Kiril Denisov (links) und Serpil Tirhis-Efe (rechts daneben) wollen Vorurteile abbauen. Bei den Schülern Amara Mede und Elhamraoui Rayan Amin fällt das auf fruchtbaren Boden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Schülerschaft der Stuttgarter Gemeinschaftsschule Weilimdorf ist multikulturell. Der Krieg im Nahen Osten wird auf dem Schulhof emotional diskutiert. Nun waren eine Muslima und ein Jude zu Gast in einer zehnten Klasse. Wie haben die Schüler reagiert?

„Der Islam wird siegen!“ Mit schwarzem Edding gekritzelt, prangt dieser Satz an einer Wand in der Gemeinschaftsschule Weilimdorf im Nordwesten Stuttgarts. Daneben der erhobene Zeigefinger, ein bekanntes Symbol des politischen Islams. Verfasser ist mutmaßlich einer der rund 400 Schülerinnen und Schüler. Rektor Nikolaus Arndt steht daneben und spricht offen über ein Thema, das ihn beschäftigt. Seine Schule ist multikulturell, viele Schülerinnen und Schüler sind Muslime.

 

Der Krieg im Nahen Osten hat indirekt auch in die Klassen seiner Schule Einzug gehalten. „Die Schüler sind emotional aufgewühlt. Gleichzeitig fühlen sich viele unserer muslimischen Schüler durch die Berichterstattung auch über einen Kamm geschert“, sagt die Lehrerin Claudia Volz. Die Schule hat deshalb die Botschafter des „Yad Be Yad“-Projektes des Vereins Kubus eingeladen. „Yad Be Yad“ bedeutet „Hand in Hand“ – auf Hebräisch wie auch auf Arabisch. Und passend zu dieser Botschaft schickt die Initiative die Muslima Serpil Tirhis-Efe und den Juden Kiril Denisov in die verschiedenen Schulklassen. „Wir wollen aufbrechen, dass es zwischen Juden und Muslimen eine unüberwindbare Spaltung gibt“, sagt die Leiterin des „Yad Be Yad“-Projekts, Veronica Sartore.

Schüler interessieren sich für die persönliche Meinung ihrer Lehrer

An der Gemeinschaftsschule Weilimdorf haben sie eine zehnte Klasse besucht. „Der Redebedarf der Schüler war und ist sehr hoch“, sagt Ulrich Essig-Haile, einer der Klassenlehrer. Diese fragten auch, wie die Lehrer zu dem Ganzen stehen. So habe auch die Diskussion über den marokkanischen Fußballer des FC Bayern, Noussair Mazraoui, der seine Unterstützung für Palästina auf Instagram kundtat und dafür kritisiert wurde, Aufregung unter den Schülern ausgelöst.

Elhamraoui Rayan Amin und Amara Mede sind die Klassensprecher der 10 A. Sie berichten in einem Gespräch nach dem Workshop, dass der Konflikt seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober „wie aus dem Nichts“ über die Schüler hereingebrochen sei. „Wir versuchen eine Sichtweise einzunehmen, die nicht nur unserer kulturellen und familiären Prägung entspricht“, sagt Elhamraoui Rayan Amin. Das Interesse an dem Konflikt sei enorm gestiegen, sagt Amara Mede.

Ihre Halskette offenbart ihre Haltung

Serpil Tirhis-Efe und Kiril Denisov sind nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde, wie sie versichern. „Meine Tränen fließen eine Stunde für Palästina, dann eine Stunde für Israel“, sagt Serpil Tirhis-Efe, die selbst Lehrerin ist. Sie kommt aus einer türkischen Familie, hat antisemitische Parolen oft gehört und miterlebt. Heute ist ihr Freundeskreis multikulturell – muslimisch, jüdisch, christlich. Ihre Halskette offenbart ihre Haltung: Die Zeichen aller großen Religionen sind dort innerhalb eines „Peace-Zeichens“ abgebildet.

