Der Dichter Friedrich Hölderlin und seine Philosophen-WG-Mitbewohner Schelling und Hegel (von links: Benedikt Immerz, Jan Wallner und Simon Belzner) Foto: factum/Andreas Weise

In Lauffen ist das Rockmusical „Hölder“ uraufgeführt worden. Der Dichter wird plötzlich ganz aktuell.

Lauffen - Man könnte es sich einfach machen mit Friedrich Hölderlin, wenn man ihn zu seinem 250. Geburtstag auf die Bühne bringen will: eine unselige Mutter, eine unglückliche Liebe, ein umnachteter Dichter – Hölderlins Leben bietet alles, was ein Drama braucht. Doch Götz Schwarzkopf, der zentrale Autor und Komponist des Rockmusicals „Hölder“, das jetzt in Lauffen am Neckar seine Premiere gefeiert hat, geht den ganz schweren Weg und stellt das philosophische Manifest zum deutschen Idealismus in den Fokus, das Hölderlin 1793 mit den Freunden Hegel und Schelling verfasst hat. Das ist harte Kost – doch in dieser Aufführung fängt die Philosophie auf wunderbare Weise an zu singen, zu tanzen, zu klingen und zu schweben.

 

Eine ideenreiche und immer wieder bewegende Aufführung

Was die annähernd 250 Menschen auf, neben und hinter der Bühne in dreijähriger Arbeit ehrenamtlich geschaffen haben, würde jedem professionellen Stadttheater zur Ehre gereichen. „Hölder“ ist eine moderne, ideenreiche und immer wieder bewegende Aufführung geworden und darf schon jetzt als ein Höhepunkt des gesamten Hölderlinjahres bezeichnet werden.

Im Kern geht es um die Frage, was Friedrich Hölderlins Sehnsucht nach dem Offenen, was seine Begeisterung für die Französische Revolution und was seine Idee der Schönheit und des neuen Göttertums uns heute noch zu sagen haben. In einer Schulklasse wird das Manifest der drei Geistesgrößen besprochen, doch Lotta (Melisa Özel) und ihr Freund Robin (Jonathan Wein) interessieren sich eher für Fridays for Future und für ihre persönlichen Probleme – bis sie verstehen, dass auch Hölderlin in einer Zeit der Wende gelebt hat und wissen wollte, wie man die Welt retten und wie der Mensch wieder eins werden könnte mit der Natur.

Das Thema kommt locker und doch ernsthaft rüber

In 17 Liedern, die mal rockig, mal als Rap und mal als Piano-Schmusesong daherkommen, wird dieses Thema auf eine lockere und dennoch ernsthafte Weise betrachtet; Hölderlin wird so plötzlich ganz aktuell und dürfte auch für Jugendliche interessant werden. Dass es in der fast dreistündigen Inszenierung keine Sekunde lang ermüdend wird, dafür sorgen viele verschiedene Elemente. Da sind etwa die drei Chöre des Lauffener Hölderlin-Gymnasiums, die mehr als hundert Personen umfassen: Wie ein antiker Chor scheinen sie das Geschehen musikalisch zu kommentieren, und in den besten Momenten wirkt es so, als verwandelten sich diese Stimmen in Götterworte und als gäbe es aus dem Dunkeln des Saales heraus endlich Antworten auf das, was Friedrich Hölderlin am Ende verzweifeln ließ.

Viele poetische Bilder gefunden

Da sind aber auch die vielen poetischen Bilder, die die Regisseure Eva und Uwe Ehrenfeld sowie Jule Hölzgen gefunden haben. Kinder der Tanz-AG des Hölderlin-Gymnasiums begleiten wie kleine Engel ein Liebeslied, zwei Grazien (Gruppe La Passion) tanzen immer wieder anmutig durch die Szene, als stammten sie aus einer anderen Welt; so wird die Schönheit der Sprache Hölderlins in visuelle Eindrücke umgesetzt. Auf drehbaren Leinwänden tauchen Handschriften Hölderlins, aber auch historische Fotos von Demonstrationen, Kriegen und Revolutionen auf – immer und immer wieder geht es in „Hölder“ um das Bemühen der Menschen, eine bessere Zukunft zu schaffen. Die fünfköpfige Band Hölders Welt sorgt für eine teils mitreißende Liveatmosphäre, und auch die schauspielerischen und gesanglichen Qualitäten der 19 Laiendarsteller können sich sehen und hören lassen. Nun haben Götz Schwarzkopf, der Mitautor Volker Kießling und all die vielen weiteren Lauffener schon viel Erfahrung mit solchen Produktionen; „Hölder“ ist nicht die erste Großinszenierung in der Stadt. Dennoch: Hier ist das Schwere ganz leicht und das Düstere ganz hell geworden – allein durch die heilende Kraft der Poesie.