Adam Baldych (Mitte) und das Stuttgarter Kammerorchester unter Joosten Ellée (4. v. l.) im Wizemann Foto: Holger Schneider

Bei zwei Konzerten im Club Wizemann sind Musik des Barock und der Romantik, Neue Musik, Klassik, Klezmer und Jazz zusammengekommen. Mit dabei: Sebastian Manz und Adam Baldych.

Stuttgart - Der Held hat den Ruf des Abenteuers gehört. Er ist aufgebrochen, um Neues zu entdecken, hat äußere und innere Widerstände überwunden und kehrt zurück, innerlich bereichert und andere bereichernd. Die Erzählstruktur der Heldenreise ist ein Konzentrat alter Mythen, Märchen und Geschichten, sie prägt Filme, Romane, sogar gestalttherapeutische Konzepte, und wer am Dienstagabend im Club Wizemann beim Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters dabei war, konnte ein ganzes Ensemble voller Helden erleben. Allerdings erst am Ende, bei einer „Concerto Sinfonia“ von Johann Christoph Pez: Hier fanden die Streicher zu jener Energie und jenem filigranen Miteinander, das man zu Beginn bei Johann Sigismund Kussers erster Suite aus „Festin des Muses“ noch vermisst hatte. Da war der Klang noch flächig gewesen, und da hatten noch die Leichtigkeit, dynamische Differenzierung, oft auch die Präzision und die Homogenität in der Tonformung gefehlt, die Joosten Ellée als Konzertmeister vom ersten Geigenpult aus einforderte.

 

Zwei ehemalige Stuttgarter Hofkapellmeister, zweimal Barockmusik, hybrid präsentiert auf Stahlsaiten und mit Barockbögen: Das Stuttgarter Kammerorchester pflegt ein breites Repertoire und erobert deshalb auch die historisch informierte Aufführungspraxis. Rhetorik und Artikulation waren schon bei Kusser zu Beginn ausgearbeitet. Aber bis zum Ende des Abends ist etwas passiert, und das hat mit Adam Baldych zu tun.

Der Geschmack der Freiheit

Der polnisch-amerikanische Geiger hat für das Orchester ein Jazz-Violinkonzert komponiert, in dem er selbst den (elektronisch verstärkten) Solopart übernahm: Sinti-Jazz in dreisätzigem Rahmen, ein mit Solo-Improvisationen gespicktes, in der harmonischen Anmutung neoromantisches Stück, dessen Orchesterpart zwischen raffinierten Pizzicato-Passagen mit groovenden rhythmischen Verschiebungen und weiträumigem Farbrausch changiert. Den Musikern war die Lust an den Momenten des Loslassens anzumerken, und folgerichtig prägte der Geschmack der Freiheit auch das folgende Barockwerk. Hätte die deutsche Elf im Fußball nicht anschließend ausgerechnet durch ein Eigentor verloren: Der Abend wäre perfekt gewesen. Vielleicht sollten Jogis Jungs vor ihren Spielen Beachvolleyball spielen, um mal über ihr starres Positionsspiel hinauszukommen.

Klezmer kann ähnlich wirken. Tags zuvor beschäftigten sich am selben Ort das Casal-Quartett und der Klarinettist Sebastian Manz mit diesem Genre. Die romantische Einleitung, das a-Moll-Streichquartett des 18-jährigen Mendelssohn, präsentierten die Zürcher Musiker mit fein belebten Binnenstrukturen und mit jugendlichem Ungestüm. Aber die direkte Überleitung zu Betty Oliveros nachkomponierter Musik zum „Golem“-Stummfilm – Sebastian Manz nahm aus dem Off den letzten Mendelssohn-Ton auf und schritt dann wie die Klezmerlegende Giora Feidman blasend auf die Bühne – wirkte plump. Oder sollten hier Mendelssohns jüdische Wurzeln etwa als dramaturgisches Trampolin dienen? Hoffentlich nicht.

Sebastian Manz spielt hochvirtuos, aber sein Klezmer wirkt eher erarbeitet als gefühlt

Sebastian Manz kann Klezmer. Aber bei ihm nimmt diese Musik den Umweg über das Hirn. Viele der herrlichen melodischen Linien und schluchzenden Ornamente wirken bei ihm akademisch. Wirklich zusammen kommen klassischer Ton und Klezmer erst bei Osvaldo Golijovs hochvirtuosen „Dreams and Prayers of Isaac the Blind“ (1960) für Klarinette und Streichquartett, denn dies ist kein Stück mit, sondern eines über Klezmer, der hier mit Filmmusik, Tango und Neuer Musik zusammenfließt. Das kann man genießen. Den Ruf des Abenteuers muss man allerdings woanders suchen.