Auf der Schwäbischen Alb gibt es sehr viele Höhlen. Foto: Landratsamt Alb-Donau-Kreis

Als Fundort der ältesten Musikinstrumente der Welt hat die Schwäbische Alb eine ganz besonderer Verbindung zur Musik. Das spürt man auch in der Musikstadt Trossingen.

Was macht den Menschen aus? Auf diese große Frage hat Museumspädagogin Barbara Spreer eine einfache Antwort: „Die Musik.“ So überzeugend trägt sie das vor, dass die Besucher im Urmu, dem urgeschichtlichen Museum Blaubeuren, brav nicken und denken: Ja klar, was sonst.

 

Spreer steht vor der schwach ausgeleuchteten Vitrine, in der eine der ältesten Flöten der Welt ausgestellt ist: sie ist zwischen 35 000 und 40 000 Jahre alt, rund 22 Zentimeter lang und wurde aus der Speiche eines Gänsegeiers gefertigt. „Bei diesem 2008 gefundenen Instrument sind vier Grifflöcher erhalten, das untere Ende scheint am fünften Loch abgebrochen zu sein, vermutlich war die Flöte angesichts der möglichen Knochenlänge nicht viel länger. Am anderen Ende des Knochens sieht man, dass der Randbereich angeschrägt wurde: das ist ein Hinweis auf die Spielweise der Flöte“, erklärt Spreer. Und fügt an, dass das Forscherteam um den berühmten Tübinger Urgeschichtler Nicholas J. Conard noch weitere Flöten auf der Schwäbischen Alb gefunden habe. „Musik war also bereits am Anfang des modernen Menschen durchaus verbreitet und Teil seines Lebens“, sagt Spreer.

Nachbauten der Urflöte

„Warum wurde damals überhaupt musiziert?“ fragt eine Besucherin. Hatten die Menschen nicht andere Sorgen? „Musik hilft den Menschen, mit Bedrohungen besser fertig zu werden: der Herzschlag der Musikanten gleicht sich an, so wird Gemeinschaft erzeugt und erlebt“, erklärt Spreer. Die Museumspädagogin greift in ihren Rucksack und holt Nachbauten der Urflöte heraus. Diese reicht sie den Besuchern, die die kleinen Instrumente betrachten, betasten und schließlich versuchen, darauf zu spielen. Dem ein oder anderen gelingt ein schräger Ton, ein helles, feines Pfeifen, man guckt sich gegenseitig zu, man lacht, versucht es noch mal. Und begreift, was Spreer meint.

Schwäbische Alb Foto: Yann Lange

Eine Könnerin auf den Eiszeitflöten ist Gabriele Dalferth. Die Musikerin veranstaltet Eiszeitflötenkonzerte unter anderem im Hohle Fels bei Schelklingen. Dort werden nach wie vor Ausgrabungen vorgenommen. Vor dem Eingang der Höhle wartet Ausgräber Rudi Walter, genannt „Steinzeit-Rudi“. Er führt die Gruppe durch die eindrucksvolle, kühle und feuchte Höhle. Auf einem Vorsprung mitten in der imposanten Halle steht Gabriele Dalferth in zotteliges Leder gekleidet und beginnt zu spielen: die Akustik in der leeren, riesigen Halle ist sensationell, die Melodien sind fremdartig. Man würde sich nicht wundern, käme jetzt gleich ein Mammut ums Eck.

Dalferth spielt nicht nur verschiedene Flöten, sie baut sie auch selber: „Im Achtal und im Lonetal sind viele Fragmente gefunden worden, die Flöten zuzuordnen sind. Die Instrumente waren so gut erhalten, dass ich sie rekonstruieren konnte“, erläutert Dalferth. Doch auf der Schwäbischen Alb wurden nicht nur Flöten gefunden, in der Musikstadt Trossingen kann man das einzige komplett erhaltene Saiteninstrument aus dem frühen Mittelalter bestaunen, die sogenannte Trossinger Leier. Sie ist im Museum Auberlehaus Trossingen ausgestellt. Museumsleiter Volker Neipp erklärt, dass die lehmhaltigen Tonschichten in Trossingen und Umgebung die hölzernen Grabbeigaben in einzigartiger Weise vor dem Verfall gerettet hätten. Außerdem konnte man in einer Grabbeigabe Reste eines Starkbieres nachweisen: „Das älteste Bier stammt von hier“, reimt Neipp.

Wo die Saurier flöten

Das Auberlehaus wird von sehr engagierten Ehrenamtlichen am Laufen gehalten. Volker Neipp ist das, was man gemeinhin ein Original nennt: witzig, unangepasst, begabt. Er weiß sehr viel und weist die Betrachter der Leier darauf hin, dass es in Trossingen die größte Dichte an Dinosaurierfunden überhaupt gibt. Über 100 Skelette wurden in der Region gefunden. Wer ahnt denn so was? „Doch Trossingen ist so musikalisch, da gingen sogar die Saurier flöten“, scherzt er.

