Wer gibt Halt, wenn keine Angehörigen da sind? Foto: dpa

Der Krankenbesuch gilt im Islam als Pflicht. Trotzdem gibt es immer mehr Muslime, die einsam sind in der Klinik – weil sie keine Angehörigen haben, oder nicht offen mit ihnen sprechen können.

Der Krankenbesuch gilt im Islam als Pflicht. Trotzdem gibt es immer mehr Muslime, die einsam sind in der Klinik – weil sie keine Angehörigen haben, oder nicht offen mit ihnen sprechen können.

Stuttgart - Serpil Topal lacht gerne. Als die 34-Jährige Ende Dezember bei der Jahrestagung der islamischen Seelsorger Baden-Württembergs am Rednerpult im Stuttgarter Marienhospital steht, bringt sie auch die etwa 30 Menschen im Publikum zu Lachen. Doch eigentlich ist die Aufgabe, über die Serpil Topal spricht, todernst.

Die ehrenamtliche Seelsorgerin und dreifache Mutter begleitet Menschen muslimischen Glaubens , die im Krankenhaus liegen. Manche bis in den Tod und darüber hinaus. „Eine Frau ohne Angehörige lag im Sterben. Ich habe auch die rituelle Totenwaschung für sie gemacht“, sagt Topal. „Das vorher zu wissen, war ihr sehr wichtig gewesen.“

Viele Muslime haben nicht das Glück, eine Seelsorgerin wie Serpil Topal auf ihrem letzten Weg an der Seite zu haben. Wer keine Angehörigen hat und nicht mit einem christlichen Seelsorger Vorlieb nehmen möchte oder mit ihm oder ihr nicht kommunizieren kann, der stirbt in Einsamkeit. Denn anders als bei christlichen Patienten gibt es für die Muslime keine Organisation wie die Kirche, die Seelsorger an den Krankenhäusern beschäftigt. Es gibt auch keine standardisierte Ausbildung, die Theologieabsolventen das notwendige Rüstzeug auf den Weg gibt.

Deswegen arbeitet Alfred Miess vom Mannheimer Institut für interreligiösen Dialog daran, ein flächendeckendes Netz an muslimischen Seelsorgern über den Südwesten und über ganz Deutschland zu spannen. „Es gibt sehr viel Bedarf“, sagt er. Das Integrationsministerium rechnet damit, dass landesweit 165 Fachleute notwendig wären, um die Versorgung sicherzustellen. „Doch das Angebot ist bisher nur sporadisch vorhanden“, sagt Miess. Der 68-jährige hat in den vergangenen siebeneinhalb Monaten dutzende Krankenhäuser und psychiatrische Einrichtungen angesprochen. „In manchen Häusern sind bis zu 20 Prozent der Patienten muslimischen Glaubens“, sagt er. Für das Projekt hat Miess Baden-Württemberg in vier Regionen aufgeteilt, in denen sollen nun Schritt für Schritt Seelsorger ausgebildet werden. Nach der Region Rhein-Neckar, in der es 21 Seelsorger gibt, sind nun die Landkreise am Bodensee und in Oberschwaben an der Reihe. 15 Freiwillige sollen 2014 dafür ausgebildet werden. Miess hat sie in einem aufwendigen Prozess ausgewählt. Das Land Baden-Württemberg unterstützt das Projekt mit 48 000 Euro pro Jahr.

„Über der Hälfte der Bewerber mussten wir ablehnen, weil sie die Anforderungen nicht erfüllen“, sagt er. Psychisch belastbar müssen sie sein und in einem stabilen Umfeld leben, das die ehrenamtliche Aufgabe unterstützt. „Missionarischer Eifer ist ein Ausschlusskriterium“, sagt Miess.

Neutrales theologisches Fundament für Ausbildung schaffen

Amen Dali, ein 30-jähriger Imam aus Mannheim, macht auf den ersten Blick den Eindruck, als könnte ihm das schwerfallen. Er trägt den Bart lang, aber ohne Oberlippenbart, die Hosenbeine enden kurz oberhalb der Knöchel – ein Erscheinungsbild, das sich an Überlieferungen über das Aussehen des Propheten Muhammad orientiert. Dali gehört zu den Muslimen, die penibel die Regeln des islamischen Rechts beachten. Dass in fundamentalistischen muslimischen Kreisen oftmals Glaubensbrüder, die es nicht so eng nehmen, des Abfalls vom Glauben bezichtigt werden, ist dem Vorsitzenden des Mannheimer Instituts für interreligiösen Dialog, Ulrich Schäfer, bewusst. Befürchtungen, dass sich Patienten im Mannheimer Uni-Klinikum vor Vorwürfen des konservativen Imams fürchten müssen, hat er aber nicht. „Ich kenne Herrn Dali seit Jahren, ich habe keine Sorge, dass er einseitig ideologisch ist.“

Dass die Moschee-Vereine in Deutschland in viele Gruppen unterteilt sind, die sich gegenseitig nur mit Vorbehalten anerkennen, ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur flächendeckenden islamischen Seelsorge. Die islamisch-theologischen Institute, die kürzlich an verschiedenen Universitäten eingerichtet wurden, sollen deshalb ein neutrales theologisches Fundament für die Ausbildung schaffen.

„Viele Vereine sehen auch den Bedarf für muslimische Seelsorger nicht, weil sie meinen, die Imame könnten diese Aufgabe ohne weiteres übernehmen, aber die sind meist nicht dafür ausgebildet“, sagt Miess. Bei Informationsveranstaltungen zu dem Ausbildungsprojekt musste er deshalb meist in städtische Räume ausweichen. „Kaum ein Moschee-Verein hat uns seine Räume zur Verfügung gestellt“, sagt er.

Um sicherzustellen, dass in Zukunft niemand mehr ohne geistlichen Beistand sterben muss, werde man professionelle Seelsorger brauchen, glaubt Miess. Doch es gibt nur vereinzelt Krankenhäuser, die für muslimische Seelsorger bezahlen. Auch das Integrationsministerium sieht sich nicht zuständig.

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