In der Stuttgarter Stiftskirche hat die Deutsche Hofkapelle Bach-Kantaten aufgeführt, die eigentlich Miniaturopern sind.
Stuttgart - Was hör’ ich da? Wer unterbricht uns hier? Die Hirten sind verwirrt, und die Geburtstagsgäste am Hof des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels dürften sich 1725 den Bauch gehalten haben vor Lachen. Was hör’ ich da, wer unterbricht uns hier? Was die Hirten singen, ist ein lustiger Kommentar auf einen musikalischen Regelbruch: Zwei Männer singen ein Duett, aber Bach und sein als Picander bekannt gewordener Textdichter zaubern bei der Wiederholung des Anfangsteils zwei Damen aus dem Hut. Unerhört, das war ja noch nie da!
Dass alle Besucher, die am Mittwochmittag das Konzert des Ensembles Deutsche Hofmusik beim Musikfest besuchten, das Ungewöhnliche dieses klingenden Moments bemerkt und außerdem die vielen eklektizistischen Verweise auf die Antike wie auf die Schäferdichtung der Renaissance verstanden haben, ist eher fraglich, denn was der Cembalist, Dirigent, Musikwissenschaftler und Architekt (!) Alexander Grychtolyk mit seinem kammermusikalisch besetzten Ensemble Deutsche Hofmusik vorführte, ist heute eine Sache für Kenner – ausgefallen, ja fast ein wenig elitär.
Dabei waren weltliche Kantaten wie jene, die jetzt in der Stiftskirche erklangen, „Bachs Alltagsgeschäft“. So formuliert es Grychtolik selbst; die vertonten Texte, sagt er, seien, weil sie zu bestimmten Anlässen komponiert wurden, „Eintagsfliegen“ gewesen und nach der Aufführung rasch vergessen. Dennoch hat Grychtolik sich an zwei von ihnen herangemacht und Erstaunliches zutage befördert: Zu der „Schäferkantate“, bei der es sich übrigens um die weltliche Urfassung des bekannteren „Osteroratoriums“ handelt, gibt es ein zwei Jahre jüngeres Schwesterwerk mit (fast) derselben Musik und einem leicht veränderten Text – Parodie nennen das die Musikwissenschaftler. Dieses Schwesterwerk, die sogenannte Geniuskantate, ist eines der Geburtstagsstücke, die Bach jedes Jahr aus Dank für seinen Förderer Joachim Friedrich Graf von Flemming schrieb.
Zwei Mal fast dasselbe Stück: gleiche Musik, veränderter Text
In der Stiftskirche hörte man jetzt also zweimal fast dasselbe Stück – allerdings nur fast. Alexander Grychtolik hat die „Schäferkantate“, die Helmuth Rilling schon 1967 in einer älteren Rekonstruktion erstmals einspielte, neu gefasst. „In der damals verwendeten Fassung“, erklärt er, „haben die Rezitative eher nach 19. Jahrhundert geklungen. Bei uns wirken sie eher wie Kunstfälschungen.“
Beim hörenden Vergleich der beiden Kantaten stellt man jetzt überrascht fest, dass die vertonten Affekte trotz der unterschiedlichen Anlässe gleich geblieben sind – nur das Vokabular, die Namen der Beteiligten und der szenische Rahmen der beiden verkappten Miniaturopern unterscheiden sich ein wenig. Bei der Deutschen Hofmusik übernehmen exzellente Instrumentalsolisten die konzertierenden Solopartien von Flöte(n), Oboe und Geige, und bis auf kleinere Intonationsschwächen beim Bass Stephen MacLeod glänzen auch die Sänger (Gudrun Sidonie Otto, Elvira Bill, Daniel Johannsen). Grychtolik dirigiert vom Cembalo aus; der Klang ist luftig, der Zugriff beschwingt. Speziell die Wiegenlied-Arie im Zentrum wird im Gedächtnis bleiben. Schade nur, dass vieles im hohen, tiefen Raum der Stiftskirche verhallt und dass der Text kaum zu verstehen ist, weil keine Schallwände aufgestellt wurden.
Am Ende sind dennoch alle froh. „Glück und Heil bleibe dein beständig Teil!“ heißt es im Schlusschor der ersten, „Heyl und Lust crön’ unendlich deine Brust“ an entsprechender Stelle der zweiten Kantate. Das Publikum freut sich beschwingt mit. Und Alexander Grychtolik ist es gelungen, die „Geniuskantate“ auch als Musik für die Sinne erfahrbar zu machen. Trockene Rekonstruktions-Materie ist sie hier nicht geblieben. „Wenn man so ein Projekt nicht bei der Bachakademie verwirklichen kann“, fragt er – „wo dann?“