Dominique Horwitz bei der Aufführung von „Die Geschichte vom Soldaten“ Foto: Holger Schneider

Das Musikfest Stuttgart kann nicht nur Bach, Haydn und Händel. Im Theaterhaus hat sich der Schauspieler Dominique Horwitz als Erzähler von Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ auf grandiose Weise verausgabt. Das solide spielende Arte-Ensemble an seiner Seite konnte mit seinem schillernden Furor allerdings nicht mithalten.

Stuttgart - Er ist drei auf einmal. Igor Strawinsky hat seine „Geschichte vom Soldaten“ 1917 für ein kleines, bläserstarkes Ensemble, einen Vorleser und zwei Schauspieler komponiert; am Mittwochabend bringt der Schauspieler Dominique Horwitz eine solche Energie, nein, einen solchen Furor auf die Bühne im gut besuchten großen Saal des Stuttgarter Theaterhauses, dass er am liebsten wohl auch noch alle sieben beteiligten Instrumente selbst gespielt hätte. Alles kann er dann aber doch nicht tun, und so beschränkt sich der Mann mit schwarzem Sakko, schwarzer Hose, dazu leuchtend rotem Hemd und Schnürsenkeln notgedrungen auf das, was zu lesen und zu spielen ist. Nur einmal – immerhin! – lässt Horwitz selbst, fast synchron zum hinter ihm stehenden Schlagzeuger, mit den Händen die Trommel wirbeln, als sei er ein gespenstisches Schattenbild des Musikers, lautlos und mit grimmigem Blick.

Virtuos bettet der Schauspieler in den Erzähltext die in raschem Wechsel gesprochenen Dialoge zwischen dem Teufel und jenem Soldaten ein, dessen Geige (also: dessen Seele) der vielgestaltige Beelzebub in seinen Besitz bringen will. Horwitz windet sich, gestikuliert wild, spielt mit den Konsonanten, wobei ihm das Wasser von Stirn und Zunge spritzt. Er verwandelt sich – ein Meister der Mimikry! –, er verausgabt sich völlig. Und er beweist, dass auch Sprechen Musik sein kann: ein Spiel mit Rhythmen, Metren, Lautstärken, Tonhöhen, Tempi und Klangfarben. Voller Spannung verfolgt man mit ihm das Auf und Ab im Kampf zwischen Teufel und Soldat, dessen Fortlauf Strawinsky und sein Schweizer Textdichter Charles Ferdinand Ramuz einem russischen Volksmärchen entlehnten.

Das Groteske von Strawinskys Stück hängt musikalisch ein bisschen in den Seilen

Neben diesem Feuer speienden Darsteller-Vulkan wirkt das Arte-Ensemble zwangsläufig ein wenig blass. Die Musiker hätten aber auch selbst schillern können – hätten Sie nur selbst gelegentlich einfach mal die Sau rausgelassen. Ordentlich, sehr klar bereiten sie die von Strawinsky verwendeten Tanzformen auf, spielen sie Tango, Ragtime, English Waltz, dazu einen Marsch, eine Pastorale und schließlich einen ins Satirische gedrängten Choralsatz, aber das alles bleibt brav und bieder, da schlägt nichts über die Stränge, da wagt sich keiner vor, nicht einmal die Geige, die hier eine so prominente Rolle spielt, und so hängt das Groteske des Stücks, das Horwitz so stark nach außen kehrt, musikalisch ein bisschen in den Seilen.

Fast noch mehr gilt dies für das Stück, das Strawinskys Werk hier beigesellt ist: Die Suite für Kammerorchester, in der Erwin Schulhoff 1921, spürbar beeinflusst von Jazz und Dada, unter anderem mit den neuen Tanzformen Ragtime, Shimmy und Boston experimentiert, bräuchte deutlich mehr Flexibilität und Freiheit in der Darstellung, als sie bei der jetzt vorgestellten Bearbeitung Andreas N. Tarkmanns zu erleben ist. Da reicht es einfach nicht aus, wenn der Fagottist zum Zwecke der Produktion gewollt schiefer Töne immer wieder von seinem Stuhl aufsteht. Das Stück zieht sich. Und leider ist der absurde Prolog zum Stück, den der Komponist selbst verfasste, sehr schnell vorüber. Dominique Horwitz spritzt seine Worte auf die Bühne – und verlässt diese dann (viel zu früh!), um sich in „Bayer Asperin“ zu verwandeln. Wie gerne hätte man ihn auch dabei sprudeln gesehen!

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