Ein Workshop mit alten Instrumenten im Haus der Volkskunst. Foto: Annette Schwesig

Das Auberlehaus ist nicht das einzige Museum in Trossingen. In der Musikstadt gibt es auch noch das Deutsche Harmonikamuseum. Auf dem historischen Areal der Musikinstrumentenfirma Hohner befindet sich auf über 800 Quadratmetern Fläche eine weltweit einzigartige Sammlung von nahezu 30 000 Harmonika-Instrumenten.

Zwischen den beiden Museen besteht Konkurrenz. Es geht um Besucher und um Exponate. Das Harmonikamuseum wird von Salvatore Martinelli geleitet, einem promovierten, umfassend gelehrten Historiker mit hohem wissenschaftlichen Anspruch. Das macht die Ausstellung spannend, erwartet man doch bei einem Gegenstand, der einst als Instrument für Kinder und Betrunkene galt, nicht gerade zeitgeschichtlich Erhellendes. Eindrücklich ist die zerschossene Mundharmonika namens Schwabentreue. Dieses Hohner-Modell, in einer Brusttasche aufbewahrt, rettete einem schwäbischen Soldaten das Leben. Martinelli führt die Besucher weiter zu einer Hörstation mit dem Originalton einer Miniatur-Mundharmonika und erklärt: „Diese sogenannte Little Lady wurde 1965 an Bord eines Raumschiffes geschmuggelt und gilt somit als erstes im Weltall gespieltes Musikinstrument.“

Draußen in der beschaulichen Innenstadt Trossingens, sagt der Leiter des Donauberglandtourismus, Walter Knittel: „Hören ist das neue Sehen. Nur so erreicht man die nachfolgende Generation.“ Darauf könne man hier besonders gut reagieren. Den Tourismus in der Region soll deshalb ein neuer „Klangpfad“ nach vorne bringen. Der ungewöhnliche Spazierwanderweg wird fünf Kilometer lang sein, an ihm werden zehn Klanginstrumente installiert. Mit dabei bei der Ausgestaltung ist die renommierte Trossinger Musikhochschule. 2026 soll der Pfad die Gegend zum Klingen bringen.

Schwäbische Alb

Anreise Mit dem Zug nach Ulm, dann weiter mit dem Bus nach Blaubeuren bzw. nach Schelklingen. Oder mit dem Zug in die Musikstadt Trosssingen, www.bahn.de .

Unterkunft
 Das Albgut in Münsingen bietet auf dem ehemaligen, denkmalgeschützten „Alten Lager“ originelle und ruhige Unterkünfte. Die weitläufige Anlage mit zahlreichen kleinen Manufakturläden und Veranstaltungsräumen schließt unmittelbar an das Biosphärengebiet Schwäbische Alb an. Frühstück gibt es in der Cantine BT 10 auf dem Gelände. Doppelzimmer ab 142 Euro, www.albgut.de .Das Encanto-Stadthotel liegt mitten in Balingen und verfügt über geschmackvolle, moderne Zimmer und ein sehr gutes Frühstück. Im Haus befindet sich auch ein vietnamesisches Restaurant. DZ/F ab 140 Euro, www.encanto-balingen.de .

Essen und Trinken
Im Gasthaus Schützen in Münsingen gibt es leckere schwäbische Gerichte, www.gasthaus-schuetzen.com/ .Im traditionsreichen Tübinger Restaurant Mauganeschtle isst man nicht nur vorzüglich, sondern man sitzt auch sehr schön: Im Sommer auf der Terrasse, im Winter in der geschmackvoll eingerichteten Gaststube, www.mauganeschtle.de .Die Küche auf dem Hofgut Hohenkarpfen in Hausen ob Verena (zwischen Tuttlingen und Spaichingen) ist mehrfach ausgezeichnet worden und überzeugt durch die Mischung aus regionalen und internationalen Speisen, www.hohenkarpfen.de .

Aktivitäten
Im urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren sind die ältesten bekannten Musikinstrumente der Menschheit im Original ausgestellt, Infos unter: www.urmu.de/welterbe/musikinstrumente .Der Hohle Fels im Achtal nahe Schelklingen ist eine der größten Hallenhöhlen der Schwäbischen Alb. Es finden hier nach wie vor Ausgrabungen statt. Dennoch kann die Höhle besichtigt werden. Öffnungszeiten und weitere Informationen: www.museum-schelklingen.de/hohle-fels/oeffnungszeiten-fuehrungen. Im Haus der Volkskunst in Balingen erfährt man alles über traditionelle Alb-Musik und typische Instrumente wie Hirtenhörner und Schäferpfeifen. Es werden auch Workshops angeboten, außerdem kann man dort auch sehr gut schwäbische Hausmannskost essen, www.schwaben-kultur.de .Im Museum Auberlehaus in Trossingen ist das Trossinger Leiergrab mitsamt der einmaligen Leier ausgestellt: es ist das einzig komplett erhaltene Saiteninstrument aus dem frühen Mittelalter: www.museum-auberlehaus.de . Außerdem in Trossingen: www.hohner.de ; www.harmonika-museum.de .

Allgemeine Informationen
Tourismus Baden-Württemberg, www.visit-bw.com/de ; Schwäbische Alb Tourismus, www.schwaebischealb.de