Das Thema Muslime und Christen stößt auf großes Interesse: die Stiftskirche ist voll besetzt Foto: imago stock&people

Was verbindet Muslime und Christen, was trennt sie? Das ist eins der großen Themen auf dem Kirchentag. In der Utopie ist es einfach: „Wir müssen in Wohlwollen miteinander leben“, sagt die Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin aus Zürich am Freitag in der Stiftskirche.

Stuttgart - Rifa’at Lenzin erntet Applaus von rund 800 Zuhörern. Das Thema dort: „Wie Christen und Muslime zusammenleben. Eine Utopie aus theologischer Sicht.

Die Utopie ist das eine, die Realität das andere. In Stuttgart leben rund 65 000 Muslime. Muslimische Gettos, soziale Brennpunkte wie in anderen Großstädten gibt es nicht. Verhindert wurde das durch eine Wohnungspolitik, die darauf ausgerichtet war, dass in Mietshäusern nicht nur Migranten wohnten. Bereits in den 70er Jahren betonte der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel: „Wir reden hier von Stuttgartern, nicht von Ausländern.“

Ein Motto, das seine Nachfolger Wolfgang Schuster und jetzt Fritz Kuhn hoch hielten und hoch halten. Das trägt Früchte: Viele Muslime leben gern in der Landeshauptstadt. Die Grundstimmung ist gut – auf beiden Seiten. Es gibt in der Begegnung wenig Barrieren. „Unsere christlichen Nachbarn beschenken uns sogar zum Geburtstag und wir sie zu Weihnachtern“, sagt Yavuz Kazanc vom Verband der islamischen Kulturzentren in Stuttgart. Wie viele Muslime freut er sich darüber, dass die Ampel für eine eigene Moschee in Stuttgart auf Grün stehen.

Im Stadtteil Wangen gibt es seit kurzem ein Minarett. „Das ist ein Zeichen. Es zeigt, dass wir da sind“, sagt Elvir Ibrahimovic von der islamischen Gemeinschaft der Bosniaken. Für Stuttgarts Christen ist das kein Problem: Dass sei längst fällig, meinen die Vertreter der christlichen Kirchen. Sowohl der evangelische Dekan Søren Schwesig wie sein katholischer Kollege Christian Hermes sind überzeugt, dass Muslime eine würdige Gebetsstätte brauchen, die nicht in einem Hinterhof sein kann. „Allerdings hätte ich Probleme, wenn der Bau ein Machtsymbol würde“, schränkt Schwesig ein.

Also alles in Ordnung? Mitnichten: Obwohl in vielen Stuttgarter Firmen Muslime arbeiten, hätten die wenigsten Arbeitgeber Gebetsräume, sagt Ibrahimovic. Die Folge: Muslime müssen ihr Gebet im Treppenhaus oder in einer Abstellkammer verrichteten. Und: „Gut ausgebildete Muslima mit Kopftuch haben kaum Chancen auf eine Anstellung, die ihren Qualifikationen entspricht.“ Nicht weil der Arbeitgeber etwas dagegen hätte, sondern weil er fürchte, seine Kunden könnten das ablehnen, sagt Ibrahimovic

Durch die Berichterstattung in den Medien über Terror im Namen des Islam fühlen sich viele Stuttgarter Muslime in eine Ecke gedrängt. „Warum erwartet jeder von mir, dass ich mich distanziere. Ich muss mich nicht von etwas distanzieren, mit dem ich nichts zu tun habe und dass ich wie die ganz große Mehrheit der Muslime verabscheue“, sagt Ibrahimovic.

Die Berichterstattung über den Islam: Auch das ist ein Thema in der Stiftskirche. „Vom Islam ist nur dann die Rede, wenn es um Schreckenstaten geht. Über die 1,5 Milliarden ganz normalen Muslime erfährt man so gut wie nichts“, sagt auch Reinhold Bernhardt, systematischer Theologe aus Basel.

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