Auf Facebook wurde eine Seite für die Erhaltung des Jazz/Pop Studiengangs an der Musikhochschule Stuttgart eingerichtet. Foto: StN

Für zahlreiche Reaktionen sorgt das von den Stuttgarter Nachrichten öffentlich gemachte mögliche Aus des Fachbereichs Jazz und Pop an der Musikhochschule Stuttgart – und nicht nur dieses. In den kommenden Tagen sind Proteste an und außerhalb der Hochschule geplant.

Weiter für zahlreiche Reaktionen sorgt das von den Stuttgarter Nachrichten öffentlich gemachte mögliche Aus des Fachbereichs Jazz und Pop an der Musikhochschule Stuttgart, und nicht nur dieses. In den kommenden Tagen sind Proteste an und außerhalb der Hochschule geplant.

Das Publikum heranführen

„Die Landesregierung macht sich zum In­strument des Landesrechnungshofs“, sagt Jürgen Schlensog, Leiter des Stuttgarter Festivals Jazz Open. Dieser argumentiere „in einer Art von verwirrtem Benchmarking mit dem Bundesdurchschnitt“ damit, dass in Baden-Württemberg an den Musikhochschulen über den Bedarf hinaus ausgebildet wird. „Über welchen Bedarf sprechen wir hier?“, fragt er, „über den leider beständig abnehmenden Bedarf an Musikern in landeseigenen oder öffentlich-rechtlich gehaltenen Orchestern? Über den Bedarf an musisch ausgebildeter Jugend, die über den täglichen Radiowellensalat hinaus denkt? Oder gar über den Mangel an Hochschulabgängern aus technischen Studiengängen, die von den Großunternehmen geradezu gejagt werden?“ Ein Armutszeugnis für eine reiche Region sei das, findet Schlensog, „eine rein quantitative Betrachtung wird der Sache nicht gerecht“. Er selbst ist als Quereinsteiger aus der Wirtschaft seiner Leidenschaft gefolgt und sucht bei den Jazz Open bewusst die Verbindung von Jazz und Pop. „Ich halte nichts von puristischer Abgrenzung. Leute wie Lenny Kravitz, Steve Winwood oder Zaz reden nicht nur mit Ehrfurcht und Hochachtung vom Jazz, sondern nehmen regelmäßig Anleihen daraus und führen ein breites Publikum an diese Musik heran. Manche tauchen dann irgendwann im Bix auf.“ Eine Voraussetzung hält Schlensog für unabdingbar: „Eine intakte und spannende regionale Jazzszene. Eine solche braucht eine Quelle, und in Stuttgart ist das der Studiengang Jazz und Pop.“

Austausch ist wichtig

Unruhe herrscht auch in der Popszene – Stuttgarter Musikstudenten begleiten zum Beispiel den Rapper Cro, wenn er auf die Bühne geht, und die Rockband Heisskalt ist eine Hochschulgründung. „Stuttgart wird dadurch unattraktiver“, sagt Florian König, Schlagzeuger von Cro. „Die Musikhochschule war für mich immer Dreh- und Angelpunkt sowie Plattform für Ideen und Projekte. Ich werde mich nach Hamburg oder Berlin orientieren, sollte dieser Beschluss durchgesetzt werden. Das ist sehr schade, weil Stuttgart bislang eine Alternative war.“ Mathias Bloech, Sänger und Gitarrist von Heisskalt, beklagt den Verlust von „Bernd Konrads aufgeschlossener, die Kreativität fördernder Art der musikalischen Ausbildung“. Er plädiert für Vielfalt: „Die Ausbildungen in Stuttgart und Mannheim haben alle ihre Daseinsberechtigung, sind aber grundunterschiedlich. Sie zusammenfassen und vereinheitlichen zu wollen, ist Blödsinn. Wer will denn die Vereinheitlichung von Musik fördern?!“ Florian König glaubt: „Die Zentralisierung zerstört alles, subkulturelle Netzwerke, künstlerische Vielfalt, das Clubleben.“