Serpil Tirhis-Efe und Kiril Denisov sind Freunde. Foto: Max Kovalenko

Als Muslima bekommt sie leichter Zugang zu den muslimischen Schülern. „Sie hat eine andere Glaubwürdigkeit. Die Schüler sind überrascht, fast schon irritiert, wenn eine muslimische Lehrerin vor ihnen steht und sie über den Konflikt aufklärt“, betont Claudia Volz. Kiril Denisov wird aber durchaus auch mit Offenheit begegnet. Die allermeisten Schüler würden keine Juden kennen, berichtet er. „Ich bemerke da immer eine große Neugier. Viele haben nur Informationsbrocken über uns. Ich möchte aufklären und eine persönliche Ebene schaffen“, erklärt Denisov.

Lösung suchen, Frieden schaffen

„Es war eine neue Erfahrung, einen Juden wirklich kennengelernt zu haben. Ich habe jetzt auch verstanden, dass Juden sich eher als Volk, wie als Religionsgemeinschaft sehen“, sagt Elhamraoui Rayan Amin. Dass ein Jude Verständnis für die palästinensische Seite aufbringen könne, dass Muslime und Juden Freunde sein könnten, sei schön zu sehen. Amara Mede pflichtet ihm bei: „Ich dachte, dass das heute explosiver wird. Stattdessen haben wir gesehen, dass es Freundschaft unter Muslimen und Juden gibt.“

Klassensprecherin Amara Mede hat mit einer „explosiveren“ Diskussion gerechnet. Foto: Max Kovalenko

„Wir können den Konflikt nicht hier im Klassenzimmer lösen. Aber das Suchen nach einer, wenn auch hypothetischen, Lösung kann Frieden an der Schule schaffen. Die Schüler wollen Frieden, keinen Krieg“, sagt Ulrich Essig-Haile.

Aufklärungsarbeit bei sozialen Medien

Offen antisemitische oder antiisraelische Haltungen gebe es in ihrer Klasse nicht, versichern die beiden Klassensprecher, das sagen auch ihre Lehrer. Rektor Nikolaus Arndt meint dennoch, dass der Konflikt vermutlich ein größeres Thema unter den Schülern sei, als die Lehrer das wahrnehmen könnten – und er weist auf eine Problemgruppe hin: „Zehntklässlern traue ich zu, dass sie reflektiert sind. Aber gerade noch jüngere, zwölf- oder dreizehnjährige Schüler bekommen ungefilterte Bilder aus den sozialen Medien.“ Gerade bei diesen noch sehr jungen Menschen könnten dann Affekthandlungen auftreten.

Die sozialen Medien, von Facebook bis Tiktok, sind der Gegenspieler der Aufklärungsarbeit. Ungefilterte Propaganda und einseitige Berichterstattung prasselt täglich auf junge Menschen nieder. Die Hälfte des Projekts umfasse deshalb den Umgang mit sozialen Medien, erklärt Serpil Tirhis-Efe. Man müsse unter den Schülern das Verständnis für eine Quellenvielfalt schärfen. Einschlägige Seiten im Internet müssten von jungen Menschen hinterfragt werden.

Der Schulleiter spricht von einer stärkeren Demokratie, die er sich wünsche. Er nimmt Bezug auf den Schriftzug zum siegreichen Islam: „Wenn ein Zwölfjähriger so etwas äußert, darf er auch mal gegen die Wand laufen, das schadet nicht.“ Er plädiert für klare Grenzen.

Elhamraoui Rayan Amin wünscht sich ein friedliches Zusammenleben aller Menschen. Foto: Max Kovalenko

Hoffnung auf ein Zusammenleben

„Ich denke, hier führen einfach zwei Regierungen einen Krieg gegeneinander. Die Menschen würden sich verstehen. Juden, Muslime und Christen könnten in Frieden miteinander leben“, sagt Elhamraoui Rayan Amin. Da ist der islamistische Schriftzug, aber da sind auch reflektierte Schülerinnen und Schüler – beides gehört zu dieser Geschichte. Es zeigt, wie wichtig die Aufklärungsarbeit unter jungen Menschen ist.