Eine der wenigen Spielszenen aus „Chuck Berry“: Der Musiker – hier mit Luftgitarre – wirkt wie der Botschafter einer bunteren Welt. Foto: ZDF

Die Musikdoku „Chuck Berry“ auf Arte erzählt von dem schwarzen Gitarristen, Sänger und Songschreiber, der die Popmusik 1955 in eine neue Umlaufbahn schoss.

Stuttgart - Es gibt viele Ereignisse der Popgeschichte, bei denen man gerne dabei gewesen wäre. Weit oben auf der Liste steht der Moment im Mai 1955, als ein gewisser Charles Edward Anderson Berry, genannt Chuck, ein vorbestrafter Autodieb, Ex-Fließbandarbeiter und Kosmetikschulenabsolvent aus St. Louis, Missouri, ins Büro des Chicagoer Plattenlabelbosses Leonard Chess schneite.

Bei Chess standen die Schwergewichte des Chicago-Blues unter Vertrag, Muddy Waters und Howlin’ Wolf, aber Leonard spürte, dass diese Musik ihren Höhepunkt gerade überschritt. Und nun stand da Berry im Büro, noch ein schwarzer Gitarrist, der Bluesnummern vorführen wollte.

Vermutlich wollte Chess den Kerl schon hinauskomplimentieren, als Berry gerade noch rechtzeitig erwähnte, dass er auch jede Menge Country-Nummern spielte. Und als er dann das erste Stück spielte, einen Blues-Country-Mix mit Stakkato-Rhythmen und hippeligem, koffeinschockrappeligem Gitarrenanschlag, war Chess klar, dass gerade der junge Rock 'n' Roll in eine ganz neue Umlaufbahn geschossen wurde.

Unterschätztes im Blick

Die Geschichte des Tanzschuppen-Genies erzählt Jon Brewers Dokumentarfilm mit respektvollem Blick auf das kreative Potenzial, die musikalischen Innovationen und die Person des Künstlers. Er bezeugt auch Berrys Einfluss auf viele, die nach ihm kamen. In „Chuck Berry“ äußern sich Rockgrößen wie Steven van Zandt, Alice Cooper, Joe Bonamassa, Eric Clapton, Gene Simmons und George Thorogood, aber auch die Witwe von Berry und sehr ausführlich Marshall Chess, der Sohn und Mitarbeiter von Leonard Chess, dessen Label Berry mit „Maybellene“, „Roll over Beethoven“, „Johnny B. Goode“ und mit vielen weiteren Hits nie gekannte Umsätze verschaffte.

Der Brite Jon Brewer hat nicht nur viele Musikerdokus gedreht, „Jimi Hendrix: The Guitar Hero“ etwa, er war auch schon selbst als Manager im Musikgeschäft tätig. Er bringt also viel Sachverstand und Innensicht mit, verzichtet bis an den Rand konsequenter Beschönigung auf die hässlicheren Anekdoten rund um seine Protagonisten, rückt aber immer wieder gern Unterschätztes in den Blick.

Minikarten des Teenager-Lebens

„Chuck Berry“ ist mit ein paar fast ins Cartoonhafte verfremdeten Spielszenen angereichert, in denen Berry wie der bunte Botschafter aus einer anderen Welt wirkt. Aber großen Nachdruck legt Brewer auf eine vermeintlich altmodische Seite des Innovators: Berry war ein großartiger Texter, ein Hymniker des Prosaischen, ein Landvermesser des Teenager-Lebens, von dem er unglaublich lebensechte, farbenfrohe Minikarten lieferte.

Obendrein war der 2017 Verstorbene aber auch ein ansteckender Optimist: In seinem Lied über eine Eheschließung der viel zu Jungen, „You never can tell“, klappt alles, was auch schief gehen könnte. Und das mehrfach wiederholte Fazit lautet: „’C’est la vie’, say the old folks, it goes to show you never can tell“. Also: „’C’est la vie’, sagen die Altvorderen, das zeigt mal wieder, dass man nie weiß, wie’s wirklich kommen wird.“

Ausstrahlung: Arte, 5. April 2019, 21.45 Uhr

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