Kiara Huber schreibt eigene Lieder und spielt sie selbst am Klavier. Bevor die richtige Musikkarriere beginnen soll, will sie jedoch erst das Abitur machen. Foto: factum

Kiara Huber ist 16 Jahre alt und singt für ihr Leben gern. Sie ist talentiert, ehrgeizig und genießt die volle Unterstützung ihrer Eltern. Aber reicht das, um sich in der Welt der Musik auf Dauer einen Namen zu machen?

Herrenberg - In Kiara Hubers Zimmer sind die Zeichen unverkennbar: Hier will jemand ins Musikgeschäft. In einer Ecke steht eine Guitarre, unter dem Tisch ein Lautsprecher, ein Verstärker, daneben ein E-Piano, Mikrofone, Bücher mit Notenblättern. Kiara Huber setzt sich vor das Klavier, wirft mit einer losen Bewegung die Haare nach hinten. Sie blättert in den Notenblättern, atmet tief ein. Ihre Finger laufen behutsam über die Klaviertasten. Eine traurige Melodie erklingt, ein Lied, das sie selbst geschrieben hat. Sie singt. Ihre Stimme ist tief, sie wirkt reifer als die einer 16-Jährigen. Mal hält sie lange einen Vokal, dann wird die Stimme wieder lauter und dreht Pirouetten, ähnlich wie bei der berühmten Sängerin Adele, zu der sie ehrfürchtig hinaufschaut.

Der Traum von einer Musikkarriere – er hat nichts von seinem Glanz verloren. Nach wie vor bewerben sich jährlich Tausende junger Menschen bei Talentwettbewerbenim Fernsehen, sie gründen Kanäle bei Youtube, wo sie singen und Instrumente spielen. Mal ist es der Ruhm, mal das Geld, das lockt. Oft ist es aber auch, wie bei Kiara Huber, einfach die Liebe zur Musik. Und noch etwas hat sich in den vielen Jahren nicht geändert: Es ist ein langer Weg, bis aus einer Leidenschaft ein Beruf als Musiker entsteht.

Musiker müssen sich als Marke aufbauen

Die Newcomer von heute müssten sich selbst vermarkten, sich wie eine Marke aufbauen können, sagt Laura Kneip. Sie ist eine selbstständige Musikmanagerin in Berlin und coacht junge Talente auf ihrem Weg zum Berufsmusiker. Vor wenigen Wochen sprach sie auch mit Kiara Huber aus Herrenberg. Sie hatte sich für ein Coaching beworben und wurde unter den Einsendungen ausgewählt.

„Mir wurde klar, dass ich mich besser organisieren muss, wenn ich eines Tages von der Musik leben will“, sagt Kiara Huber. Und das hat sie nun auch vor: Neben dem Gesangsunterricht, den Konzerten und Proben mit ihrer Band nimmt sie sich täglich einige Stunden Zeit, um an Liedtexten zu feilen oder neue Gesangstechniken einzuüben. Vorher textete und sang sie, wann und wie es ihr danach war.

Im Gespräch lacht sie viel, wirkt selbstbewusst, aber nicht überheblich. Sie sagt Sätze wie: „Zum Musikgeschäft gehört auch Glück. Ich weiß nicht, ob ich davon genug haben werde.“

Vor drei Jahren hören die Eltern zum ersten Mal ihr Talent. Aus dem Badezimmer ertönt eine kindliche, aber irgendwie fertige Stimme. „Huch, das ist gar nicht so schlecht“, sagen sie auf dem Sofa sitzend und schauen sich an. Das erzählen Frank und Sandra Huber im Wohnzimmer ihrer Wohnung in Herrenberg. Neben ihnen sitzt Kiara und lächelt peinlich berührt. Kurze Zeit später nimmt die Zwölfjährige an einem Talentwettbewerb in der Schule teil. Dabei verliert sie ihre Bühnenangst. Die Eltern schicken sie daraufhin zum Gesangsunterricht. „Sie zeigte großen Ehrgeiz. Wir wollten sie unterstützen“, erinnert sich Sandra Huber. Die Hubers sind eigentlich eine Sportlerfamilie: Frank Huber macht Leichtathletik, Sandra Huber war in ihrer Jugend in der Deutschlandauswahl der Bogenschützen. Den Drang zur Perfektion scheinen sie der Tochter im Bereich Musik weiter gegeben zu haben.

Zuerst die Frage: Wer bin ich?

Musik nimmt jetzt einen immer größeren Raum ein: Kiara singt auf Hochzeiten, bei regionalen Veranstaltungen, wird Bandsängerin, schreibt selbst Songs. Die Videos und Fotos, die ihr Vater bei ihren Auftritten aufnimmt, stellt sie auf Youtube, Instagram und auch auf Facebook – obwohl dort nur Ältere sind. „Die Veranstalter erwarten das“, erklärt sie. Frank Huber zeigt auf seinem Handy ein Video von 2017. Kiara – die Gesichtszüge sind noch kindlich – sitzt an ihrem weißen Klavier und interpretiert ein Lied von Sarah Connor. „Oh Gott, ich würde das heute ganz anders machen!“, sagt sie und wedelt mit den Händen.

Für Musikcoach Laura Kneip ist vor allem wichtig, dass die Künstler eine eigene Identität finden, mit der sie dem Publikum „authentisch ihre Geschichte erzählen können“, sei es in ihrer Musik oder von sich als Person in den sozialen Kanälen. „Es geht um die Frage: Wodurch zeichnet sich der Musik-Act besonders aus und wie unterscheidet sich der Künstler von der Konkurrenz“, sagt Kneip. Daran will auch Kiara Huber arbeiten: Soll sie auf Deutsch singen oder auf Englisch? Fühlt sie sich wohl mit Punksongs oder doch eher mit souligem Pop a la Amy Winehouse? „Ich muss für mich klären, wer ich als Sängerin sein will“, sagt sie.

Zeit dazu hat sie. Verglichen mit anderen aufstrebenden Künstlern ist Kiara noch jung. „Zunächst Abi machen, dann vielleicht etwas mit Musik studieren“, sagt sie. Laura Kneip habe gesagt, dass junge Menschen sich besser schrittweise entwickeln und besser nicht zu viel auf einmal wollen. „Viele streben nach schnellem Erfolg und werden schnell vergessen“, sagt Kiara. Das will sie nicht.

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