Deniz Erdem mit ihren Kindern Raoul und Ida Foto: Jacobs

Morgen ist Muttertag. Aus diesem Grund haben wir eine Mutter aus Vaihingen nach ihren Wünschen gefragt – Blumen zählen nicht dazu.

Vaihingen - Muttertag?“, fragt Deniz Erdem. Die 42-Jährige, die mit ihrem Mann und ihren Kindern Raoul (7) und Ida (5) in Vaihingen lebt, lacht freundlich. Wenn sie ehrlich ist, wäre es ihr recht, wenn die Erzieherinnen im Kindergarten auch diesmal wieder den Tag vergäßen. Nicht, weil Erdem per se dagegen ist. Sie wisse einfach wenig mit diesem Tag anzufangen.

Es ist 15 Uhr. Deniz Erdem ist gerade mit der S-Bahn aus Ludwigsburg gekommen. Dort studiert sie im zweiten Semester an der Pädagogischen Hochschule Lehramt für Grund- und Hauptschule. Jetzt holt sie Ida aus der Kita ab, gemeinsam mit Raoul, der aus der Kernzeitbetreuung der Pestalozzi-Schule gekommen ist, gehen sie nach Hause. Wenn da nicht Idas Schnürsenkel wären, die immer wieder aufgehen. Derweil erzählt Raoul, wie er sein Pausenobst gewinnbringend an einen Klassenkameraden verscherbelt hat. „Hmm“, macht Erdem. „Das Obst solltest Du doch selber essen“, sagt sie.

Schierigkeiten, Kinder und Arbeit zu vereinbaren

Deniz Erdem ist gerne Mutter. Es stand für sie nie in Frage, Kinder zu bekommen. Arbeiten wollte sie aber auch. Doch als Sohn Raoul vor sieben Jahren auf die Welt kam, war sie überrascht, wie schwer es ist, Kinder und Beruf miteinander zu vereinbaren. „Das lag zum einen an meiner Branche. Im Kulturbereich gibt es viele Abendtermine und die Arbeitszeiten sind sehr unregelmäßig“, sagt Erdem.

Doch das war es nicht allein. Es dauerte lang, bis die Familie einen Kindergartenplatz für den Sohn bekam. „Kinderstadt Stuttgart, das Motto ist einfach ein Witz“, sagt sie. Klar, theoretisch gibt es einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz – „aber was bringt es, wenn die Kindergärten in der Nähe nur morgens öffnen oder kein warmes Mittagessen anbieten?“.

Und dann ist Deniz Erdem wählerisch – paradoxerweise, weil sie eigentlich nicht wählerisch ist, nämlich nicht aus der Vielfalt der Förderprogramme aussuchen möchte, mit der die Kindertagesstätten in Stuttgart am Markt auftreten. Erdem will eine Betreuung, in der nicht die ständige Förderung des Kindes auf dem Programm steht. „Wenn ein Kind nicht behindert ist, dann muss es nicht schon mit zwei Jahren dauernd zum Lernen angeleitet werden“, sagt sie – und das nicht erst seitdem sie Pädagogik studiert. Viel wichtiger sei es, dass sie stabile Persönlichkeiten würden.

Alice Schwarzer hat doch nicht alles geschafft

Sich um die Kinder kümmern, aber nicht allein im Haushalt sein – deswegen hat sich Erdem letztendlich dafür entschieden, auf Lehramt nachzustudieren. „Zunächst habe ich einen Halbtagsjob gesucht, der über eine Bürotätigkeit hinausgeht“, schildert sie die vergangenen beiden Jahre: Doch sie hatte keinen Erfolg. Mit der Entscheidung Lehrerin zu werden, ist sie jetzt sehr zufrieden. Doch dass sie eines Tages vor einer Klasse stehen wird – das hatte Erdem lange Zeit nicht auf der Agenda. Viel mehr hatten Erdem und ihre Kommilitoninnen geglaubt, dass sie eines Tages die Berufe ausüben würden, für die sie studiert hatten. Erdem wollte mit ihrem Magisterstudium in Geschichte und Englisch in den Kulturbereich. „Wir haben geglaubt, die Generation von Alice Schwarzer habe das mit der Emanzipation erledigt.“

Wenig Verständnis für Kristina Schröder

Während die 42-Jährige erzählt, spielen ihre Kinder im Garten. Die Mutter Deniz Erdem möchte das nicht missen. Die Lehramtsstudentin Deniz Erdem freut sich genauso darüber, viermal in der Woche „mal eine theoretische Fragestellung von Anfang bis Ende durchdenken zu können“.

Die Haltung von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, dass jede Frau, wenn sie nur wolle, Arbeit und Familie miteinander vereinbaren könne, teilt Erdem nur sehr eingeschränkt. Neulich, so berichtet sie, sei sie auf einem Klassentreffen ihrer ehemaligen Schule gewesen. „Es ist komisch, aber wir waren ziemlich genau in zwei Gruppen eingeteilt“, erzählt sie. „In der einen Gruppe waren diejenigen, die Kinder haben und jetzt entweder ganz zuhause sind oder halbtags arbeiten. In der anderen diejenigen, die Karriere gemacht, aber keine Kinder bekommen haben.“