Marius Bornmann, Schlagzeuger von Heisskalt, sieht den Plan „in einer Reihe von Negativschlagzeilen, zu denen die ersatzlose Schließung der Röhre gehört. Wieder wird der Stadt ein Stück Kultur entrissen, die so wertvoll für die Lebensqualität der Bürger ist.“ Er besucht Kurse in Klassik, Jazz und Pop: „Die Musiklandschaft entwickelt sich hier bunt und einzigartig, weil Stuttgarter Studenten direkt am Live-Geschehen teilnehmen und sich mit Kollegen aus der Klassik austauschen können.“ Florian König stört der Zeitpunkt: „Es ist ein Unding, das in den Semesterferien zu verkünden, wenn viele Lehrkräfte und Studenten abwesend sind. Ich hoffe, dass es noch einen Diskurs gibt und der Beschluss überdacht wird.“

Schubladen-Klassik

Erst die Einführung von Bachelor und Master in den künstlerischen Studiengängen, dann die Spezialisierung der Institute und die Segmentierung von Fachbereichen: Auch in den „klassischen“ Bereichen der baden-württembergischen Musikhochschulen geht die Furcht vor einer weiteren Bürokratisierung und vor einer Verengung der kreativen Möglichkeiten um. Ein Geiger, der sich auch einmal mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen, ein Pianist, der sich zwischenzeitlich über Improvisation dem Jazz nähern will: Derartige Künstlerpersönlichkeiten passen nicht ins System.

Die Mannheimer Hochschule auf Jazz und Pop zu reduzieren und die Trossinger Hochschule zu einer Hochschulakademie, also zu einem Veranstaltungsort mit externen Workshops und Meisterklassen der anderen Hochschulen, verurteilt der Präsident des Landesmusikrats, Hermann Wilske: „Das sind Maßnahmen, die nicht allein auf eine Verminderung der Studienplätze abzielen, sondern langfristig vermutlich eine nur notdürftig maskierte Schließung zweier Hochschulstandorte bedeuten.“ – „Einen Kahlschlag zulasten einzelner Musikhochschulen darf es nicht geben!“, mahnt auch Dietrich Birk, bis 2011 Kulturstaatssekretär und heute Vorsitzender des Arbeitskreises Kunst der CDU. Birk fordert einen „Strategieentwicklungsprozess Musikhochschule 2030“, der „eine geschärfte Profilbildung in der gesamten musischen und künstlerischen Bandbreite“ anstrebe. Michael Alber, bis 2012 Chordirektor der Oper Stuttgart und seither Dirigier-Professor in Trossingen, bemängelt außerdem die „mangelnde Solidarität unter den Hochschulen“. „Gibt es niemanden“, fragt Alber, „der die landesweite und bundesweite Tragweite dieser Schließungspolitik versteht?“

Facebook-Kampagne

„Ein Schlag ins Gesicht und ein Schock für alle Jazzmusiker, Jazzlehrende und Jazzstudierende in Stuttgart & Umgebung!“, schreibt Anne Czichowsky auf Facebook. Die Jazzpreisträgerin des Landes Baden-Württemberg 2011 hat nach Bekanntwerden der umstrittenen Entscheidung gehandelt und in der Nacht zum Donnerstag in dem sozialen Netzwerk die Gruppe „Erhaltet den Jazzstudiengang der MH Stuttgart“ gegründet. Unter gleichem Namen ­haben dann am Donnerstag Studenten der Musikhochschule auch eine Facebook-Seite eröffnet.

Viele nutzen die Plattform im Internet und machen ihrem Ärger Luft. Martin J. zum Beispiel schreibt: „Unfassbar. Eines der reichsten Länder der Welt spart an der Bildung.“ Oder Tansy D.: „Wie kann so eine wichtige Entscheidung eine Hochschulleitung im Alleingang fällen?! Das gibt’s ja wohl nicht!“ Und Stephen K.: „Lieber Landesrechnungshof und deren Angestellte und Beamte: Wenn einer/eine das nächste Mal eine Jazzplatte kauft, doch mal nachdenken.“

Sebastian J. bemerkt: „Mann, Mann, Mann. So peinlich, man könnte ja auch Maschinenbau in Stuttgart abschaffen und komplett nach Karlsruhe verlagern, oder Architektur von Karlsruhe nach Stuttgart oder Biologie von Hohenheim komplett nach Tübingen, oder . . ., oder . . ., oder . . . einfach alles so lassen, wie es gerade ist!!! Wenn das die Ergebnisse von Grün-Rot sind, dann NEIN DANKE !!!“

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