Vor 70 Jahren ist in Kanada ein US-Flugzeug mit 44 Menschen an Bord verschwunden. Bislang blieb jede Suche erfolglos. Können die Angehörigen noch auf eine späte Aufklärung hoffen?
Whithorse - Das Wetter war sonnig und klar, als das Transportflugzeug mit der Nummer 42-72469 an einem kalten Wintertag vom Militärflugplatz Elmendorf in Alaska abhob. Die 44 Passagiere und Crewmitglieder an Bord der Maschine vom Typ C-54 Skymaster hatten einen achtstündigen Flug nach Süden vor sich und alles sah nach Routine aus. Der Kalender im Cockpit zeigte den 26. Januar 1950. Der Pilot, seine siebenköpfige Besatzung sowie die 36 Militärangehörigen und Zivilisten waren auf dem Weg zur Great Falls Airforce Base im US-Staat Montana. Ihre Route sollte sie erst an die US-kanadische Grenze und danach über die Wildnis des kanadischen Nordens führen.
Aus Sicherheitsgründen setzte die Crew unterwegs jede halbe Stunde ein Funksignal ab. Als die Skymaster nach zwei Stunden die Trappersiedlung Snag im kanadischen Yukon Territorium überflog, meldete sie sich ein letztes Mal. Danach verstummten die Signale für immer. Was war passiert? War die Maschine abgestürzt? Musste sie im Yukon notlanden? Das Schicksal der auch als „Rosinenbomber“ bekannten Skymaster gehört zu den großen ungelösten Rätseln der Luftfahrtgeschichte. Denn die viermotorige Militärmaschine, die eine Flügelspannweite von 36 Metern besaß, bleibt 70 Jahre lang spurlos verschwunden.
Eine der größten verschollenen Maschinen
„Eigentlich ist es unfassbar, dass eine Maschine von solcher Größe bis heute nicht gefunden wurde“, meint der Regisseur Andrew Gregg, der im Auftrag des kanadischen Fernsehens an einer Dokumentation über das Unglück arbeitet. Tatsächlich gehört die Skymaster zu den größten von rund 80 zivilen und militärischen Flugzeugen, die seit 1950 weltweit als verschollen gelten.
Judy Jackson, die Tochter des Funkers Clarence Gibson, damals ein junger Unteroffizier der US-Armee, wartet bis heute auf Aufklärung. Jackson ist siebzig Jahre alt und lebt im US-Staat Alabama. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Als der damals 35-Jährige an Bord der Skymaster irgendwo über Kanada verschwand, war sie noch nicht geboren. „Dieses Flugzeug zu finden, bevor ich sterbe, bedeutet mir alles“, sagt sie.
Drei Rettungsmaschinen stürzten ab
Wie viele Angehörige hofft Jackson, dass der Film eine neue Untersuchung anstoßen wird: „Es würde mich beruhigen zu wissen, dass mein Vater schnell gestorben ist und nicht leiden musste“, sagt sie im Film. Der Gedanke, dass er nach einem Absturz oder einer Notlandung überlebt haben könnte und später in den eisigen Temperaturen der Sub-Arktis erfror, sei ihr unerträglich. Kurz nach dem Verschwinden hatten amerikanische und kanadische Militärs eine Suchaktionen gestartet, die damals größte in Nordamerika: 7000 Retter und 85 Flugzeuge hatten drei Wochen lang ein Wildnisgebiet durchkämmt, doppelt so groß wie Schweden.
Doch die Aktion war gezeichnet von schlechtem Wetter, unerfahrenem Personal und veralteter Technik. Drei der Rettungsmaschinen stürzten ab. Das Suchgebiet im Nordwesten Kanadas gehört zu den unwegsamsten des Kontinents. „Die Militärs waren für den Kriegsfall trainiert. Von systematischen Rettungsaktionen in der Wildnis verstanden sie nicht so viel“, sagt der Pilot David Downing, Chef der zivilen Such- und Flugrettungsgesellschaft des Yukon in Whitehorse. Die Piloten und Späher suchen seit sechs Jahren nach dem Wrack.
Womöglich ist die Skymaster in eine Schlucht gestürzt
Wann immer Downing und seine Retter zu Trainingsflügen unterwegs sind, halten sie Ausschau. Dabei können sie leicht den Überblick verlieren, denn das Grenzgebiet zwischen Alaska und Kanada gleicht einem Flugzeugfriedhof. 510 Wracks wurden in den Seen, Schluchten und Eisfeldern des Yukon in den letzten Jahrzehnten gefunden – die Skymaster war nicht dabei. Donna Clayson arbeitet seit elf Jahren als Späherin und war bei vielen Suchaktionen dabei. „Diskutiert werden drei Theorien“, erzählt sie. „Sicher ist nur, dass das Unglück schnell passiert sein muss, denn der Funker hatte keine Zeit mehr, SOS zu senden.“ Am wahrscheinlichsten sei es, dass die Skymaster in eine Schlucht gestürzt ist und diese dann später von Wildwuchs und Bäumen überwuchert wurde. Am Tag nach dem Verschwinden der Maschine hatte es zudem heftig geschneit und das Wrack könnte im Schnee begraben worden sein. „Ich habe es mir zur persönlichen Mission gemacht, dieses Flugzeug zu finden“, sagt sie entschlossen.
Experten haben den größten See der Gegend abgesucht
Andere glauben, dass die Skymaster von ihrer Route abgekommen ist, im Hochgebirge in den Saint Elias Mountains gegen einen Fels prallte und später vom Schnee verschluckt wurde. Die Skymaster hatte keinen Druckausgleich in der Kabine und konnte nur bis auf etwa 3000 Meter Höhe steigen. Denkbar ist auch, dass sie auf einen See gestürzt ist, durch das Eis brach und sank. Unlängst suchten Experten den Grund des größten Sees in der Gegend ab. Doch das Sonargerät konnte keine Trümmer aufspüren.
Vor ein paar Jahren hatte Judy Jackson einen Brief an den US-Präsidenten geschrieben mit der Bitte um Unterstützung bei der Suche. Doch die Tochter des Funkers Gibson bekam nur ein paar nette Worte, keine konkrete Antwort. Das Schicksal ihres Vaters bleibt vorerst ungeklärt: „Es bricht mir das Herz.“