Ist der Muttertag eine Erfindung der Floristen? Und gibt es den Vatertag überhaupt? Wir haben Menschen mit ausländischen Wurzeln gefragt, was diese Tage für sie bedeuten.
Die USA gelten als die Wiege des Muttertags. Seinen Ursprung hat er in der frühen amerikanischen Frauenbewegung. Ann Maria Jarvis gründete 1858 sogenannte „Mothers’ Day Works Clubs“. Sie sollten die soziale Situation von Arbeiterfamilien verbessern. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg rief sie zudem die „Mothers’ Friendship Days“ ins Leben, mit dem Ziel, Kriege zu verhindern.
Anna Marie Jarvis war die Tochter von Ann Maria Jarvis. Am 12. Mai 1907, dem zweiten Todestag ihrer Mutter, organisierte sie einen Gedenkgottesdienst und ein „Memorial Mother’s Day Meeting“. Um der Liebe zu ihrer verstorbenen Mutter Ausdruck zu verleihen, verteilte sie vor einer Kirche 500 weiße Nelken. Im Jahr darauf fand in eben dieser Kirche eine Andacht zu Ehren aller Mütter statt. Diese Idee eroberte die USA. Die Menschen trugen zu Ehren der eigenen Mutter eine farbige Nelke im Knopfloch, im Andenken an verstorbene Mütter eine weiße Nelke. 1914 legte der Kongress den zweiten Sonntag im Mai offiziell als „Mother’s Day“ fest, der noch im gleichen Jahr erstmals in den ganzen USA gefeiert wurde.
Rosario Seelen ist US-Amerikanerin, wohnt mit ihrer Familie in Sindelfingen und findet: „Der Muttertag ist für uns eine Gelegenheit, uns selbst zu feiern. Wir machen eine Menge, wir opfern viel für unsere Kinder und stellen unsere eigenen Bedürfnisse oft hinten an“, erzählt sie auf Englisch und ergänzt: „An Muttertag dürfen wir mal Pause machen.“
Rosario Seelen hat vier Kinder, drei von ihnen sind bereits erwachsen, das vierte ist im Teenager-Alter. Als die Kinder noch kleiner waren, haben sie ihr am Muttertag Frühstück gemacht und kleine Geschenke überreicht. „Das waren dann selbst gebastelte Dinge: eine Karte, ein Bild oder eine Kette aus bunt angemalten Nudeln“, erinnert sie sich. Geschenke an Muttertag gebe es in ihrer Familie immer noch. Aber heute würden ihre Kinder meist ganz konkret fragen, was sie sich wünsche.
Wichtig ist der Frau aus den USA aber auch: „An Muttertag denken wir auch an die Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen keine Kinder haben.“ Muttertag sei eine gute Gelegenheit, um mit Freundinnen das Frau-Sein zu feiern. Manche würden sich dazu zum Beispiel einen kurzen Wellness-Trip gönnen. Ebenso seien Restaurantbesuche im Familien- oder Freundeskreis sehr beliebt.
In den USA ist Vatertag im Juni
Auch den Vatertag gibt es in den USA, seit 1966 ist er offiziell am dritten Sonntag im Juni. Amerikanische Familien begehen ihn ähnlich wie Muttertag. Die Tradition, dass die Männer mit Freunden in den Wald ziehen, um dort ein Bier zu trinken, die gibt es in den USA nicht. Für Rosario Seelen ist das eine „interessante Variante“, weil die Papas die Möglichkeit bekommen würden, einmal Zeit mit anderen Papas zu verbringen.
Vor einigen Jahren durfte Rosario Seelen einen ganz speziellen Vatertag erleben. Ihr Ehemann ging mit ihr zum Juwelier, um ihr ein Geschenk zu kaufen. Sie sei völlig überrascht gewesen. Doch er habe zu ihr gesagt: „Nur deinetwegen bin ich Vater.“ Sie sei überwältigt gewesen, nicht wegen des Schmucks, sondern wegen der Geste. „Er wollte mir danken. Denn ich habe unsere Kinder auf die Welt gebracht und großgezogen.“
Poonam Choudhry ist Inderin. Mit vier Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, aber noch immer ist sie regelmäßig in ihrer Heimat. Den Muttertag gebe es auch dort, berichtet sie. Die Tradition und die Art und Weise, ihn zu begehen, sei aus den USA rübergeschwappt. Hinzu komme aber, dass Mütter in Indien sehr verehrt werden würden. „Die Mütter gebären Leben. Das wird gefeiert“, sagt die Designerin aus Stuttgart.
