Die Fallschirmjäger seien „eine verwilderte Truppe, die sich alles erlauben könne, weil jedwede Verfehlung gedeckt wird – wie bei der SS. „Sie haben sich benommen wie die Schweine. Hinten in Avranches haben sie die Tresore der Juweliere mit Hafthohlladungen gesprengt.“ Dass die Truppe deutlich öfter an Kriegsverbrechen beteiligt war – darin einzig übertroffen von der Waffen-SS –, ist eine weitere Erkenntnis der facettenreichen Ausstellung.
Adenauer kontert Kritik
Als für den Aufbau der Bundeswehr 1955 auch auf Wehrmachtsoffiziere zurückgegriffen wurde, entgegnete Bundeskanzler Konrad Adenauer Kritikern: „Ich glaube, dass mir die Nato 18-jährige Generale nicht abnehmen wird.“ Mit dem alten Personal hielten auch die Traditionen der Truppe Einzug in die Bundeswehr. So wurde am 20. Mai der „Kreta-Tag“ begangen und beim Marschieren das alte Fallschirmjägerlied „Rot scheint die Sonne“ gesungen.
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Auf Wandmalereien in Kasernen kam der neue bundesrepublikanische Stahlhelm eher selten vor. Noch 1990 waren zahlreiche Straßen der Luftlandeschule in Altenstadt nach „Alten Adlern“ benannt, etwa nach Bruno Bräuer, General der Fallschirmtruppe und 1947 in Athen wegen Kriegsverbrechen hingerichtet.
Gespreizte Finger im „Stillgestanden!“
Während die meisten Bundeswehrsoldaten im „Stillgestanden!“ die „demokratische Faust“ ballen, spreizen die Fallschirmjäger ihre Finger. Was meist weniger eine politische Aussage ist als vielmehr der Anspruch auf einen Sonderstatus, den man glaubt, sich durch die harte Ausbildung verdient zu haben und gerne zur Schau stellt.
Heutzutage bauen Soldaten Schulen und Brücken, nehmen Polizei-Aufgaben wahr und verteilen Hilfsgüter. Ihre Kernkompetenz ist und bleibt aber das Ausschalten feindlicher Kräfte – was im postheroischen Zeitalter meist ausgeblendet wird. Wer Soldaten pauschal als Mörder bezeichnet, hat das Grundprinzip einer Armee nicht verstanden. Auch die Ausstellung ist ein Kind des aktuellen Zeitgeists.
Letztes Himmelfahrtskommando im Westen
Natürlich seien nicht alle Fallschirmjäger Nazis gewesen, räumt Pahl ein. Eine Distanzierung vom Regime nach dem Krieg sei jedoch ausgeblieben. Auch der Hinweis, man habe sich zu den Fallschirmjägern gemeldet, um der Waffen-SS zu entgehen, sei nicht als Beleg für Widerstand zu werten. „Denn die Waffen-SS wurde vor allem an der Ostfront eingesetzt, die Fallschirmjäger dagegen meist im Süden, einem Kriegsschauplatz, der bessere Überlebenschancen bot.“
Ihre Nibelungen-Treue dankt Hitler den Fallschirmjägern nicht. In einer letzten Weisung an den ranghöchsten Offizier der Luftlandetruppe, Generaloberst Kurt Student, befiehlt er Ende April 1945 einen aussichtslosen Angriff an der Westfront. Laut Überlieferung endete der Befehl mit den Worten „. . . und wenn dabei die ganze Fallschirmtruppe draufgehen sollte“.
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Ausstellung
Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden zeigt bis Januar 2022 die Sonderausstellung „Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger“, täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs geschlossen.
Literatur
Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte. Propyläen Verlag, 816 Seiten, 35 Euro.