„Nur die da säugt, nur die da liebt“: Schumann in der Musikhochschule. Foto: Röckle

„Seit ich ihn gesehen, glaub’ ich blind zu sein“: So beginnt Schumanns Liederzyklus op. 42 auf Texte Adelbert von Chamissos. Das Musiktheater „Frauenliebe“ biegt mit Gesang, Szene und Figurentheater die Musik und das Frauenbild der Romantik ins Heute. Das Ergebnis ist eine poetische Irritation.

„Seit ich ihn gesehen, glaub’ ich blind zu sein“: So beginnt Schumanns Liederzyklus op. 42 auf Texte Adelbert von Chamissos. Das Musiktheater „Frauenliebe“ biegt mit Gesang, Szene und Figurentheater die Musik und das Frauenbild der Romantik ins Heute. Das Ergebnis ist eine poetische Irritation.

Stuttgart - Da: eine Hand. Und dort: die zweite. Dazu ein Kleid, cremefarben mit Spitzchen, altmodisch, und ein kleiner Kopf aus Holz oder Gips, mit Augen, die so unschuldig, so naiv und so zerbrechlich ins Publikum schauen, wie es nur Puppenaugen tun können. Die Hände, die Füße, das Kleid, den Kopf bewegen kichernd fünf Studierende des Studiengangs Figurentheater. „Helft mir, ihr Schwestern, freundlich mich schmücken“, singt Karline Cirule (mit viel Ausdruck und einer anrührenden Anmutung von Naivität, aber mit leichten intonatorischen Schwächen). Das fünfte Lied aus Robert Schumanns Zyklus „Frauenliebe und Leben“ über Gedichte Adelbert von Chamissos beschreibt die Situation vor der Hochzeit, und das Spiel der Puppe ist einer der doppelten Böden, die der szenische Abend „Frauenliebe“ im Kammermusiksaal der Musikhochschule dem romantischen Liedgut und dem Frauenbild des 19. Jahrhunderts beigibt. Für den zweiten sorgen kurze (Vokal-)Stücke junger Komponisten, die zwischen Schumanns Lieder eingestreut werden.

Gäbe es diese beiden Ebenen der Distanzierung und der Ironisierung nicht, dann müsste man über den Text der Lieder und über das Bild einer Frau, die einzig durch und für ihren Gatten lebt, um Schumanns schöner Musik willen tunlichst hinweghören. Es ist ein Verdienst des von Angelika Luz (Dramaturgie, Regie), Stephanie Rinke (Regie), Cornelis Witthoefft (musikalische Einstudierung) und Sylvia Wanke (Figurentheater) angeleiteten Projekts, dass man das hier nicht muss. Im Gegenteil: Gerade aus der Reibung zwischen Klängen, Worten und Bildern von gestern und heute entstehen gut 90 Minuten Spannung und Poesie.

Manche neuen Werke spielen mit Chamissos Text. „Seit ich ihn gesehen, bin ich total durch den Wind“, heißt es in Daniela Achermanns „Zu gut, um wahr zu sein“. Hier liegt die Ironie auf der Hand.

Subtiler geht Alexander L. Bauer in „lunacy and its consequences“ vor: Vier Frauenstimmen umkreisen wortlos und in Kleinstintervallen einen Ton, und der aus Einzelstimmen entstehende Klang ist auf ähnliche Weise zerbrechlich wie die Puppe, die fünf Spieler während des Gesangs aus Kopf, Händen und Stiefeln zusammensetzen.

Zu Asija Ahmetzanovas „Donec gratus eram tibi“, bei der wir die wunderbare junge Mezzosopranistin Armine Ghukasyan kennenlernen, richtet sich eine Puppe ganz langsam auf. Leben bekommt sie von Spielern, die sich, um das Kunst-Bild stabil zu halten, immer wieder gegenseitig stützen müssen.

Witziges bietet Valentin Obersons „Le senti . . . ment“ für Bariton, Tenor und Sopranistin, die singend eine Triangel umkreisen; am Ende siegt (endlich!) der Bariton, während der Tenor, von einer Stimmgabel erstochen, entseelt am Boden liegt.

Schumanns „Frauenliebe und Leben“ endet mit dem Tod des Mannes. „Es blicket die Verlass'ne vor sich hin, die Welt ist leer, ist leer“, heißt es im Text. Auf der Bühne stehen Trauernde, Puppen und Menschen, und als sie gegangen sind, bleiben nur ein Kopf und zwei gekreuzte Hände auf der Bühne zurück. „Frauenliebe“ vermittelt keine neuen Erkenntnisse, spielt aber sehr schön mit Bildern und Themen. Und wenn der Pianist Roland Hagemann jene Schlusstakte spielt, mit denen Schumann an den Anfang der Liebesbeziehung, zum ersten Lied, zurückblickt. dann ist tatsächlich Paradoxes gelungen: Über die Entfernung ist uns Schumann nahe gekommen. Wie schön.

Nochmals am 23. 1. im Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße (07 11 / 38 71 20)

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