Der spanische Regisseur Calixto Bieito hat im Schauspielhaus Stuttgart das Erfolgsmusical „Cabaret“ auf die Bühne gebracht. Kann die Inszenierung mit der berühmten Filmversion mit Liza Minnelli mithalten?
Bleich ist die Fratze des Wahnsinns. Mit weit aufgerissenen Augen unterm hellblonden Schopf blickt dem Publikum die Zukunft entgegen. Ein Nazikobold mit Steppschuhen springt auf die Bühne, in kurzen Hosen, im Trachtenjäckchen mit einem aufgestickten Herz, das keineswegs liebevoll schlägt in diesem vermeintlich freiheitlich gesinnten Vergnügungsetablissement.
Hier glimmen schon die Reichsflaggenfarben Schwarz-Weiß-Rot. Der Conférencier ist eine Karikatur, die mit eiskaltem Frohsinn den Ton angibt. All das zeigt an, dieses feixend vorgetragene „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ ist ein vergiftetes. Das ist der Grundton in Calixto Bieitos Inszenierung des berühmten Musicals „Cabaret“ im Schauspielhaus Stuttgart, der bei jedem Song Schmerzen im Ohr verursacht.
Hervorragender Tanz, tolle Musik
Der Berliner Nachtclub ist, wie sich erweisen wird, nur vorgeblich ein Ort der Freiheit. Ein Ort, an dem die Libertinage, das freie Spiel der Geschlechter gefeiert wird, um zu vergessen, was draußen herrscht (und was auch heute virulent ist) – Inflation, Armut, Arbeitslosigkeit, Antisemitismus, politischer Extremismus, Demokratieverdrossenheit. Die hervorragenden Tänzerinnen und Tänzer (Choreografie: Juanjo Arqués) und das von Nicholas Kok geleitete fulminante Orchester zelebrieren die Lust am Leben nur fürs Hier und Jetzt.
Die Lieder und Szenen, die Liza Minnelli in der Verfilmung von 1972 unsterblich gemacht haben, werden aufs Ensemble verteilt, wobei die Lust an der Verkleidung deutlich Vorrang vor Sanges- und Tanzkünsten hat. So etwa, wenn Klaus Rodewald einen bejubelten Striptease zum Song „Mein Herr“ hinlegt und mit seinem mit Rüschenhöschen bedeckten Hintern wackelt.
Dass Glitter und Flitter, Schminke und ondulierte Haare, Federboas und Männer in Frauenkleidern allein noch keine freie Gesellschaft ausmachen, zeigt sich, wenn der Conférencier, gespielt von Elias Krischke, mit aggressiv ordinären Gesten die Szenen aufmischt.
Der Schauspieler fühlt sich sichtlich wohl im Scheinwerferlicht, er irrlichtert am Premierensamstag zwei Stunden lang unermüdlich über die Bühne, begnügt sich selbstredend nicht mit der Moderation. Derart schmissig sind seine Gesangs- und Tanzeinlagen, dass die antisemitische Dimension in einer eifrig beklatschten Nummernrevue mit einer Person im Affenkostüm schier unterzugehen droht.
Calixto Bieito – der sich vor Jahrzehnten einen Namen mit als skandalös bezeichneten Arbeiten gemacht und schon einiges im Stuttgarter Schauspielhaus und nebenan in der Oper inszeniert hat – hatte vor der Premiere angekündigt, den politischen Hintergrund nicht eigens zu betonen.
Er wolle sich, so der spanische Regisseur, mehr auf die zwischenmenschlichen Geschichten des Werks von Joe Masteroff (nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood) konzentrieren. Auf die Sängerin Sally Bowles (Paula Skorupa), die sich in den von Gábor Biedermann linkisch dargestellten Dichter Clifford Bradshaw verliebt und schwanger wird, aber nicht ihre Karriere für Kind und Familie aufgibt – auch wenn die Karriere in Nazideutschland stattfindet.
Auf die Zimmervermieterin Fräulein Schneider (Anke Schubert), die sich in den sanftmütigen Obsthändler Schultz (Michael Stiller) verliebt, aber nicht heiratet, weil sie merkt, dass er seines Judentums wegen verfolgt werden wird. Auf das sich prostituierende und alternde Fräulein Kost (Marietta Meguid), das kaum mehr weiß, wie es die Untermiete bei Fräulein Schneider finanzieren soll.
Doch gerade weil das Singen, Tanzen, Feixen, weil die Nummern so glatt und glamourös über die Bühne gehen, wird das Unbehagen übers schleichend wirkende Nazigift umso größer. Etwa wenn eine Verlobungsfeier von dem Nationalsozialisten Ernst Ludwig (Valentin Richter) kühl abgebrochen wird, als er Fräulein Schneider anrät, lieber nicht zu heiraten.
Denn der Verlobte, der Gemüsehändler Herr Schultz, sei „nicht deutsch“, er sei jüdisch. Und sie will ihren Gewerbeschein nicht verlieren – da kann er also noch so schöne Orangen an Fräulein Schneider und ihre Untermieterinnen verschenken und noch so verschämt liebevoll mit der angebeteten Dame um eine kostbare Ananas herumtanzen und für einen der charmantesten Momente der Inszenierung sorgen.
Aufkommender Nationalsozialismus: Jeder Ton ein Schlag
Wenn dann der Dichter Clifford Bradshaw seine Abscheu vorm Antisemitismus artikuliert, tritt wiederum der Conférencier in Aktion: Elias Krischke erklimmt das Podest, wo die Musik spielt, und drischt aufs Schlagzeug ein – jeder Ton ein Schlag für den Dichter, der sich vor Schmerzen am Boden windet.
Freundin Sally steht daneben, mit Leidensmiene, sagt nichts, wirkt am Ende gar vorwurfsvoll, als sie Cliff den Laufpass gibt, weil sie ihren Beruf behalten und nicht mit ihm emigrieren will – obschon sie ihre Karriere am Ende den Nazis verdanken wird. Paula Skorupa unterspielt diesen berechnenden Zug der Figur, betont lieber den emanzipatorischen Anspruch der Sängerin.
Diese moralischen Verstrickungen zeigt der Abend dann doch ziemlich eindringlich. Und damit knüpft Bieito an seine beeindruckende Inszenierung aus dem Jahr 2019 von „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth über die präfaschistische Stimmung in Deutschland an. Käme noch eine Inszenierung über diese glamouröse, doch abgründige dunkle Zeit hinzu, könnte man von einer Serie sprechen. Bis dahin darf sich das Staatsschauspiel über eine Erfolgsproduktion und über vermutlich viele ausverkaufte Vorstellungen freuen, die die Auslastungszahlen in erfreuliche Höhen treiben dürften.
Das Erfolgsmusical
Cabaret
Das Schauspielhaus Stuttgart zeigt das Musical wieder am 21., 31. März, 1., 2., 14.–16. April. Neben Paula Skorupa spielt als zweite Besetzung Inga Krischke die Figur der Sally Bowles. Die Schauspielerin ist die Schwester von Elias Krischke, der den Conférencier gibt. www.schauspiel-stuttgart.de
Verfilmung
Acht Oscars erhielt der „Cabaret“-Film von 1972, darunter den Oscar für Liza Minnelli als beste Hauptdarstellerin.
Autor
Der Engländer Christopher Isherwood (1904–1986), auf dessen Texten das Musical unter anderem beruht, lebte von 1929 bis 1933 in Berlin. Er gilt als Ikone der Schwulenbewegung.