Die US-Kaffeekette will Anfang 2017 ihre erste Filiale auf italienischem Boden eröffnen. Muss man sich Sorgen um das Mutterland von Espresso und Capuchino machen?
Rom - Tafeln und Schilder, wie sie in Deutschland auf den Gehwegen vor den Eingängen der Cafés stehen, sucht man Italien vergeblich. „Coffee to go“ – wahlweise auch „Kaffee togo“ – diesen in vielen deutschen Städten bereits eingebürgerten Begriff gibt es hier nicht. Klar, man kann den Barista bitten, den Caffè, also den Espresso, oder den Cappuccino „da portare via“, also zum mitnehmen, zuzubereiten.
Vor wenigen Jahren hätte dieser Wunsch sicher zu Kopfschütteln und Achselzucken geführt. Doch auch die Italiener gehen mit der Zeit, die nun einmal auch hier immer hektischer wird. Also läuft der Schluck Espresso nicht in eines der kleinen Porzellantässchen, sondern in einen schnöden weißen Plastikbecher – die alte Sorte mit den horizontalen Rillen.
Einen genauen Eröffnungstermin will „Starbucks“ nicht nennen
Geradezu gegensätzlich wirkt da das Mitnehmkonzept riesiger Milchkaffeemengen, wie sie die US-amerikanische Kaffeekette „Starbucks“ verkauft. Im vergangenen Jahr gab es weltweit bereits 23 043 Starbucks-Filialen, 2007 waren es erst noch 15 011 gewesen. Allein in Deutschland gibt es derzeit etwa 160 Filialen des Kaffee-Giganten, dessen weltweiter Umsatz im Jahr 2015 etwa 19,16 Milliarden US-Dollar betrug (etwa 18 Milliarden Euro). Doch nach Italien hat man sich bisher nicht getraut. Im Frühjahr des kommenden Jahres wird nun aber in Mailand die erste „Starbucks“-Filiale auf italienischem Boden eröffnen. Einen Termin wollte die Firma noch nicht bekannt geben.
„Wir wissen, dass wir mit der Eröffnung einer ganz besonderen Herausforderung gegenüberstehen werden“, wird Antonio Percassi, Präsident des Lizenznehmers Percassi, in einer offiziellen Mitteilung zitiert. Schließlich sei Italien das Land des Kaffees. Man sei sich aber sicher, „dass das italienische Volk bereit ist, die Starbucks-Erfahrung zu erleben.“
Skepsis, ob die US-Kette zur italienischen Lebensart passt
Für ein Gespräch mit unserer Zeitung anlässlich der Eröffnung in Mailand stand von „Starbucks“ in den vergangenen Wochen auf wiederholte Nachfrage niemand zur Verfügung. „Das ist, als würde ein Argentinier nach Venezien kommen, um den Leuten dort guten Wein zu bringen“, sagt der Chef einer großen italienischen Kaffeemarke unserer Zeitung, der damit aber nicht namentlich zitiert werden möchte.
„Starbucks“ sehe er in Italien aber nicht als Konkurrenten an. „Andere Branche“, sagt er nur und fügt in Anspielung auf den großen Milchverbrauch bei den US-Kaffeebrauern hinzu: „Das ist die größte Kette von Latterias, die es gibt.“ Eine „latteria“ ist eine Milchbar.
Auch Massimo Zanetti, Gründer und Direktor der Massimo Zanetti Beverage Group, zu der auch die Kaffeemarke Segafredo gehört, ist skeptisch, ob die US-Kette zu den Italienern passen wird. „Der Italiener geht in die Bar, die er kennt, und in der er bekannt ist. Das ist Teil unserer Tradition“, sagt er „Vielleicht gibt es ein junges Publikum, das sich lieber lange hinsetzen möchte, um auch mal etwas zu lesen.“ Er sehe das aber nicht als Bedrohung der italienischen Bar-Kultur. „Es ist einfach etwas komplett anderes ist.“
Der schnelle Caffè gehört zum kulinarischen Kulturgut
Der Caffè gehört zum kulinarischen Kulturgut wie Pizza, Pasta und Tiramisu. 70 Millionen Tassen Espresso werden in Italien täglich konsumiert, und das bei rund 60 Millionen Einwohnern. Schätzungen zufolge gibt es in ganz Italien 132 000 Bars. Eine italienische Bar entspricht etwa einem deutschen Steh-Café.
Davon sind 129 000 unabhängig, während etwa 3000 zu Ketten gehören. Dazu kommen noch rund 50 000 Bars, die zu anderen Betrieben gehören, zum Beispiel zu Bahnhöfen oder Mensen. Wenn man dazu noch die Zahl der Eisdielen, Diskotheken, Konditoreien und Restaurants rechnet, in denen ebenfalls Caffè ausgeschenkt wird, erhöht sich die Zahl der Betriebe auf fast 300 000.
Klar ist, es werden Welten aufeinanderprallen, wenn „Starbucks“ kommt. Das beste an der italienischen Kaffeekultur: Sie ist so schön unkompliziert. „Un Caffè“, fertig. Eine halbe Minute später steht der heiße Espresso vor einem auf dem Tresen. Kaum vorstellbar, dass man nun auch in Italien damit beginnt, einen Grande Cinnamon Dolce Latte, koffeinfrei, mit fettarmer laktosefreier Milch, extra heiß, mit Sahne und zum Mitnehmen zu bestellen.
In der Zeit, in der so ein Text an der Kasse vorgetragen wird, steht man als italienischer Normalkonsument bereits wieder vor der Tür der Stammbar – im Bauch das so bekannte, so angenehm wohlige Gefühl, ausgelöst durch einen kleinen Schluck schwarzen Glücks.