In Indien bekommen die Mütter an ihrem Ehrentag oft kleine Aufmerksamkeiten, wie zum Beispiel einen selbst gebackenen Kuchen. Ein bisschen Kommerz sei freilich auch dabei. In den Zeitungen werde annonciert, was man seiner Mama schenken könne.
Vatertag hat in Indien nicht dasselbe Gewicht wie Muttertag
Der Vatertag ist in Indien ebenso wie in den USA am dritten Sonntag im Juni. Er werde zwar auch in den Zeitungen angekündigt, habe aber bei Weitem nicht dieselbe Bedeutung wie der Muttertag, sagt Poonam Choudhry. Mit der deutschen Tradition zu Vatertag kann die gebürtige Inderin aber auch nicht so viel anfangen. Und während ihr mittlerweile erwachsener Sohn früher aus dem Kindergarten und der Grundschule immer etwas Selbstgebasteltes zu Muttertag mitgebracht habe, habe es das zu Vatertag nie gegeben.
Poonam Choudhry findet: „Vielleicht sollte man insgesamt häufiger an seine Eltern denken. In unserem Alltag sind wir immer sehr beschäftigt, da geht viel unter.“ Insofern seien Mutter- und auch Vatertag einfach gute Gelegenheiten, um einmal danke zu sagen.
Antonietta Canazio engagiert sich in der Kulturabteilung des Vereins Arces in Stuttgart. Sie hat italienische Wurzeln und kommt aus Neapel. Dort wird der Vatertag bereits am 19. März gefeiert. „Es ist der Josefstag, oder auf Italienisch ,San Giuseppe’. Josef, der Vater von Jesus, gilt bei uns Katholiken als Vater aller Väter“, erzählt Antonietta Canazio. In Italien besorgen die Kinder kleine Geschenke für ihre Papas oder sie machen ihnen auf andere Weise eine Freude. In Neapel gebe es an diesem Tag auch eine ganz spezielle Leckerei.
Im Internet ist zu finden, dass diese Leckereien „ Zeppole di San Giuseppe“ heißen. Es sind kleine Brandteigkrapfen mit Konditorcreme und Sauerkirschen. Die süßen Stückchen werden mit dem Heiligen Josef in Verbindung gebracht, weil er auf seiner Flucht vor König Herodes nach Ägypten eine Art Krapfen verkauft haben soll, um seine Familie zu versorgen. Viel wichtiger als Leckereien sei an Vatertag aber, „zusammen mit der Familie einen schönen Tag zu verbringen“, sagt Antonietta Canazio.
Der Muttertag wird in Antonietta Canazios Familie am 12. Mai gefeiert. Die Tradition ist ähnlich der am Vatertag. Die italienischen Katholiken feiern die Heilige Maria als die Mutter Jesus und als Mutter aller Kinder. Die Mamas bekommen kleine Geschenke. „Für uns geht es sowohl an Muttertag als auch an Vatertag darum, Religion und Kultur zu verbinden und den Tag zusammen mit seinen Liebsten zu begehen“, sagt die Frau aus Neapel. Antonietta Canazio selbst hat keine Kinder, ihre Eltern sind bereits verstorben. „Aber ich habe noch immer eine große Familie und an Mutter- und Vatertag kommen wir alle zusammen.“
Muttertag in Deutschland
Propaganda in der NS-Zeit
Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers wurde der Muttertag in Deutschland Teil der nationalsozialistischen Ideologie: Die Nazis erklärten den dritten Sonntag im Mai zum „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“, machten ihn zu einem offiziellen Feiertag und nutzte diesen für Propagandazwecke.
Bundesrepublik
In der Bundesrepublik waren es dann tatsächlich die Floristenverbände, die den zweiten Sonntag im Mai wieder als Muttertag festlegten.
Frauentag in der DDR
In der ehemaligen DDR gab es gar keinen Muttertag, er galt als reaktionär. Stattdessen beging man ausgiebig am 8. März den „Internationalen Frauentag“.